Das starre, erdfahle Gesicht über der weißen Schürze veränderte sich
nicht. Die Lippen bewegten sich, um zu sprechen, brachten aber keinen
Ton hervor.
»Nun,« fragte Karl, »was ist denn eigentlich los?«
Und da kam es -- in abgerissenen, unklaren Worten:
Dem Herrn war was passiert.
Alle drei hatten sich von den Stühlen erhoben und standen und starrten
im ersten Augenblick.
Das Hirn will das Schwere nicht ins Bewußtsein aufnehmen, das Leben soll
behaglich sein, gleichmäßig. Nur keinen Schreck, keine schlimmen
Überraschungen, das empört, das lähmt.
Da drangen Geräusche bis in den Salon, ungeschickte, schwere, fremde
Schritte.
Karl stürzte zur Thür.
Bebend, flüsternd sagte Isolde etwas und faßte heftig nach der Hand des
Mädchens.
Die starrte ohne Erwiederung -- aber der Druck ihrer Hand sagte alles.
Da wendete Isolde ihre Blicke auf die Mutter. Die stand noch unbeweglich
-- nach irgend einem Halt mit ratlosen Augen suchend.
Isolde trat zu ihr, schlang den Arm um ihre Schultern, um sie zu
stützen.
Karl hatte das Zimmer verlassen.
Die Thür war angelehnt geblieben, die Schritte draußen drangen jetzt
deutlicher schwer in den Salon.
»Soll der Herr in sein Schlafzimmer gebracht werden?« fragte das
Mädchen.
Mama ging jetzt, auf Isolde gestützt, zur Thür hinaus. Es lag etwas
Hausfräuliches in der Art, wie sie das that, etwas Geschäftiges -- ihre
alte Weise. Es gab für sie zu thun. Es mußte für einen Gast gesorgt
werden.
Drei Männer hatten Doktor Frey aus der Droschke die Treppe
heraufgebracht. Ein Droschkenkutscher, ein Dienstmann und ein Herr
hielten den schlaff herabhängenden Arm des Toten gefaßt.
Die Hand des Toten hielt ein mit weißem Wollpelz überzogenes Schäfchen
mit rotem Halsband, ein Spielzeug, umklammert.
»Er soll in sein Schlafzimmer gebracht werden,« sagte Mama langsam,
völlig klanglos.
Karl stand verblüfft, der Schreck und der Schmerz ließen seine Züge
merkwürdig dumm und ratlos im Ausdruck erscheinen.
Die drei Männer folgten Frau Doktor Frey und Isolde.
Jetzt hatte auch Karl seinen Vater mit angefaßt und blickte in das
bläuliche, schlappe Gesicht und auf den haltlosen Körper, der einer
großen, schweren Masse glich.
Der Droschkenkutscher sagte etwas, um seine Teilnahme auszudrücken,
etwas von einem »bösen heiligen Christ« -- das klang schaurig, wie die
Stimme aus einem alten Märchen.
Mamas in sich gekehrtes Benehmen stach wunderlich gegen das Betragen
aller übrigen Personen ab.
Das Hausgesinde war so außer sich, daß ein lautes Schluchzen und Heulen
den Raum erfüllte.
Karl hatte das Dumme, Ratlose, Verblüffte in den Zügen.
Isolde war vor Entsetzen ganz überwältigt, wich keinen Schritt von ihrer
Mutter -- nicht mehr sie zu stützen, um von ihr gestützt zu werden. Und
da war über Mama wieder das Nachttierhafte, Geheimnisvolle gekommen, vor
dem Isolde vor Jahren sich so gefürchtet hatte.
Wie oft hatte Mama in der langen Ehe ihren Mann tief in der Nacht
empfangen, wenn er zu ihr zurückgekehrt war, ohne daß ihr von seiner
Seele, seinem Wesen auch nur ein Teilchen mehr gehört hätte, als jetzt.
Sein Körper war zu ihr zurückgekehrt -- sein für sie toter Körper, nicht
anders als heute -- nein -- nicht anders.
Ihre Ruhe war die Ruhe langen, stummen Leidens, einer langen, schweren
Erfahrung.
