Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug.
Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue
Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt,
erfüllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der
Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln
und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die
stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten.
Irgendwo heulte ein Hund.
Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich
selbst bezwang.
Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf.
Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde
Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. --
In dieser Nacht schloß er kein Auge.
Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen
Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich
flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde
schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer,
Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern
auf: der Tag.
Es schlug sechs, sieben, acht.
»Nun ist er dort,« sagt er, und die Augen fielen ihm zu.