Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle
um, ihre Erregung zu verbergen.
»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.
Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten
auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände
strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.
Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall
gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde
verschwunden.«
Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah
zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.
»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja
damals schon, daß du ein Dichter bist.«
Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten
Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener
Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene
Luftbläschen.
»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich --
glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich
erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich
wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht
bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in
Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in
Nizza --.«
»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann.
»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir
denn?«
»Danke, es ging.«
»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst,
Henri?«
Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie
herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.«
Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein
Schleier.
»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst
alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du
mir nicht die Hand geben, Henri?«
»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.«
»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?«
»Ja, gnädige Frau.«
»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.«
Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.
»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.«
Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert.
»Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als --
Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.«
Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.
Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich
zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz
zuckte er darüber.
Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen,
gnädige Frau.«
Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie
lächelte.
»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm
ihre Niederlage nicht eingestehen.
Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen
röter zu sein.
Sie ging.