Sie hatten ihn auf sein Bett ausgestreckt und der Herr, der sich als
Arzt vorstellte, versuchte das weiße Wollschaf aus der Hand des Toten zu
lösen. Es war ein so ganz unmöglicher Anblick, die gelbe Totenhand um
das lächerliche Ding geklammert zu sehn; so leidenschaftlich geklammert,
wie der Mensch die lächerlichen Dinge des Lebens umklammert hält.
Es gelang ihm nicht Doktor Frey von diesem komisch grausigen Anhängsel
zu befreien.
»Lassen Sie doch,« sagte Mama. Sie hatte den Blick nicht von dieser
gelben, armen Hand mit ihrem Spielzeug gewendet.
Jetzt sprach der Arzt mit Karl, gewissermaßen als mit dem männlichen
Oberhaupt der Familie. Er bot seine weitere Hilfe an und that allerhand
geflüsterte Fragen. Dann ging er, ein Mann in Amt und Würden, der
augenblickliche Beistand der schwer getroffenen Familie.
Isolde lag erschüttert in einem Stuhl, das Gesicht in die Hände
vergraben.
Karl ging im Zimmer hin und her und schaffte den Rock des Vaters, den
dieser vor dem Ausgehen über den Stuhl vor dem Bett geworfen hatte,
stumpf und unbewußt beiseite. Darauf goß er ein halbgefülltes Wasserglas
gedankenlos ins Waschbecken. Er machte, wie es schien, Ordnung. Seine
Züge verloren für keinen Augenblick das Verblüffte.
Mama kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, nahm die schwere Hand
des Toten sanft in die Höhe und versuchte den starren Fingern das
Spielzeug zu nehmen. Durch einen Zufall wohl, gelang es ihr leicht.
Isolde schaute entsetzt ihrem Thun zu, auch Karl.
Jetzt legte sie die Hand still behutsam zurück und blickte auf.
Ihre beiden Kinder sahen in ein bleiches, rührendes Gesicht, auf das der
Schmerz oder sonst ein Gefühl, einen Jugendhauch gelegt hatte.
Es war der Ausdruck einer weltfremden Nonne, die von Dingen sprechen
sollte, die ihr nicht über die Lippen wollten, von sündhaften, schweren
Dingen. Die Lippen regten sich wohl schon, -- die Worte fehlten noch.
Wie hilfesuchend blickte sie auf Karl und Isolde.
»Laßt es ihn nicht entgelten,« sagte sie leise bittend, -- »der Vater
hatte da was Liebes. Es ist da auch ein Bübchen.«
Sie zeigte auf das kleine Schäfchen wie zur Erläuterung.
So kniete Mama vor ihren Kindern. Die Hände legten sich ihr bei ihrer
großen Bitte wie zum Gebet zusammen.
Isolde stürzte mit einem Strom von Thränen zu ihr hin und schlang die
Arme um sie und erstickte Mama fast mit ihrer Liebe.
Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, geläutert wie reines
Gold -- ganz ausgeglüht. -- Weltfremd.
Ihr Lebtag bedrückt und mißachtet, haftete nichts an dieser Seele von
Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre hätte; -- aber
stärker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das große
Welt- und Schmerzüberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden,
durch Bedrückung und Mißachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt,
in der alle Kräfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.
Isolde hing schluchzend wie in einer erlösenden, seligen Extase an Mama.
Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.
Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so
vornehm.
Nichts Größeres auf Erden als Weib sein!
Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als könne solche Kraft, die
alte, müde Menschheit, wenn sie sich frei und bewußt über sie ergösse,
erlösen und verjüngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrückten
Mama verschüttet und begraben war.
13.
Ein dumpfer, bedrückter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an
dem die Lichter am Baum nicht entzündet wurden.
Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerührt
schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis
neuer Lebenssaft aufstieg, neue Triebe die welken, verkümmerten
überwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wäre nichts geschehn.
Henry Mengersen zog dieses Frühjahr von Berlin mit Frau und Kindern
hinaus in seine Villa nach Ludwigshöhe. Mama freute sich, Tochter und
Enkelchen so in nächster Nähe zu wissen.
