X.

Samstag.

Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, und

sagte: »Samstag.«

Er hatte lange und tief geschlafen und fühlte sich in erwartungsvoll

heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dämmerung das große

Glück wetterleuchtete.

Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen

noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel

herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden

Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte.

Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit

dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht

verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch

ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen.

Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes

hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu

strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit

hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den

Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu

heischen.

Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block

von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und

lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen

Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben

winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen.

Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu

seinen Liebhabereien.

Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es

nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust

war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend,

seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die

bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen.

Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke

zu sprengen, wenn er sich streckte.

Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die

einer Wiedergeburt entgegensah.

Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk

gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen,

reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen

der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines

Armes, als studiere er einen fremden Körper.

Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen.

Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse

von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung

seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten

wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und

die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr

zweifaltiger Gott.

Endlich ging er an die Toilette. Er überschwemmte seinen Körper mit Wasser

und lief fröstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fußspuren

hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen

netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmöglich, in seinem

geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen

Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse

hinlegen müssen, aber das war ja vorläufig einerlei. Fix und fertig trat er

vor den Spiegel. Der Anzug saß außerordentlich gut, als sei er für seine

Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen

ruhig-vornehmen Eindruck.

Zur Vervollständigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen

verräterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwächt hatte, und erblickte

nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann,

der sonderbarerweise sein Gesicht hatte.

Er lüftete grüßend den Hut und sagte: »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« dabei

lächelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen überzog ein Hauch von Röte, und

diese Erscheinung machte ihn verblüfft wie ein Wunder. Gemächlich nahm er

seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit,

die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte.

»Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio?« sagte er zu sich. Er lachte und

erwiderte sich selbst: »Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb

sollen die Lahmen nicht tanzen?«

»Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein

Waffenbruder die Flucht ergreift.«

»Man merkt, daß du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz

ist nicht mehr frisch.«

»So frisch noch, um das Faule deiner Ausflüchte zu spüren, Antonio. Ein

Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stieß

und rief --«

»Man merkt, daß du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast,

die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.«

»Donna Claudia --«

»Nun muß deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.«

»Die Schnelligkeit deiner Einwürfe beweist mir, was mir gar nicht mehr

bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia läd zum Tanze, und das ganze

männliche Venedig schläft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor

der Hochzeit. Wenn man euch hört, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel

an einer Gabel, aber das Lächeln einer Frau macht euch zu tänzelnden

Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen

Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrübchen

eines rosigen Mädchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schädel kämpfte

und mit dem Satan in persönlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben für

den Kuß eines zierlichen Frauenknöchels. Und Antonio --«

»Antonio ist nach Palermo abgereist.«

»Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile

hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe

haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch

drückt -- dieser nämliche Antonio, ihr Herren, so hört doch! schlüpft in

den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze läd.«

»Ein Fisch könnte sich ertränken.«

»Ein Weib könnte die Wahrheit sagen.«

»Ich wünschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi könnte Zeugin deiner

mannhaften Entrüstung sein.«

»Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen!« --

Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig

den Rest ihrer Gefühle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene

bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegespräch der Marchesa

Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden

Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mußte unbedingt seinen Lohn

haben.

Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er

trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach

Hause.

Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die

Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des

Kehrichtwagens zeterte.

Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus,

um sich die Zeit zu vertreiben.

Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste

breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des

fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich

schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie

sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende

Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die

Küchenfenster lockte.

Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die

Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum

die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem

Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu

werden, trällerte er vor sich hin:

Juhei, juhei, der Tag ist da,

er tanzt als wie ein Narr herum,

mit heija--halleluija

tanzt er die alten Häuser --

ja alten Häuser um. Juhei!

Juhei, juhei, der Tag ist da,

ein wilder, kecker Bengel,

mit heija--juhaheirassa

hält er mich untern Pumpen --

ja untern Pumpenschwengel. Juhei!

Juhei, juhei, der Tag ist da,

mit einem Strauß von Düften,

dann hängt er mich mit juhaha

an einen hohen Kirchenturm --

ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa!

Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar

Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde.

Er sah auf die Uhr.

Es war sieben, noch nicht sieben.

* * * * *

Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den

Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des

Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um.

Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von

Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse

Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.

Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät

zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als

habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht

zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in

den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge

beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe,

ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu

können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus

gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und

einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit

einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade

auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee.

Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen.

Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise

wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden

Blättern.

Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war,

geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der

der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen

Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können.

Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern,

ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann,

der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe

weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose,

keine Sekunde stillestehende Maschine.

Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn

wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine

kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal,

das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl,

das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in

die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das

gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses

Rendezvous mit einer jungen Dame.

Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf

dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet

war.

Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen

. . .

Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.

All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte

vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich

gut ging, zwei Monate lang.

Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem

Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte

ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre

Augen zufällig darauf fallen konnten.

Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder,

die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang

sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre

Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten.

Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie

spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren,

schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei

Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so

üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es

hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln

summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so

eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das

Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.

Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das

glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens

weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend,

und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in

den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich

mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland

seiner Seele schimmerte.

Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit

mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine

wegzuziehen.

»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle

mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.«

»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!«

»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.«

Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr

Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam

der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte

an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit

versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig

waren.

Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd:

Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . .

Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen.

»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem

Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend.

»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen

Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?«

Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen

Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete.

»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.«

Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte.

Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich.

Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er:

»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.«

Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter.

»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er

war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.«

Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns

Gesicht.

»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?«

»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar,

das sie hat, feiner wie Seide.«

»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß

antworten?«

»Bitte, bitte.«

Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube!

Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.

»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.«

Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur

die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt.

»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts.

Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu

warten.«

Das verstünde sie nicht.

Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus

dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung

der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und

somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken.

Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das

Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen.

Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die

Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war

Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr

geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie

das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines

Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die

Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten

sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank

gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind

kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage.

Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf

welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so

würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres

Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte

wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke,

auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner

Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil

es der Stimme seiner Natur gefolgt war.

»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und

ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her

und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --«

In diesem Momente schlugen die Uhren drei.

Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper.

Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung:

»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen.

Auf Wiedersehen.«

Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten,

nicht der Verdacht eines Schattens.

Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst

befallen und hielt den Schritt an.

Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie

abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die

wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was

sollte sie mit ihm?

Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel

lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht.

Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden.

»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!«

Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine

Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert.

Sie stand oben.

Sie stand wirklich und wahrhaftig oben.

Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und

blickte über die Wiese.

Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter

seinem Busche stehen und beobachtete sie.

Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem

Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete.

Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der

wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht

man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung?

Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte

und langte ganz außer Atem oben an.

»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte.

Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit

einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere.

Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese

spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut.

»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst

nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte,

waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch.

Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert.

Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der

Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab.

»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er.

Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen,

unwillkürlich.

»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg

ein.

Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem

Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas

dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen

hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen.

Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen

wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er.

Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum

erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor.

Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die

Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war

nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne

die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr

war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht

daran denkt, daß der Becher einen Boden hat.

Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens

auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst

wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und

er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne

die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war.

Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten,

erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend.

Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das

Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen

vorüberging.

Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei?

Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung

suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer

radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die

soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung,

mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun.

Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse

begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches

Wohl gehe.

»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des

erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen

basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus

entstandener.«

Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der

Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der

Kultur erwünschtes sei.

Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er

dachte vieles andere, während er sprach.

Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit

im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man

besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der

Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen,

darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist

es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine

Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib,

das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist?

Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe

des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?

»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß

das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben

wird.«

»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß

ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau

lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem

Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen

etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen

kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst

ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie

berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin

betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln

der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist.

Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit

dem Manne in jeder Hinsicht erringen.«

Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte

Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den

grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten,

überwunden hatte.

Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese

gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das

Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da

nicht verzagen?«

O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen,

lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu

empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu

verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre

Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen

zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken

schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat

Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das

gefunden.

Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der

sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige

Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer

rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.

Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet

hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens.

Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und

gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in

den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte

und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?

Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier

und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?

Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden.

»Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es

sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung

handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine

Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen

Gelehrten?«

Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte

ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes

gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und

roch an den Blättern.

Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen

Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge

sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das

Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft

zu kommen, bald aus der Erde.

Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte

ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer

indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem

Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine

Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß

es unvermittelt in Galopp überging.

Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz

anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer

Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte.

»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich

kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich

glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit

Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer

Dirne, bei der es aus- und eingeht.«

Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die

Schwalben da droben, er hörte zu.

»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann

an: »Das ist mein Bruder.«

Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten

Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde,

ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes

auf sie selbst zurückfiel.

Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie

durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine

Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine

kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen

Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben.

Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen

hatte, da war noch etwas anderes:

»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst

zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine

Vergangenheit.«

Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er

sich betäubte, um nicht zu verzweifeln.

Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem

Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde.

Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen.

Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen

davon, sprechen!

Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige.

Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine

Vergangenheit langsam darüber.

Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er

mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt.

Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten

Goldstaub auf den Weg.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 20 / 62 题