Isolde steht bleich, in sich zusammengefaßt, wie eine Weltdame, die in
einer leichten Unterhaltung gestört wird.
»Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert -- etwas ganz Alltägliches.«
11.
Sie hatte so in sich selbst verschlossen gelebt -- in ihrer Arbeit.
Sie hatte gewissermaßen nicht für ihre eigene Person erstrebt, was sie
nun anfing, zu besitzen.
Das Weib in ihr war es, was sich mühte, was rang, was ein Ziel
verfolgte, was tief erregt bei jedem Mißlingen verzweifelte, was
aufjauchzte bei jedem Gelingen.
Sie wollte den Begriff Weib in sich selbst umwerten, umgestalten.
Erlöser-Seligkeit und Schmerzen standen ihrer Seele nach.
Weltfremd, jahrelang nur von einem fanatischen Arbeitsgeist besessen,
war ihr vieles jetzt so neu.
Wie mit wunden Nerven hatte sie seit jener Nacht vor fünf Jahren das
Weib-sein empfunden. Das Geschöpf zweiter Klasse sein, das
Ausgeschlossen-sein von allem geistig Lebendigen, das Stehengebliebene,
Unentwickelte -- nur Körperliche.
Es war so etwas Trauriges -- um das Weib ...
Sie arbeitete fanatisch, sprach aber zu keinem von ihrer Arbeit -- kein
Wort über Kunst! Taktlos -- albern von einem Weib. Wozu? Einfach
lächerlich!
Wo sie hinblickte, traf sie auf eine schmähliche Kränkung.
Jedes Buch, das sie aufschlug, bestätigte was sie empfand.
Begeisterte sie sich an einem großen Geist der Vergangenheit, mußte sie
vergessen und darüber hinwegsehen, daß dieser Geist nicht über die Erde
gegangen war, ohne daß er dem Weib ein neues Schandmal aufgedrückt
hatte. -- Wie ein Fluch traf sie es, als sie auch durchschaut hatte, daß
Buddha, der Wundervolle, der Tiefste der Tiefen, der Welterlöser,
Leidensüberwinder, das Weib ausgeschlossen hatte -- ausgeschlossen aus
ihrem ureigensten Reich der Leidensüberwindung und Erkenntnis des
Leidens.
Wohin sie sah, Schmach!
Sie litt unter der scharfen Einsicht in ihrer Lage -- der Lage des
Weibes.
Wie ein leidenschaftlicher -- verzweifelter Fanatismus ergriff sie es
oft.
Ihre Seele war so eine freie und frohe. Stolz, ausgelassen,
freiheitstrunken wäre sie gern gewesen -- wenn sie nicht immer alles
gesehen und durchschaut hätte.
Wie Peitschenhiebe fuhr es oft über sie hin.
Sie konnte nicht so dumpf leben wie die andern -- so breit, behaglich,
angebetet und verachtet. Das stille, starre Totengesicht mit dem Zug der
Weltüberwindung, der Schmerzüberwindung verließ sie jetzt seit Wochen
nicht. -- Sie wollte und mußte dies Antlitz in sich schaffen. --
Sie wollte etwas bilden. -- Das Antlitz des Weibes.
In dieser Zeit hörte sie zum ersten Mal mit Bewußtsein von der
unglaublich wunderlichsten Sklavenbewegung.
Das Weib begann zu revoltieren, das Weib, das, so lang es Menschen auf
Erden giebt, sich geduckt hatte. Das unüberschaubare Zeiten sich hatte
treten und mißhandeln lassen, das wie ein hungriges Raubtier seit
Jahrtausenden was es wollte, erlistet und erschlichen hatte.
In einer kleinen Provinzstadt, in einer Kochschule war ein sonniger Saal
mit Tannenguirlanden und frischen Laubgewinden, Blumensträußen und
Fähnchen dekoriert. Da kamen die Frauen zusammen.
Isolde trat etwas spät, von der Reise ermüdet, in den Saal ein, als
schon alle versammelt waren.
Eine heiße, sonnige Luft.
Das welkende Laub strömte betäubend duftend seine Säfte aus. So etwas
Mattes, wie Herbstgeruch in der schwülen Luft.