Marie stand ihr so viel näher als Isolde. Marie war das Weib, das die
Wege ging, die sie selbst gegangen war.
Sie konnte Maries Leben mitleben. Marie brauchte garnichts zu sagen.
»Das ist nu ma' so, ja, siehst du -- das ist nu ma' so.« Das konnte sie
immer von Mama hören, wenn sie nur den Mund aufthat, um Mama etwas zu
klagen oder zu erzählen.
Mama wußte alles immer schon im voraus.
Sie sah gewissermaßen behaglich zu, wie Marie das Martyrium des jungen
Weibes trug, die Extasen des jungen Weibes.
Die Extasen hatten bei Mama nie eine große Rolle gespielt.
Schwere Entbindungen, lange, qualvolle Schwächezustände, kranke Kinder,
Geldsorgen, große Müdigkeit -- weiter war ihr nicht viel in der
Erinnerung hängen geblieben.
Viel geduldiger als Marie war sie gewesen, dessen entsann sie sich --
und das sagte sie auch Marien oftmals -- und das kam davon, daß Marie
doch nicht so selbstlos war, wie eine Frau sein müßte. Marie war eben
auch Papas Tochter. Beide Töchter hatten leider etwas so
Aufrührerisches, wenn gleich Marie nicht annähernd wie ihre jüngere
Schwester. Aber heute noch konnte Marie ganz verzweifelt Mama um den
Hals fallen, solcher Dinge halber, deretwegen eine Frau gar kein Wort
verlieren darf, die sich von selbst verstehn. Die Frau hat sich eben
nach dem Mann zu richten, und wie der ist, so ist er, und was der thut,
das thut er.
Dafür ist er das Haupt der Familie.
Ja und das sagte denn Mama ihr tüchtig.
Das aber war gleichgiltig, Marie nahm nichts an und wenn Mama noch so
recht hatte.
In Marie blieb etwas so Wehes, etwas so Sehnsüchtiges. Eine Mutter von
fünf Kindern, die Geschichten machte mit Idealen und so etwas!
Nein, Mama hatte auch mit Marie viel Sorge.
Da lobte sie sich Henry Mengersens Schwägerin, Pauline, die in
Ludwigshöhe mit Mann und Kindern neben Henry wohnte. Das war eine Frau
nach ihrem Sinn. Wenn eine von Mamas Töchtern so geworden wär'. So drall
und fidel wie die Frau war! Und so eine bekommt ihre Kinder wie nichts.
Frisch vordem, frisch nachdem. Und diese prächtigen Ammen und
Wartefrauen und Kinderfrauen, die sie hatte, -- ein ganzes Regiment
Weiber war da immer im Haus. Und diese Wäsche! Und wie im Hause gegessen
wurde! Ja, die verstand was aus sich zu machen. Vor der hatte der Mann
auch Respekt.
Ach ja, Mama hatte es nicht leicht mit ihren Töchtern.
* * * * *
Dies Jahr gab es einen warmen, schönen April.
Es hatte sich oben in Ludwigshöhe in einer Nacht über die Wälder wie
zarter, grüner Nebel niedergelassen. Der war wie von den Wäldern
eingesogen worden, hatte sich schmeichelnd um die rötlichen, knospenden
Buchenkronen gelegt und war daran haften geblieben in Millionen zarter
grüner Blättertröpfchen.
Ein Leuchten ging von diesem jungen Grün aus, ein durchsichtiges,
unsäglich zartes Schimmern, das die Seelen wie in ein grünes, helles Bad
tauchen ließ, die armen, rußigen Winterseelen. Und der blaue Maienhimmel
dazu, der endlich als helle Sonnenbahn hervorgebrochen war.
Ja, es wurde da oben jetzt schön. Die prächtigen Waldgärten mit ihrem
knospenden Buchenlaube, der feuchtbraunen Blätterdecke unter den Bäumen,
aus der das frische Leben in tausendfältiger Gestalt brach. Hier ein
Himmelsschlüssel, ein zerschlissenes dürres Eichenblatt um den Stengel,
dort hebt eine Familie blauer Leberblumen ein ganzes Stück Laubdecke in
die Höhe. Wie ein blauer Blick schaut es aus dem Erdreich.
