Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge.
Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet.
»Herr Ginstermann!«
Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte
Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die
Linke, und fort war er. »Verzeihung, ich will arbeiten«, rief er dem
verdutzten Mädchen zu.
Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende
nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben!
Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten
konnte, bis die Lampe in Ordnung war.
Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den
Blick nicht mehr von ihr wenden.
Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie,
blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine
Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn
sie ihn anblickte.
Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher?
Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen
gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine
Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren
Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so
weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name.
Er stand auf und trat vor die Büste.
Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz
quoll über. Er war nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend
Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten
lautlos ihren Namen.
O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken!
Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren
Laute, die aus seinem Innersten kamen.
»Ava -- ava«, flüsterte er.
Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen,
bedeutete es vielleicht: ich liebe dich!
Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los.
»Adieu«, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. --
Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er
trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute
liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu
erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn
jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz:
»Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern
würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.«
Sie lächelt und sagt: »Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier
Handschuhe kaufen.«
Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres
Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat.
So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist
nun gekommen.
Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung
mit ungeschickter Verblüffung entgegen.