Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.
Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er
träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf
einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner
Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches
paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer
Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen
und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten,
leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.
Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war
eine weibliche Stimme.
Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme,
dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die
Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.
Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens
abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die
Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische
Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als
schnitte jemand ein Buch auf.
Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich
sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde
dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und
las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein
blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der
linken Wange.
Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich
unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um,
ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang
und braun.
Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen.
Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, daß der
Betreffende beim Sprechen lächelte -- dicht neben ihm: »Wie fühlen Sie
sich?«
Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch
gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart.