Leise kommt Isolde näher. »Lu« ruft sie. »Weshalb bist du denn schon
auf?«
»Isolde, du!«
Ein verweintes, überwachtes Gesicht wendet sich Isolden zu, dann gehen
die beiden Frauen eng aneinanderangeschmiegt in dem von weißem
Dämmerlicht übergossenen Garten auf und nieder. -- Lu zaghaft; ihren
bloßen Füßen thun die harten, kühlen Kiesel weh.
Wie still ists auf der Insel der Seligen mit ihren schlafenden
Frühlingsblumen, ihren Buchenbäumen und Büschen, die alle das junge Laub
wie einen zarten Schleier tragen! Lu flüstert mit von Weinen erstickter
Stimme:
»Isolde, bitte Gott, daß du nie einen Menschen liebst.«
»Nein,« sagte Isolde, »das werd' ich auch nicht.«
»Mein >Guter< sagt: laß deine Liebe wie Schnee sein; selbst kühl, alles
wärmend, was sie berührt. Das ist erlöste Liebe. --
Du lieber Gott, da müßte man ganz anders werden. Mich hat heut wieder
ein Schrecktraum aus dem Bett getrieben. Die Todesfurcht für ihn. Man
lebt doch wie vor einer Hinrichtung.«
»Ja,« sagt Isolde mit eigentümlicher Betonung.
»Du bist heut so sonderbar,« sagt Frau Lu.
»Nein -- du. Weshalb giebst du dich dem Schicksal nicht hin? Weshalb
sträubst du dich wie ein Tier? Das ist unvornehm von dir -- nein -- im
Ernst, das ist deiner nicht würdig.
Du lebst neben diesem großen, guten Menschen und jammerst immer.
Und daß sein Werk vielleicht nicht vollendet wird, deshalb quälst du
dich. Du bist eitel!
Das Werk ist in ihm vollendet.
Du bist doch noch Herdentier, Lu. Nein, du mußt ganz anders werden. Ja,
werde du wie Schnee; gewiß, so sollst du auch lieben.
Man kann nicht wie Schnee verliebt sein -- aber lieben -- und du liebst
ja.
Lu und eins -- kümmere dich nicht so viel um ihn -- er ist sich ja
selbst genug; beunruhige ihn nicht.
Du bist so begabt, eine von den ungeheuer wenigen Frauen, die ihre
Begabung kennen.«
Isolde schlang leidenschaftlich die Arme um ihre Freundin und drückte
sie an sich. »Lu arbeite! Arbeite dich zu Tode meinetwegen, Lu. Verzehre
deine Kräfte in deiner Arbeit, aber nicht in Liebe und Angst. Sei ein
geistiges Geschöpf. --
Gieb mir deine Hand und schwöre mir, die Jahre, die du über die Erde zu
gehen hast, willst du ehrlich thun was du kannst,« sagte sie warm.
»Zieh die Liebe in dir nicht so unselig groß. Siehst du, wir Frauen
neigen dazu, alles in die Liebe zu legen.
Wir haben die Liebe zu einer Art Untier gezogen, zu einer Bestie. Sie
hat unsern Geist gefressen. Wir haben uns an ihr arm und dumm gefüttert.
Gieb mir deine Hand und schwöre mir, daß du ehrlich thun willst was du
kannst mit ganzer Kraft!«
»Ja,« sagte Lu -- »wie du.«
»Ja, wie ich. Ich thue was ich kann.«
Auf ihrem Gesicht lag eine große Ehrlichkeit und Weltentrücktheit.
Sie war von einer Schönheit, die Frau Lu ganz eigen berührte.
»Du herrliches Kind,« sagte sie.
»Sag das noch einmal,« bat Isolde.
»Weshalb?«
»Weil ich mich ganz voll davon trinken will,« antwortete Isolde heftig.
»Weißt du, und deinem Guten gieb du einen Kuß, wenn er heut Morgen hier
hinaus in den schönen Garten kommt, einen Kuß von mir auf seine Stirn
und sag' ihm: jeder Gedanke von ihm soll gesegnet sein. Und danke ihm
für alles, was er mir gesagt hat und was er an mir gethan hat.
Und sag' ihm, ich geh jetzt, ganz reingebadet -- ganz frei und erlöst
und sehe die Sonne aufgehn!