Er ging.
Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu
sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.
Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand
gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen
Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden.
Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an
wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.
Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer
Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern
zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß
Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer
netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er
am Hause auf und ab ging.
Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig.
Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von
der »Religion der Gottlosen« handelte, zur Hand, um sich auf andere
Gedanken zu bringen. --
Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt.
Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden.
Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann
hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas
Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen
erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten
herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu
widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht
mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden,
keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck
fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie
die Zähne zweier Räder ineinander.
Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung
des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. --
Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre
Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte.
Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen
Spaziergang.
Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.