Kleiderstoffe, ein ganzes Feld von Hüten aller Arten und Formen. --

Häßlich, wie jede Menschenansammlung, eine Anhäufung von Lappen, die

alles Menschliche versteckt, etwas Formloses, Totes, Trocknes.

Diese vielen Frauen, in ihren vielen Kleidern, bedrückten und

verstimmten Isolde.

Aus all dem Wust die kleinen, welken, dummen, vom Leben angekränkelten

Mondchen, die menschlichen Gesichter.

Was für ein Angefaultes, Angefressenes ist so eine Menschenmenge! -- so

etwas Trauriges, Schauriges, kümmerlich Verdecktes.

Vor weißverhangenen, sonnenbeschienenen Vorhängen saßen die Frauen vom

Vorstand, kräftige Matronen; ein schmaler, langer Tisch vor ihnen. Die

weißen, blendenden Vorhänge hinter ihnen ließen sie wie kompakte,

schwarze Schatten erscheinen.

Die Versammlung wurde in würdiger Form geleitet.

Ein Präsident konnte den Reichstag nicht vortrefflicher eröffnen.

Aus der Menge erhob sich hin und wieder aufgefordert eine und sprach,

mit einem befangenen Stimmchen, von ungeheuren Dingen, unter denen die

Menschheit seufzt.

Sie faßte diese Dinge bei einem kleinen Zipfel und zeigte ihn wie ein

winziges Pröbchen von einem ganz wunderbaren, riesigen Stoff, in den

ungeheure Gestalten, geheimnisvolle, mächtige Muster eingewirkt sind.

* * * * *

Isolde kannte ein altes Kloster in Südtirol, das hoch auf einem Felsen

liegt, ein Kloster zur ewigen Anbetung.

Sie hatte einen Winter mit ihrer Mutter in Südtirol zugebracht und am

Allerseelentag war sie zu diesem Kloster in der Dämmerung

hinaufgestiegen.

Weißverhangener Himmel, als wollte schon Schnee kommen; Regen rieselte,

und Nebel stiegen dicht aus dem Thal auf und schieden das Kloster zur

ewigen Anbetung von aller Welt ab, so daß es von keinem Auge mehr

gesehen wurde. Geheimnisvoll, wie eine Gralsburg, schimmerte, wenn der

Nebel ein wenig riß, ein Turm, eine Fensterreihe, wie mitten aus Wolken.

Eine unsagbare Einsamkeit war da oben -- eine herzbeklemmende, bange

Einsamkeit.

Und hoch vom Felsen, aus der kleinen, im tiefen Nebel verborgenen

uralten Klosterkirche heraus kamen zwei Stimmchen, wie im unendlichen

Raume schwebend -- so traurig, so weltverlassen. So körperlos mystisch,

so übermenschlich weh sangen die Stimmchen am Allerseelentag vom Tod und

vom Leiden der Welt.

Dieselben Stimmchen, im Raume schwebend, drangen jetzt wieder zu ihr,

rührend, weltfremd, schmerzbeladen, ihre Seele bedrängend. Dazu

parlamentarische Würde und Sicherheit, ein ganz wunderliches Gemisch. So

etwas Strammes, als hätten die mächtigen dunkeln Schatten der Frauen am

Vorstandstisch, vor dem grellen Hintergrund, Boden unter den Füßen und

könnten auf eignem Grund sich regen, so etwas Gesetzmäßiges, Wichtiges,

als wären die Gesetze schon da, um besser, menschenwürdiger zu leben.

Dazu der Saal mit den Guirlanden und Fähnchen! so unbeholfen sicher. Ein

ganz eigner banger Eindruck.

In Isoldens Seele war das reine Totenangesicht wie eingebrannt. Das

Gesicht, das mit seinem Ausdruck des Großgewordenen durch Leiden, wie

eine Sonne alle lebendigen, befriedigten Gesichter überstrahlte. Es

wurde ihr hier schwerer an dies Gesicht zu glauben, als irgendwo sonst.

Und doch -- in den weltfremden, weltverlassenen Stimmchen zitterten

Laute, so rührend und lallend sie auch klangen, in denen das ganz Tiefe,

das große Wollen lag -- das Wollen, das sich Bahn bricht, sei es wie es

sei.

* * * * *

Isolde träumte, während die kompakten Schatten Bericht erstatteten, was

in Sache der Frauen in diesem Jahr geschehen und nicht geschehen war.

Gut bürgerliche Vereinsbefriedigung lag währenddem über ihnen.

