Isolde hatte ihren Schwager Henry Mengersen, den großen Künstler,
erschossen.
* * * * *
Tiefe, tiefe Stille lag über der Welt.
Die heilige Stunde, die mit Mensch und Tier nichts zu schaffen hat, nur
mit der stummen Erde, die vorweltliche Dämmerstunde, in der die einsame
Seele vor der großen Stille erschauert, vor der Stille ohne den
Menschen, die Stunde in der die Erde Ruhe hat vor dem gierigen Volk mit
seinem Jagen und Hetzen, und Fressen und Wüten, seinem Weisethun und
Sich-wichtigmachen, seiner Qual und Todesfurcht, seinem Elend, -- die
heilige Stunde, in der der einsam wache Mensch einmal nicht Herdentier
ist, sondern ein Großes, jetzt stilles, von Lebensruhe nur noch
vibrierendes Stück Natur.
Und in dieser heiligen Stunde steht Isolde erstarrt vor der Leiche ihres
Schwagers.
Mörderin!
Das Wort schreckt sie nicht.
Sie ist ruhig.
Der Anblick schreckt sie auch nicht. Ganz wunderlich fühlt sie sich, als
wäre sie so gesund wie noch nie.
Sonderbar.
Das ist das hervorstechendste Gefühl.
Gesund, -- stark, -- ruhig.
Sie hat Gericht gehalten.
Tief ernst ist sie.
Sie empfindet sich nicht als kleines Lebewesen, als ein Tropfen im
Nichts.
Sie steht hier vor dem Toten als der Begriff Weib.
Sie hat einen großen Künstler, einen Geistesmenschen, einen
schöpferischen Menschen brutal getötet.
Das beunruhigt sie nicht.
Sie steht hier als eine, die die Hälfte der Menschheit in sich faßt, die
Hälfte der Lebenden und Toten, die Hälfte des Riesenreiches der Toten,
in das das kleine Häuflein Lebender unausgesetzt hineinschmilzt.
Sie steht hier als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des
geistberaubten, unentwickelten Geschöpfes, dem alles geboten werden
darf, das alles hinnimmt, waffenlos und rechtlos jeder Erniedrigung
gegenüber. Was sie jetzt gethan, wiegt keinen Hauch gegen das, was sie
empfindet und überschaut. Es ist nicht der Rede wert, was sie that.
Ja, so empfindet sie.
Ihre Seele ist ruhig und vornehm und gelassen. Sie überschaut alles,
weiß, was sie zu thun hat -- ist mit allem einverstanden.
Sie will noch einmal der Sonne entgegen wandern und will die Sonne noch
einmal aufgehen sehn.
Das denkt sie.
Den kleinen, zierlichen Revolver steckt sie zu sich und verläßt ihr
Zimmer ohne zurückzukommen. Henry Mengersen liegt, wie ein Baum gefällt,
der Länge nach im Zimmer. Er liegt auf dem Gesicht, die Arme weit von
sich gestreckt.
Er ist sehr schnell gestorben -- ein paar heftige Zuckungen, denen
Isolde regungslos vor Entsetzen zugesehen hatte.
Ihr Hirn arbeitet jetzt ruhig und sicher. Keine Empörung ist in ihr,
kein Sträuben.
Am Garten ihrer Freunde will sie noch einmal vorübergehen. Dahin zieht
sie's jetzt unwiderstehlich.
Ein Wunder auch dies! so kommt es ihr vor -- da steht Frau Lu am
Gartenzaun, mit dem Rücken gegen die stille Waldstraße.
Sie steht im langen, weißen Nachtgewand mit bloßen Füßen.
Wie es scheint, blickt sie auf ihre Blütenbäume, die in dieser
weißlichen Dämmerung unsäglich feinfarbig sich von der Luft abheben,
ganz anders als am Tage, als schliefen auch sie und träumten.
Fledermäuschen schwirren -- und lassen hin und wieder sonderbar
glucksende Tönchen hören.
Es ist so still -- so still -- leises Vogelgezwitscher. Das Licht ist
gleichmäßig, von keinem Punkte ausgehend.
Eine Ruhe sondergleichen. Isolde bleibt jetzt stehen und blickt auf die
weiße, regungslose Gestalt.
>Was hat sie wohl aus dem Schlafe gescheucht? Was thut sie? Was denkt
sie?
Steht sie hier, um mir Lebwohl zu sagen?