Und da lachte auch er.
Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken
kann, ohne die Augen dabei zu schließen.
»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder
zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand,
deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!
Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut,
kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein
Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling
siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.
Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.
Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er
stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern.
»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit
weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten.
Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe?
Nach Belieben.
So setzt er sich in den Schaukelstuhl.
»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich
verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen
Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen
hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne
daß eine starb.«
Sie zündet die Kaffeemaschine an.
»Rauchen wir?« fragt sie.
Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.
Sie rauchen und plaudern.
Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie
haben doch etwas mitgebracht!«
Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll.
So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.
Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie
sogar.
Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn.
Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann
kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie
ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht
wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.
Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus.
Ihre Mama habe es ergriffen.
Er verneigt sich tief.
Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«,
sagt sie. Sie ist so gut.
Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht,
daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf,
nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten,
ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand
abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein.
Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem
Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich
bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.
Endlich muß er aufbrechen.
Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon
zu lange.«
O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es
ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.