Der verbeugte sich leicht und sagte: »Dr. Scholl.«

Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl

der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei.

Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe.

»Erklären Sie mir, bitte --? Bin ich krank?« fragte er.

Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette

nieder und entgegnete:

»Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen

Sie sich?«

»O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange

und tief geschlafen hatte.«

»Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen

hereinkommt?«

Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt

darüber.

Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges

Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes,

seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen.

Und der Blonde sagte: »Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.« Er

hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.

Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den

Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ

sich zurück in die Kissen fallen.

»Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte«, sagte er und

lächelte. Nein, er lachte.

Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!

Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel

leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch

Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.

Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend.

»Wie lange bin ich krank gewesen?«

Er sei acht Tage krank gewesen.

»Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein

Schuhmacher bestellen.«

Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine

Erregung zu verbergen.

»Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?«

»Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel

arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.«

Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.

Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand.

»Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie

erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?«

»Sie ist noch gar nicht abgereist.«

»So, Fräulein Schuhmacher --«

»Nein. Es gab ein Hindernis.«

»Jawohl.«

Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In

den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die

dort drunten herumsprangen und jauchzten.

Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle

Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er

unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste

eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses.

Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären,

aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege.

Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß

du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel,

wie kommt diese Leiste an deine Türe?

Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß

es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im

Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen.

Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen

tanzten -- waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im

Spiele gewesen.

Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in

ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden.

Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist.

Es war etwas dazwischen gekommen.

Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen

Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende

Luft! Nur heiß war es, sehr heiß.

Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze

vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten

gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe

und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die

Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft.

Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende

Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich.

Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume

herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte.

Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön

für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war

weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war

augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen

warmen Augen.

War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?

Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.

Bianka, Bianka . . .

Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das

Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße,

erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude.

Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.

Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte.

»Sind Sie müde?« fragte der Arzt.

Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde.

Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im

Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern

dargestellt.

Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige

Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.

Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage,

ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage

seiner Gedichte abgesetzt sei.

»Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr

Doktor!« sagte er lachend. »Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?«

Dr. Scholl lachte ebenfalls.

Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.

Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das

andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei

abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.

War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der

acht Tage im Fieber gelegen.

O, nun -- nun -- o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein.

Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn

berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem

anderen zuzurufen.

Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf,

wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz,

durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den

ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.

Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen

Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.

Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?

». . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den

Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der

Mensch mit dem Menschen ab . . .«

Ah, er sprach über moderne Literatur.

»Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama

noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner

schöpferischen Zeit.«

Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und

drehte den Kopf zur Wand.

Ob ihn das Sprechen störe?

»Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.«

Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein

Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder,

sanft und unaufhörlich.

». . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu

wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der

Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen

sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.«

»Wie sie die Straße dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete

Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.«

. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie

haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den

Adern. »Das ist die Rose«, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: »Ihr

mußtet sie holen.«

». . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung

schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst

eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich

für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen

Sie >Auferstehung<, ich finde --«

»Unser Ziel ist der Einzelne.«

»Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten

denken . . .«

. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den

Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen

Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie

sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will.

Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und

stirbt . . .

». . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz

befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die

Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --«

. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, König Skule -- es heulen die

Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt

ein Spatz -- o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in

deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen

-- klung -- klung . . . »Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind

ist morgen tot.« -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule

noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und

geht schellenklingelnd zur Tür hinaus.

Klung -- klung -- je schöner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod

gefällt -- klung -- -- kling -- klung --

König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal.

Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft

heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal.

Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?

Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das

Gesicht verhüllt wie das erste.

König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den

Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken.

Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist

wachsfahl und ohne Leben.

König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen

Kopf.

»Wann?« fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen

Blicken.

»Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen

kommt?«

Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden.

»Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.«

»So laß in die Posaunen stoßen.«

Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe

aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde

Roselinds Leben retten.

Still wird's um die Burg.

Die Posaunen rufen.

»Nimm dies!« König Skule entblößt die Brust.

»Es ist alt. Es muß ein junges sein.«

Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.

An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in

düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger

auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel

grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den

Vorhang.

Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in

der Schlacht.

Roselind -- -- --?

Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules

Thron und spricht: »Ich bringe dir mein Herz.«

Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.

Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand.

Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf

dem Fensterbrett und grinst. »O Skule -- König Skule --«

»Werft ihn in Ketten!« befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt

das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?

»Ich bringe dir mein Herz.«

Der König hebt die Hand.

In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand

reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe.

Stille.

Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt

verzückt die Hände.

Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt.

Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen.

Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.

Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden.

Tipp--tapp--tipp--tipp . . .

»Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!«

»Klung--klung--kling-- ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .« --

Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein

Gespräch beendend, wieder ans Bett.

»Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.«

Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.

»Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt.

Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja

interessieren.«

»Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.«

»Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten

gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.«

»Adieu.«

Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte.

Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag

im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . .

Roselind -- Roselind . . .

Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.

Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen

Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald.

In Skules Reichen ist nicht Schöneres.

Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.

Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 44 / 62 题