In Gebers Garten blüht es wie jedes Jahr auch heuer an allen Ecken und
Enden.
Sie waren die ersten Ansiedler hier oben gewesen. Bei ihnen hatte sich
schon so mancher Obstbaum heimisch eingewurzelt und blühte zwischen den
kleinen Tannen und zarten Birken und Buchen. --
Frau Lu hatte so ein paar liebe rosige Kerlchen, gefüllte Kirschbäume
gepflanzt, die blühten, als wollten sie sich in ungezählten tausend und
abertausend rosigen Blumenbüscheln auflösen; und Apfelbäume, die ihre
ersten Knospen jugendsicher trugen.
Aus dem grünen Gras schauten weiße Narzissen und allerhand altmodische
Bauernblumen, blaue Träubchen und Goldlack.
Henry Mengersens und seines Bruders Garten haben diesen intimen Reiz
nicht, den Frau Lu ihrem Stück Land gegeben hatte; aber in ihrer Art
sind sie prächtige Besitztümer, groß und schattig.
* * * * *
Isolde war, weil Marie es brennend wünschte, auf einige Tage hinauf zu
ihr nach Ludwigshöhe gekommen.
Sie hatte da oben, wenn sie ihre Schwester zu besuchen kam, ein kleines
Zimmer in dem Gartenhäuschen einer Nachbarvilla als Absteigequartier.
Henry Mengersens Gastfreundschaft anzunehmen vermied sie, wenn es sich
thun ließ.
Es war da auch etwas, was sie in seinem Hause bedrückte und erregte.
Sie konnte das unermüdliche Werben ihrer Schwester um sein
Sich-geistig-ihr-mitteilen auf die Länge nicht ertragen.
Quälend war es Isolden von jeher gewesen, Marie im Atelier zu
beobachten, wenn Henry einem Gast eine neue Arbeit zeigte. Marie ließ es
sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen, ein wenig die
Sachverständige zu spielen.
»Henry rück es doch so -- siehst du, hier fällt das Licht nicht gut
darauf. -- -- Und das ist von allem mein Liebling, da liegt etwas darin
was einem zu Herzen geht. --
Ich hab dir doch gesagt daß die Leiste zu dem rohen Eichenholz nicht
hübsch aussieht -- nun findet es Isolde auch -- siehst du.«
Sie rückte etwas an einer Staffelei -- sie machte ihn aufmerksam, dies
oder jenes zu zeigen.
Und jedesmal traf sie derselbe spöttische Blick, sie kühl in ihre
Grenzen zurückweisend.
Über Maries Gesicht ging dann der tief wehe Zug, so gekränkt, so überaus
demütig.
Isolde wußte sich bei einer solchen Scene kaum zu beherrschen. Ein
Gefühl von Haß gegen ihn stieg in ihr auf und zu gleicher Zeit etwas wie
Verachtung gegen ihre Schwester, Verachtung und Mitleid.
In den letzten zwei Jahren hatte Isolde bemerkt, daß Marie
schwerfälliger in der Art sich auszudrücken geworden war, auch ihr
gegenüber.
Bis dahin war in Marie ein leidenschaftlicher Zug gewesen, mit der
Schwester weiter leben zu wollen. Jetzt stand sie Isolde eigentümlich
fremd gegenüber; oder kam es ihr nur so vor? Marie fragte nicht recht
was Isolde getrieben, unterhielt sie von Dienstbotenmisere, von
Kinderwäsche, klagte endlos über ihr letztes Wochenbett und lobte ihre
Schwägerin Pauline, von der sie das letzte Mal gepflegt worden war.
Henry hatte immer gewünscht, daß Marie sich ihrer Schwägerin anschließen
möchte, war aber auf Abneigung von Maries Seite gestoßen.
Jetzt war das anders geworden. Marie hatte von ihrer Schwägerin, wie es
schien, mancherlei profitiert. Man aß dies Jahr ganz vortrefflich bei
Mengersens. Paulinens Hand war überall zu spüren, ein barscherer Ton
schien auch in den Verkehr mit den Kindern gekommen zu sein, die
Leibwäsche des Kleinen hingegen war um vieles feiner und luxuriöser
geworden.
