Frau Lu sah ihr verwundert nach, wie sie mit leichten, fliegenden
Schritten den stillen Weg entlang ging und ihren Blicken entschwand.
* * * * *
Isolde ging in einer wundervollen Extase, in einem ihrer heißgeliebten
Seelenräusche, in dem wundervollsten Seelenrausch, den sie je empfunden,
durch die weiße Morgenstille.
Jetzt stand sie und lauschte.
Sie lauschte auf die Bewegungen ihrer eigenen Seele.
Es hatte sie ein fremdes, unerträgliches Weh durchzittert, ein Weh, wie
es der betäubte Totkranke empfindet, wenn er das Messer des Arztes
fühlt, den schneidenden Schmerz wie aus der Ferne, durch die Narkose
hindurch, fremd und wie mit ihr unzusammenhängend.
Wem galt es? Ihr? War's ihr eignes Weh? Und weshalb?
Isolde begann zu laufen.
>Das muß man abschütteln mit aller Kraft, -- sonst frißt sich's ein.<
Und sie lief einen stillen Wiesenweg entlang, lief und lief.
Das Herz schlug ihr, die Pulse klopften und ihre Seele lief auch durch
ungemessne Räume -- körperlos.
Also dem Tod lief sie zu?
Ja, und mit ausgebreiteten Armen.
Nein, sie kroch ihm nicht entgegen.
Gottlob! Das fühlt sie mit Jubel, sie kroch nicht!
Dann hatte sie doch etwas im Leben erreicht. Dann war sie doch etwas.
Und da war es wieder das wunderbare Gefühl. Sie empfand sich wieder als
der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des geistberaubten Weibes, der
Sklavin aller Völker.
Und da brach ein Jubel in ihr auf.
»Und habt ihr eine Welt auf mich geworfen -- ich breche durch! Und habt
ihr mich verschüttet mit Schutt von Jahrtausenden -- ich breche durch!«
Da mußte sie aufschreien im Kraftgefühl.
Dann barg sie ihr Gesicht in einen vollen, jungen Buchenbusch, der am
Wege herrlich entfaltet stand, weich und grün, feucht und flaumig.
Sie kühlte ihr junges Gesicht in seinem duftenden Laub. Sie wühlte es
ganz darin ein, wie in die Freuden der Erde.
»Wie in die Freuden der Erde!« Das sagte sie weich und innig. Dann warf
sie sich nieder und küßte den Boden auf dem sie stand.
»Ich komme wieder!« rief sie laut. »Ich komme wieder!«
Und wie im Gebet preßte sie die Hände ineinander.
Ja, sie wollte wiederkommen -- und sie mußte wiederkommen. Das war ihr
fester, großer Wille, ihr heiliger Entschluß.
Es gab hier eine Welt dumpfer, dummer, matter Seelen, Halbtierseelen!
Sie wollte einen tiefen Todesschlaf halten, der die Kräfte stählte; dann
wollte sie wiederkehren, stark und rein und gut -- und mächtig -- alles
vermögend, mit der Kraft zu erlösen.
So stand sie unerschütterlich, Herrin über Leben und Tod -- in der Wonne
ihrer großen Kräfte schon entrückt -- und wartete auf die Sonne.