Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rücken. -- --

Nach einiger Zeit bat Fräulein Schuhmacher Ginstermann, dessen plötzliche

Mißstimmung ihr auffallen mußte, ihr einiges über seine Arbeiten zu

verraten.

»Es ist ihr gleichgültig, wer ich bin«, dachte dieser bitter, »sie geht nur

mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.«

»Was arbeiten Sie gegenwärtig. Ich interessiere mich dafür, es ist nicht

Neugierde.«

Ginstermann blickte sie an und lächelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das

versöhnte ihn einigermaßen mit sich. Einerseits fühlte er sich in seiner

Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm

ordentlich wohl, daß jemand von ihm wissen wollte.

Er fuhr fort zu lächeln und sagte: »O, das ist nicht so einfach zu sagen.

Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen

--« Er räusperte sich.

Eine heiße Welle überflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand

wollte wissen, was er schrieb?

Sollte er ihr die Hände küssen?

Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand

intressiert sich für dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich

wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand über ihn streicht, wie? Haha.

Und er begann zögernd Gedanken und Pläne auszukramen. Seine Hände bebten,

er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrücken, seine Lippen

zitterten.

Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal!

Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, während er sie sachte in das Innerste

seiner Seele führte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen

Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfüllte ihn.

Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier über, der sie verallgemeinerte,

dann ließ er, seine letzte Scham überwindend, die Schleier sinken und ließ

ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so süß, so albern und verrückt

es ihr auch erscheinen mochte.

Heiße Blutwellen durchliefen seinen Körper, er zitterte vor Erregung. Sein

Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug

löste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjährigem

Schlafe erwacht.

Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Tränen fielen. Seine

Seele pulsierte in feinen Worten.

Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme!

Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen

und zündete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an

und sah dem Mädchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten,

er lachte und von all dem wußte er nichts.

Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf

Kommando drehten sie am Ende immer um.

Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend

Hoffnungen, tausend Pläne.

»Ich will nicht auf den Trümmern kauern und schluchzen, wie die anderen

alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer

Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort

mit Lüge!«

Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gänge

zu tausend anderen. Alles was unbewußt in ihm geschlummert, brach ans

Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit

blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten

Kraft.

Eine Blüte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg,

ohne jeden Gedanken.

Und er baute weiter, immerzu, der Höhe entgegen. Alles, was ihm sonst

unfaßbar gewesen, rückte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden

Händen konnte er wegwerfen, seiner Schätze wurden nicht weniger, es war wie

ein Zauber.

Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strömungen: wie kommt das? Wie

ist das möglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das,

gerade ihr? Weshalb reißt es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu

zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehüllt?

Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in

nervöses Lachen aus.

Fräulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drückte sie.

Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen,

umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphäre.

Sie kamen am Wasserfall vorüber und blieben stehen, das Bild und den toten

Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genießend.

Auf einen Felsblock saß eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze

abgeknickte Feder auf dem Hute und der übergeschlagene Fuß wippte

unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch

erschien. Und während die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er:

Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer,

der verzweifelt nach einem Verse sucht.

Sie gingen weiter, und Fräulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen:

»Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzählen, Herr Ginstermann?«

Das klang wie eine Bitte, die sie schüchtern vortrug und am liebsten wieder

zurückgenommen hätte. Eine leise Röte stieg in ihre Wangen, sie beugte den

Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell

spiegelten.

»Von meinem Leben?« erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf.

»Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?«

»Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Fräulein Schuhmacher.«

Sie blickte ihn an und war erstaunt, daß er heiter lächelte.

»Wie das?«

»Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub für mein ganzes

Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.«

Er lachte wieder, ganz vergnügt.

»Ich begreife das nicht.«

»Ich bin glücklich, wenn ich daran denke. Der Haß macht glücklich, Fräulein

Schuhmacher.«

Pause.

Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort:

»Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es

ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham

mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack

stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen

nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die

Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren -- so könnte ich

höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und

Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die

Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei

all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das

Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich

kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache

ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem

auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter.

Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben

dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem

Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere

später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien

walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das

Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert.

Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere

sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121.

Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O,

der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er

sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert

das Schicksal nicht.

Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die

Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale

ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer

daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen

zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser

Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere

kindische, göttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, daß das alles

Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.«

Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend:

»Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter

bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den

Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und

schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während

die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in

der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht.

Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es

waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten

auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten

sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in

sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete

Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch.

Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las

es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein

Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem

Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen

hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges

über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter

Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es

war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich

nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum

»Fressen« geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst

nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die

Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht

kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.«

»Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.«

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 21 / 62 题