* * * * *
Kurz ehe das jüngste Kind bei Mengersens geboren worden war, hatte es
eine wunderliche Szene zwischen Mann und Frau gegeben.
Marie, in der Empfindlichkeit ihres Zustandes, war bei einem abweisenden
Blick Mengersens nicht demütig, traurig verstummt, sondern in lautes
unaufhaltsames Weinen ausgebrochen, war ihrem Gatten zu Füßen gefallen,
hatte verzweifelt seine Hände gefaßt und diese Hände heftig geküßt und
dabei geschluchzt: »Verstoß mich nicht, -- ich bin doch auch ein
Mensch!« Und das hatte sie wie sinnlos immer von neuem wiederholt.
Henry Mengersen war diese Szene unbeschreiblich peinlich gewesen.
Was wollten sie denn?
Dieses ewigen ungeschickten Einmischens von ihr in seine eigensten
Angelegenheiten war er unendlich überdrüssig geworden.
Sie hatte etwas von einer Fliege an sich, die Geduld und Beharrlichkeit
einer Fliege.
Henry Mengersen wußte gar nicht, was er ihr antworten sollte. Er wollte
sie nicht erregen, aber er wollte auch nicht schweigen:
»Marie,« sprach er, »was willst du eigentlich? Hast du etwas zu klagen,
-- so sag's. -- Aber dies ewige Nörgeln!«
Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und sagte mit unterdrückter
Erregung: »Wenn ich offen sein soll, mir ist in einer Künstlerehe, und
in einer Ehe überhaupt, der weibliche Abklatsch vom Mann in der Seele
zuwider -- einfach unerträglich! Bin ich nicht so weit Herr im Hause,
daß ich mir gestatten darf, einer Idiosynkrasie, die ich nun einmal
habe, auszuweichen? Weshalb ist es denn durchaus nötig, daß du dasselbe,
was ich sage, noch einmal verdünnt nachsprichst? Darauf kommt es ja doch
hinaus. Sag mal, findest du das so durchaus notwendig, daß du deshalb
wieder und wieder kommst und mich peinigst? Ihr habt nun einmal, wie
soll ich sagen, -- die tierischen Funktionen im Leben zu erfüllen. --
Nun, so erfüllt sie.
Jeder das Seine.
Sag doch, was hast du geleistet, das dir das Recht gäbe, mitzureden oder
mitzuhandeln? Das was ich errungen habe, rechnest du dir das etwa mit
an? Meinst du, man teilt sich in so etwas, wie in eine Torte oder wie in
ein Vermögen?
Bitte, mach dir das einmal klar. Die Frauen berühmter Männer versäumen
es gewöhnlich, darüber nachzudenken.
Du hast deine Kinder, bist dabei, sie so ziemlich gedankenlos zu
erziehen, du stehst deinem Hausstand erträglich vor, läßt mich bei jeder
Gelegenheit aber unter deinen Nachlässigkeiten leiden. Erfülle deine
Pflichten und laß alles Übrige auf sich beruhen. Nimm dir ein Beispiel
an Paulinen, die ist wie eine Frau sein soll. Haben wir uns nun endlich
einmal verstanden, Marie?«
Er sah in ein bleiches, thränenloses Gesicht.
»Ja,« sagte sie.
In diesem Augenblick klammerte sich ihre verachtete Seele an die Liebe
zu ihren Kindern, und diese Liebe wurde zu einer Extase, die jede Marter
des Herzens überwuchs.
* * * * *
Von diesem Tage an warb sie nicht wieder um die geistige Zugehörigkeit
zu ihrem berühmten Gatten. Er hatte von diesem Tag an Ruhe vor »der
Fliege«, hatte von diesem Tag an sich eines tadellosen Hauswesens zu
erfreuen.
Der Einfluß der Schwägerin Pauline begann zu regieren.
Henry Mengersen lernte jetzt das breite, behagliche Weibtum in seinem
Hause kennen, das wie eine Walze alles niederdrückt, was ihm nicht paßt.
