Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- --

Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte

depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. --

Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis

schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ.

Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg

wie die Wasser eines Brunnens.

Er nahm die Feder und schrieb:

Das Haus im Hain.

Yester und Li wohnten in dem Haus

im Hain und waren noch nicht sechzehn

Jahre alt.

Sie wußten nicht, wann und wie sie

in das Haus gekommen. Eines Morgens

erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte

und lächelten einander zu. Sie hatten

ihre Hände im Schlafe gefaßt.

»Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte

verzückt, »das ist Killi-hiwi!«

»Killi-hiwi singt am schönsten von

allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.

Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem

Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte.

Er war so klein wie ein Taubenei, seine

Stimme war Silber. Er sang jeden

Morgen zu ihrem Erwachen und war

dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.

Das Haus stand in einem Hain weißer

Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem

Laub. Es war klein und weiß,

schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah

es von weitem aus. Es hatte blinkende

Fenster, die Tag und Nacht offen standen,

und blitzende Beschläge an der Türe. Die

Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe

führte in den Garten, auch sie war aus

grünem Glase. Rings um das Haus

standen Beete von Hyazinthen, oder von

Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das

ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue.

Yester und Li wußten es nicht anders.

Sie wunderten sich nicht darüber. Sie

streiften den ganzen Tag umher. Der

Hain war sehr groß, sie waren noch nie

an sein Ende gekommen. Sie dachten

auch gar nicht, daß er ein Ende haben

müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder

die von ihren Schultern herabfielen. Sie

jagten einander und jauchzten von früh

bis nachts. Immer hatten sie Sonne und

einen Himmel, der funkelte wie ein blauer

Edelstein. Des Nachts stand ein großer

grüner Stern über ihrem Hause, und er

wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne

wiederkam.

Vor dem Hause, da war eine tiefe

runde Quelle mit einer Bank aus weißem

Marmor herum. Sie sah aus wie ein

tiefes klares Auge und Li meinte, der

Himmel blicke aus dem Grunde. Man

sah selbst am Tage die Sterne durch den

Brunnen wandern, so tief war er.

Li saß oft auf der Bank und warf

Steinchen ins Wasser. Und jedesmal,

wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es,

und ein goldener Fisch mit kreisrundem

Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken

tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?

Er mußte kommen, er mußte fragen.

Li befahl nichts, sie freute sich an dem

drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal

kommen. Er wurde nicht böse.

Yester aber stand, während sie spielte,

an eine Birke gelehnt und sah ihr zu.

Sie erschien ihm selbst wie eine Blume.

Ihre Hand zart und durchscheinend wie

die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar

spiegelte sich im Wasser, in der Quelle

schien ein Feuer zu brennen, es zerrann

in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte,

aus dem Grunde schien ein seltsamer

flimmernder Blumenkelch zu wachsen.

Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser,

als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen

grün wie die Blätter der Birken,

durch die die Sonne scheint.

Dann besann er sich jedesmal, was er

ihr Liebes erweisen könne.

Yester liebte Li über alle Maßen. Li

liebte Yester über alle Maßen.

Ihr Haus lag im endlosen Hain, und

der endlose Hain lag am Morgenrot. --

* * * * *

Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel

hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und

er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.

Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte

ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause.

Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er

aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er

empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch

am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.

Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor,

entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder,

zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum

und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es.

Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm.

Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete,

über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die

seltsame Worte sangen.

Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das

waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu

fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre

Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte.

So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde.

Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin.

Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher

und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt

hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft

von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den

Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!«

Li! Li!!

Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit

mehr.

Bogen um Bogen füllte er.

Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und

herrlich ist.

Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.

Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er.

Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der

Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als

ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die,

eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg --

Krieg. -- --

Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.

Allah ist groß -- es war Tag.

Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der

Büste stehen und küßte ihre Schulter.

Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.

Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn

mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.

Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am

Geländer fest, um nicht zu stürzen.

Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.

»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?«

Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe

stattgefunden.

»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte

Erzesse nicht.

»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit

einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.«

Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife,

lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.

»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen

kopierend.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 29 / 62 题