Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.
Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.
Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der
Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch
erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der
Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches
blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne
Aufhören, rings um die Erde herum.
Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne
verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen;
die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche
Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.
Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch
nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen
standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter
und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen
und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder
erweckend.
Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die
vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche
schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der
Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die
Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte.
Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen,
letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre
persönlichen Erlebnisse und Wünsche.
Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie
war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und
Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu
vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu
verfolgen.
Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen
in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden
müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch
wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre
Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur
Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar
unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es
erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.
Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie
maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das
Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.
Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß
die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner
geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner
seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie
und zielbewußten Energie.
Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender
Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat
ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend
geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte
in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er
Biankas Freundschaft genoß.
Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte,
der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar,
zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner
Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und
es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß
eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln
zur Erstarrung bringt.
Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich,
entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm
in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine
Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein
Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie
besitze.
Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie
einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und
nie überschreiten ließ.
Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für
Minuten ins Wanken brachte.
Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen
Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an
der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja
entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick
von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach
Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.
Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte
er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre
Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann
beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses
unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und
sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« --
In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor
Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde
er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner
Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.
Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war
ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt,
bedeckte er mit Tränen der Freude.
Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus.
Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem
Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste
die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!
Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden
entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist
Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele
breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte!
Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie
gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und
mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen
einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte --
Niemand darf es wissen, niemand!
Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel
flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist.
Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O,
was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.