Es ist alles bereit. --

Das Hasten und Eilen des ganzen Tages ist einer leichten Abgespanntheit

gewichen. -- Der große schöne Baum hell erleuchtet. Tannennadelduft

mischt sich mit dem frühlingszarten Atem von Maiglöckchen, Hyazinthen

und Tulpen, die in einer schönen Schale, wie ein ganzes Blumenbeet, auf

dem großen Tisch im Salon unter der Hängelampe stehen und ihr zu früh

erwecktes Leben in die heiße Zimmerluft ausströmen, statt in hellen

Maiensonnenschein hinein.

Isolde geht ab und zu in das Weihnachtszimmer, schlingt noch ein paar

glänzende Fäden über einen Tannenstrauß mit Rosen, oder ordnet etwas an

den Geschenken. Die Ausschmückung des Zimmers zu Weihnachten ist immer

ihr Werk gewesen.

Wie fremd sind sich doch die drei wartenden Menschen in dem Salon --

komisch fremd.

Mutter, Sohn und Tochter. Fremd wie sich nur Familienglieder sein

können. Wie kennen sie jede Äußerlichkeit aneinander, jede Angewohnheit!

Sie kennen sich bis zum Überdruß, das heißt: jedes die Larve des andern.

So sitzen sie und hängen ihren Gedanken nach.

Was weiß Mama von dem inneren Leben ihrer Tochter und Isolde von Mamas

innerem Leben?

Sie sieht Mama sitzen in ihrem schwarzseidenen Kleid. So fein ist die

Gestalt, das müde Gesicht mit dem leidenden, etwas stumpfen Ausdruck. In

Mamas Gesicht ist etwas Ausgelöschtes.

Wer hat das ausgelöscht?

Das Leben?

Jedenfalls. Mama wird doch schon alt; noch nicht gar so alt -- -- nein.

Sie ist aber wie mitten im Leben eingeschlafen. Gerade als es anfing gut

zu werden.

Isolde denkt, wie Mama sich früher geplagt hat, eigentlich so stumpf wie

eine Magd, die fürs Leben gekauft ist, der der Herr kein freundliches

Wort zu geben braucht. Er ist ihrer sicher.

Sie kann sich nicht eines besonders liebenswürdigen Ausdruckes erinnern,

den der Vater je an Mama gewendet hätte.

>Na Alte<, so ganz gedankenlos hingesagt -- das hört sie in der

Erinnerung, so ein klein wenig Ironie dabei -- so von oben herab.

Mamas Heirat war eine Liebesheirat gewesen, gegen den Willen ihrer

Eltern.

»Ah« -- Isolde dehnte sich im Stuhl und streckte die Hände von sich.

>Triste! ... Gott behüte einem vor so etwas.<

Mama ist ein Kind geblieben, ein armes unwissendes Kind: -- müde

gearbeitet, ohne Liebe, ohne Sonne.

Isolde hat das Gefühl, sie möchte zu ihr hingehen und sie küssen und

streicheln; dann fängt aber Mama immer zu klagen an um alles Mögliche --

und auch darum, daß sie zu nichts Appetit hat und nichts vertragen kann.

Isolde weiß das schon.

Es ist für Mama nicht gut, zärtlich mit ihr zu sein. Sie kann damit

nichts mehr anfangen.

Isolde denkt daran, wie Papa vor Jahren Mrs. Wendland den Hof gemacht

hat. Er hat immer irgend eine Flamme gehabt.

Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie weiß von

Mamas Art zu denken und zu fühlen gar nichts. Und jetzt ist's mit Papa

auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.

Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thür

in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darüber

entsetzt waren.

Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergeßlich sonderbar. Sie hatten

jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blühenden, jovialen Papa,

gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im

Betragen.

Allerdings hatten sie dies Vergnügen nicht allzu oft, denn er hielt sich

viel in Berlin auf und auch in München war er, wie immer, der

Vielbegehrte.

Aber merkwürdig daß er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.

Mama saß ganz still wie vor sich hinbrütend. Ungeduldig hatte Isolde

Mama überhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur

wartend, -- auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie -- lang,

lang, das wußte Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief

nicht eher ein, bis der Vater kam.

Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht

haben?

Schrecklich.

Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll --

Nachttier-haft, rührend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas

Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?

Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.

Karl hob sich aus seinem Fauteuil, in den er sich hineingerekelt hatte

-- zog seine Uhr -- »Neune schon!«

Seine Stimme war erregt. Karl hatte auch heute Abend außer der

Familienfeier etwas vor.

Natürlich.

Er ging ein paar Mal im Salon auf und nieder, griff nach der

Abendzeitung zum so und so vielten Mal und versank wieder in dem

weichen, bequemen Polster, die Hand in seinem dicken Haarschopf

vergraben, die Blicke gedankenlos über das Zeitungsblatt hinschweifend.

Mit der Spitze seines Fußes klopfte er ungeduldig im Takt auf das

Parkett.

So ein harter trockner Ton.

Isolde wurde ganz nervös davon.

Mama sagt: »Heut kommt Papa aber spät. Das Abendessen wird uns

verderben.«

Dann saßen alle drei wieder ganz still eine lange Zeit.

»Karl, klopf nicht so mit dem Fuß auf,« bat Isolde.

Draußen an der Hausthür schellte es auf eine eigentümliche Weise.

»Das ist Papa nicht,« sagt Isolde.

Alle drei schauen wie erschreckt, wie unangenehm berührt.

»Nein, das ist Papa nicht,« sagt Mama auch. »Bewahre.«

»Na, und dreiviertel auf zehn wär's jetzt glücklich.« Karl war sehr

ungeduldig geworden.

* * * * *

Da that sich die Thür auf. Das Zimmermädchen erschien in blendend

weißer, festtäglicher Schürze. »Nun,« -- Isolde wollte weiter fragen, da

sah sie in ein paar wirre entsetzte Augen, in ein erdfahles Gesicht.

Halbtier: Roman · 第 46 / 54 题