Aber vorzügliche Mahlzeiten gab es, tadellose Wäsche, geputzte Kinder,
ein schwerfälliger Ernst -- und das Kleinste war zur Wichtigkeit
erhoben.
Ein zarter, zudringlicher Geist, der mit erhobenen Händen unermüdlich
gefleht hatte: >Nimm mich mit, laß mich nicht verschmachten<, war
verstummt. Diese arme, bittende Seele drängte sich nicht mehr an ihn
heran. Ob er das wohl bemerkte?
Den ganz kleinen Kindern vertraute Marie sich an, nahm sie auf den Schoß
und klagte es ihnen leise in die Öhrchen, was ihr gethan worden war.
Auch Isolden sagte sie kein Wort. Die fühlte nur eine große Müdigkeit
und Stumpfheit in ihrer Schwester, ähnlich der Müdigkeit und Stumpfheit,
die sie in Mama empfand. >Triste<! dachte Isolde wieder, >Triste! Gott
bewahr einen vor so etwas.<
Sie war dieses Frühjahr selbst so schwer gestimmt, so schwer wie noch
nie.
Es war doch der Tod des Vaters und der Tod selbst, der ihr das Leben so
bedeutungslos, so unnötig erscheinen ließ.
Und was für ein Leben lebte sie denn eigentlich selbst? Es spielte sich
in ihrem stillen, hohen Atelier ab; da lebte sie -- ja -- das nannte sie
»Leben«, was sie da that.
Zu einer rechten Liebe hatte sie es seit der leidenschaftlichen Anbetung
Henrys nicht wieder gebracht, hatte kein einziges Mal warm wieder als
Weib empfunden, so viel sie auch begehrt wurde.
Ihr lieber Freund, Lus »Guter« ja, der liebte ihre Seele, dem gegenüber
durfte sie sich ganz geben wie sie sich selbst empfand. Ein wunderbares
Verhältnis, das sie zu diesem seltnen Mann hatte, so wohlthätig bis in
die innersten Nerven.
An dieser Freundschaft war sie gesundet. Bei ihm fühlte sie sich als
freies, vollgültiges Geschöpf.
Hier wagte sie zu hoffen, daß sie in ihrer Kunst nach Großem streben
dürfe.
»Schaff dir deine Welt; wie du sie schaffst, so ist sie. Sie ist nur in
dir selbst, in deiner Vorstellung. Schaff sie dir und glaub an deine
Welt!«
Ja, sie hatte an ihre Welt geglaubt.
Wie sie gearbeitet hatte! Ernst und glühend, um die Seele von Schmach zu
reinigen.
Henry Mengersen hatte ihr von ihr selbst ein so tief gemeines Bild
gezeigt. Ihre junge, heilige Liebe zu ihm, ihr großes Opfer hatte er wie
etwas Schmutziges mit dem Fuß beiseite geschoben, so wenig Umstände mit
ihr gemacht, wie mit der gemeinsten Straßendirne. Er hatte sie mit
seiner Beschimpfung vergiftet, daß sie bis heute nicht wieder gesund
hatte werden können, wie andere Leute, die ihre Jugend gedankenlos
genießen. Ein tiefer, ungestillter Haß gegen Mengersen war im Grund
ihrer Seele.
Jahrelang hatte sie es mit angesehn, wie er ihrer Schwester, seinem
Weibe, dasselbe that wie ihr einst, wie er Maries Seele verleugnete und
danach schlug, wie nach einem zudringlichen Tier. Er der hochentwickelte
Geistesmensch konnte es nicht ertragen, neben sich ein Geschöpf zu
dulden, dessen Seele leben wollte. Weil das Geschöpf Weib war, konnte er
es nicht ertragen.
Unter solcher Mißachtung leben müssen, fühlen müssen, Kinder gebären
müssen!
Ja, schaff dir deine Welt und glaub an deine Welt.
>Und so schuf ich sie mir!< dachte Isolde, >eine so feine Welt! Und
meine lieben Nächsten schufen sich die Gegenvorstellung zu meiner Welt.
