Isolde löste das Paket und nahm aus dem Kästchen einen kleinen,
zierlichen Revolver.
>Sonderbar,< dachte sie.
Und aus diesem »Sonderbar« spann sich eine lange, lange Kette von
Gedanken und Gefühlen.
Eine schwere, drückende Kette.
Auf die Kniee war Isolde wie von einer Last niedergezogen; den Kopf an
den Tischrand gestützt, so blieb sie lange unbeweglich, den kleinen
glatten Revolver zwischen den Fingern. Die Thür ihres ebenerdigen
Gartenzimmers stand noch weit offen.
Die herbe, frische Luft, die die schäumende Isar mit sich bringt, drang
zu ihr ein.
Da draußen reckte und streckte sich jedes Blättchen, ungeheure Massen
zarter, grüner Lebewesen. Es lag ein Werden, ein mächtiges Gedeihen, ein
Sich-ausbreiten-wollen im Dunkel.
Die Luft war wie berauscht von all dem jungen Atem, den sie in sich
trug.
Isolde schluchzte wild und bitterlich auf.
Was hatte sie im Leben?
Wen hatte sie im Leben?
War denn das, was sie lebte, das Leben? Das wirkliche, wahrhaftige,
lebendige Leben?
»Ah -- einsam!« Sie reckte die Arme, als wäre sie ans Kreuz geschlagen
-- und blieb so lange, lange Zeit wie im Schmerz erstarrt.
Über ihr Gesicht rannen langsam Thränen.
Die Seele war von der großen Sehnsucht des Lebens, nach Glück, gepackt.
Die jungen, starken Sinne wollten in Daseinsjubel ausbrechen -- und
hatten nichts, um in Jubel ausbrechen zu können -- nichts -- gar nichts
-- auch gar nichts!
Das, was ihr allein lebenswert erschienen war, ihre Kunst, schrumpfte
zusammen, zu einem Unsinn, einer Besessenheit, zu einem Unglück.
>Und alles ist wie ein Weinen im Wald<, klang es ihr durch das
Bewußtsein.
Was konnte sie denn? -- so ein Tappen im Dunkeln. Es wurde ja doch
nichts.
Gegen das was sie wollte -- was hatte sie erreicht?
Ja, wäre sie ein Mann! Da lohnte es sich, für die Kunst zu leben und zu
sterben, sich martern zu lassen.
Da lag die große, glänzende Vergangenheit des Mannes über seinem Wollen
wie eine Sonne, die ihm leuchtete, ihm Leben gab und Mut machte, die ihm
alles verhieß.
Aber sie als Weib! Da lag die tote, leblose Vergangenheit des Weibes
über ihr wie eine tote, dunkle Masse und drückte und erstickte und
machte jede Bewegung schwer, über jeder Hoffnung lag sie, über jeder
Freudigkeit -- ah -- das war etwas Trostloses, da wurde man so müde --
so müde. Da sanken die Hände herab in Trostlosigkeit wie vor
Unmöglichem.
Und wie war sie trotzdem immer tapfer gewesen!
Aber heute nicht mehr -- nein, heute nicht mehr.
Die Arme, die sie wie ans Kreuz geschlagen gehalten hatte, sanken herab.
Nein, heute war sie ganz fertig. Sie hielt noch immer den kleinen
glatten Revolver in der Hand. Er war warm geworden von dem Lebensfieber,
das in ihr tobte.
Da ging sie nun über die Erde und hatte nichts und hatte niemanden.
Wenn Lus »Guter«, ihr geliebter Freund, noch einmal auf der Welt zu
finden wäre -- ja -- dann!
O, wie geborgen wäre sie dann. -- Du glückselige Lu!
Ja, so eine Insel der Seligen, -- so geliebt werden -- so lieben! Wie
ein guter Geist ging er neben Lu her.
Jetzt stellte sie sich vor, wie er sagte: »Du gewinnst in dem Maße, wie
du verlierst. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Du tauschest den Himmel ein
für die Erde, -- für den sterblichen Menschen die ewige Gottheit.
Sei selbstlos gegen deinen Nächsten, sei selbstlos gegen Fernstehende,
sei selbstlos gegen die ganze Menschheit, gegen alle Wesen, gegen die
ganze Welt.
Das ist Erlösung!