Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug
hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.
Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.
* * * * *
An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus
dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der
Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße.
Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an
der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer
anderen Stelle.
Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.
Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.
Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte
kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die
Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge
schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.
Ginstermann stand auf und machte Licht.
Nun war es überwunden.
Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von
Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen
Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt
vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.
Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese
Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die
Verzweiflung beschwören.
Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu
kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und
fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich
auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu,
verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in
bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf.
Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken
quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück
Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment
auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte
endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges,
winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.
Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und
lächelte.
Nun war es überwunden.
Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in
die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an
seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn.
Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen
eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört
hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.
Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er
es überflog, er las es nicht zu Ende.
Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von
Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.
Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer
Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.
Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.
Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:
Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit
Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie
erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf
die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien
sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!
Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen
genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.
O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht
doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!
Und sie spien den Propheten ins Gesicht.
Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte
Pappe, nichts als bronzierte Pappe.
Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!
Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen,
dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.
Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd
in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der
Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.
Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand
wie aus Stein.
Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten.
»Seht!« rief er, »seht!«
Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein
winziger Stern mit grünem Lichte.
Hoho, schrien sie, hoho?
»Seht! Seht!«
Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten
sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha!
Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser
bronzierte Pappe sein!«
»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist
aus reinstem Golde!«
»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns
betrügst du kein zweites Mal!«
»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe
zu dem letzten Stern empor.