So ziehen die Träume der Menschen gegeneinander zu Felde und vernichten
sich gegeneinander. Nur die Träume der Menschen! -- und doch welches
Leid -- welche Qual!<
Auf Isolde wirkte in diesem Frühjahr alles so schwer und trostlos.
Sie zweifelte an sich.
Stand das, was sie in ihrer Kunst erreicht hatte, irgendwie mit dem
großen Fleiß, ihrer großen Hingebung in Einklang?
War es doch nur das elende Mittelmäßige?
Weshalb sollte gerade sie etwas Außerordentliches leisten?
Selten, selten, so viel sie wußte, nur in ganz wenigen Ausnahmefällen,
hatte das Weib mehr als Mittelmäßiges geleistet.
Nun, und weshalb sie? -- Und wenn auch sie -- so war sie eben eine
armselige Ausnahme im günstigsten Falle.
Das Widerlichste, das Unerfreulichste auf Erden ist das Mittelmäßige.
Ja, sollte man nicht das Weib mit Feuer und Schwert verfolgen, wenn es
die ungeschickte, unbegabte Hand an die Kunst legt?
Isolde empfand den großen Fluch, der auf dem Weibe liegt; erdrückend,
atemberaubend.
Nein, es war keine Freude mit klaren Sinnen, geistig so unheimisch auf
Erden zu leben.
Das, was sie in jener Nacht empfunden, was ihr den Jugendmut genommen,
hatte sich ihr ins Bewußtsein wie eingegraben, daß sie zu der Hälfte der
Menschheit gehört, die von allem Geistigen auf Erden ausgeschlossen ist,
zu der verdummten, stehengebliebenen, unentwickelten Hälfte der
Menschheit, die nur Körper ist, -- die nur Körper sein soll, für die
Geist etwas Krankhaftes, Widernatürliches, Unanständiges ist, zu der
Hälfte der Menschheit, die sie die zarte nennen -- und die im Grunde die
robuste, die ungegliederte ist, die allem Feinen, allem Lebensprühenden,
Lebenswerten, allem was Geist und Erkenntnis ist, fremd, feindlich, dumm
gegenübersteht.
* * * * *
Isolde machte in dieser Zeit weite Spaziergänge in der Umgegend,
währenddem sie dumpf und doch leidenschaftlich vor sich hinbrütete.
Henry Mengersen schien von diesem einsamen Umherschweifen seiner jungen
Schwägerin nicht angenehm berührt zu sein.
Er untersagt es ihr.
Sie standen miteinander in seinem Atelier, als er das that.
Es war in diesen langen Jahren keinmal vorgekommen, daß sie ihm Zeit
gelassen hatte, sich ihr gegenüber mit ihrer Person zu beschäftigen.
Er hatte ihre Nähe nicht wieder empfunden, seit sie, wie im uralten
Märchen, in ihrer großen Schönheit nackt, wie sie zur Welt geboren war,
vor ihm gestanden hatte, wie die, die ihre Brust geduldig dem Messer
bot, damit ihr Herr genesen sollte.
Nicht um einen Schritt hatte er ihr sich wieder nähern können, als
Künstler wohl -- und oft -- nie als Mensch.
Isolde blickte ihn daher jetzt mit kalten, erstaunten Augen an. Sie
würdigte ihn keiner Antwort und verließ daß Atelier.
* * * * *
An diesem Abend fand sie in ihrem Zimmer, als sie spät in der Nacht aus
dem Haus ihrer Schwester kam und sich schlafen legen wollte -- es waren
Gäste bei Mengersens gewesen -- ein kleines Paket und einen Brief.
Henry Mengersen schrieb ihr:
»Verzeih, Isolde,« -- sie nannten sich >du< auf Mariens ausdrückliche
Bitte -- »mich beunruhigen deine weiten, einsamen Spaziergänge. Du
gestattest mir leider keinen Einfluß auf dich, sonst würde ich dich
ersuchen, diese Gänge einzustellen. Ich bitte dich, führe wenigstens
dies kleine Ding mit dir, zu deiner Sicherheit. Verstehst du damit
umzugehen? Es ist geladen! Sei vorsichtig!