Isolde träumte, daß sie aufgestanden und an den Tisch vor den gelben

Sonnenhintergrund getreten wäre und in die Blendung hinein und zu den

mächtigen, dunkeln Schatten gesprochen hätte:

»Würdige Frauen, laßt doch eure Barmherzigkeit jung sein!

Jung und stark.

Laßt sie nicht alte ausgekrochne, ausgeschlichne Geleise schleichen.

Thut doch etwas ganz Erstaunliches! Etwas, worüber die Welt in Lachen

ausbricht, in Zorn und Wut. Weil ihr zu trotten versucht, wie der Mann

trottet, so schwer und bedächtig -- glaubt ihr, ihr habt es schon

erreicht, was ihr wollt -- oder werdet's erreichen? -- O weh, etwas

Altes!«

Aber das klagende Stimmchen im Raum ist noch so jung.

»Ich beschwöre euch, thut etwas Königliches, etwas Freies! Nichts

Althergebrachtes. Nichts Kluges -- nichts Vernünftiges -- laßt die That

der Frau wie eine lang verschüttete, eingeengte Quelle mächtig

rücksichtslos hervorsprudeln -- thut etwas, das davon zeugt, daß ihr den

großen Willen habt, den weltüberwindenden Willen. Breitet eure großen

Flügel aus wie Glucken. Bereitet dem jungen starken Weib ein Nest.

Ein eignes Nest mitten in der harten, frechen Welt. Baut eine

uneinnehmbare Veste aus eurem Willen. Ohne daß ein Funke von Verachtung

in eurem Blick aufsteigt, laßt in unangetasteter Reinheit das junge Weib

ein Kind ihr eigen nennen dürfen. -- Ein Kind und Arbeit! Gebt ihnen

Arbeit, bei der ihnen die Seele weit wird, und ein Kind, das ihnen das

Herz froh macht. Seht ihr -- ich gebe euch den großen Willen -- nehmt

ihn!

Laßt sie nicht in der Arbeit, nach einem Kind hungernd, wie ein Raubtier

verlangen.

Macht etwas Ganzes aus ihr!

Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken und laßt ihnen nichts

geschehn!

Schützt sie, und sie sind geschützt, sagt, sie sind ehrbar -- und sie

sind ehrbar.

Schlagt ihn, er hat keinen Freund!

Aber hat er einen Freund, wer will den Menschen dann berühren? Wer kann

ihm ernstlich schaden?

Des Menschen Wille schafft die Welt! Weshalb dem jungen Weib nicht ein

Nest, worin es werden kann, was es werden will und werden muß, wenn es

einmal mit beiden Lungen frei atmen kann, wie ein Geschöpf Gottes und

beides hat, ein Kind und Arbeit. Und aus diesem kleinen Nest wird eine

neue starke Menschheit kommen -- allen zum Trotz, die eine Menschheit

von Sklaven und Haustieren wollen.

Achtung wird das Weib unter der Sonne genießen.

Lachen und jubeln wirds!

Die ungeheure Gesetzeslast und die Mißachtung hat die Frau mit einem

leichten Fußtritt bei Seite geschoben wie durch ein Wunder, und wieder

wie durch ein Wunder ist sie nun frei geworden -- und sieht, daß sie nie

gefangen war.

Streicht ihr über die verwirrten Augen mit sanften, klugen, wollenden

Mutterhänden! und breitet die großen Flügel aus wie Glucken.«

So hatte Isolde, im Stuhl zurückgelehnt, thöricht geträumt, gerade als

die würdigen Frauen am Vorstandstisch die Frage aufwarfen: »Soll die

Frau den Titel des Mannes führen oder nicht?«

Und dann kam wieder eine andre sehr vernünftige, untadelhafte Frage --

sehr korrekt.

Isolden war es zu Mute, als müßte draußen ein dunkles, starkes Gewitter

ausbrechen.

Es schien aber helle, grelle Julisonne, kein Wölkchen am Himmel.

Schwüle, erdrückende Schwüle im Saal. Die Laubguirlanden strömten ihre

Säfte aus.

Es duftete nach sterbendem Laub und heißen Körpern, eine einschläfernde

Atmosphäre.

Und doch stieg aus dieser drückenden Atmosphäre etwas Starkes,

Lebendiges auf. Für eine feine Seele voller Weltliebe war es auch zu

spüren.

Aber was ein Sturm sein sollte, war noch ein kleiner, spitzer Luftzug

wie aus einer Fensterritze.

12.

Halbtier: Roman · 第 44 / 54 题