Drei Uhr.
Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und
steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege
entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm
auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An
der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer
durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt.
Ginstermann ist nicht hingegangen.
Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen.
Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war,
während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und
Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er
hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre
geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt
-- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben:
und er war nicht hingegangen.
Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht.
Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es.
Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und
sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie
immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf --
Adieu Bianka!
Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch
immerhin ein bißchen lieb, wie?
Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm
herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz.
Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . .
Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er
Treue bewahren.
In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her,
während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich
den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß.
Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an
den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war
Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden
Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist
du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige
Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer
schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand
ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist
»sie«? Kennt ihr »sie«? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das
Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum
Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine
Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die
Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum.
Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein
dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?
Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte
flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.
Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und
man prophezeite ihm eine große Zukunft.
Und dieses Mädchen . . .
Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt
sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit
beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und
küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt.
Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im
Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die
Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der
Boden wogt.
Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den
elfenbeinernen Tasten.
Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt
geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über
sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen
berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt
seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den
Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und
singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz.
Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den
Elfenbeintasten.
Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich.
Der Spielende steht auf und lächelt.
Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen.
Wissen Sie, wie das hieß?
Weshalb fragen Sie mich das?
Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei
Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind
heiß.
Das junge Weib regt sich nicht.
Das junge Weib regt sich nicht.
Es liebt ihn.
Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht.
Seine Augen sind schwarz und blitzen.
Es war ja nur eine Improvisation.
Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über
die Elfenbeintasten.
Und wieder lauscht das junge Weib.
Die silbernen Vögel singen seinen Namen.
Und wieder . . . .
Und wieder . . . .
Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten
Hände zittern.
Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde.
Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht.
Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken
über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter
Freund . . . .
Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens, da singen die silbernen
Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium!
Martyrium!
Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere
. . . .
Nun wollte er Bianka schreiben.
»Verehrte Freundin!« begann er.
Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin.
Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese
Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann
könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht.
Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so
sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine
Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu
beschönigen, ohne zu verschlimmern.
Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und
Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe.
Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen
Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es
für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den
Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren.
O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß
gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib
und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All
das. Aber das ging ja nicht.
Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen
heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht.
Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene
Freundschaft?
Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser
letztes Gebot.
Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten.
Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung
flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen,
das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein
Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft.