Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn
energisch in die Höhe.
»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter
Kerl!« sagte er halb ärgerlich.
Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf
den Tisch, daß es nur so krachte.
»Sehen Sie her! Diese Nacht!«
»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein
Filou, er ist ganz nüchtern.«
Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf
schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand
lesen.
Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße?
»Schwesterseele, holde!«
O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da?
»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.«
Hahahaha.
Da seien die Sterne gemeint.
Hahahaha.
Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.
Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und
während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen
senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens
festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein
Schwarm Vögel, der höher und höher stieg.
Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte
Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier
gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht!
Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus,
elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli
saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige
Wolke wirbelte.
Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein
Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.
Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich
lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!«