O ja, sie wußte!
Sie wußte auch, was Henry, Schwager »Weißröckchen«, wie sie ihn nannte,
geschrieben hatte:
»Alles vortrefflich! Das kleine Ungeheuer ist, was man so einen
»prächtigen Jungen« nennt! Schwere Entbindung, wie wir das nun einmal in
der Gewohnheit haben. Marie befindet sich nach ihren Strapazen jetzt
mehr als gut. Der Arzt ist außerordentlich zufrieden. Nicht die
geringste Ursache zu Besorgnis.«
Und der heutige Brief. Isolde hatte ihn schon mehrmals gelesen. Sie
überflog jetzt noch einmal diese und jene Stelle:
»Mein Mann reist jetzt, weil er ästhetisch gequält ist. Der Herr Wöchner
leidet schmerzlich darunter, daß ich meine Mutterpflichten an dem
Jüngsten erfülle, -- noch schmerzlicher aber darunter, daß ihm jetzt so
viel unpoetische Dinge unverhüllt entgegentreten.
Dieser Realitäts- und Wahrheitsfanatiker kann nämlich absolut nicht die
Wirklichkeit vertragen.
Und da ich noch vollkommen erschöpft bin, sehr wenig außer Bett sein
darf, so kann ich mich nicht mehr als gnädig verhüllende Wolken zwischen
ihn und die Wirklichkeit schieben.
Körperschwäche und Ammendienst halten mich von allem zurück. Die einzige
Person, die um mich besorgt war, mußte leider sehr bald zurück. Sie war
anderweitig engagiert. Die biß für mich etwas Ruhe heraus.
Schade, daß du wegen der armen Mama nicht zu mir kommen durftest.
Welcher Trost wäre mir das gewesen!
Seitdem die Wartfrau fort ist, werde ich wieder als »Nützlichkeitstier«
von allen behandelt. Wenn ich mich auch kaum bewegen kann vor Schwäche,
muß ich doch mindestens ein Kind warten und häufig noch eins dazu
beaufsichtigen.
Dann kommt der Gatte und schimpft, daß immer Kinder bei mir sind und
klagt den Himmel an, daß er Familienvater ist, dann versuche ich einige
seiner Schmerzen zu lindern, bis die meinen zu stark werden. So vergehn
im Wechsel meiner Pein die Tage. Ich halte mich an meinen alten Trost:
die Zeit steht nicht still. Also muß ein Wechsel kommen.
Henry hat recht, -- so komisch es klingt -- eine Frau, die ein Kind
erwartet, sollte nicht im Hause bleiben. Er ist so sehr empfindlich
darin. Es beleidigt seinen Schönheitssinn, mich in diesem Zustand zu
sehn. Es ist ihm unerträglich. Ich weiß das. Zuerst erschien es mir ein
grausamer Wahnsinn, wie er es sagte; -- mir war, als thäte sich ein
Abgrund vor mir auf.
Er sprach es so ganz naiv aus, als Künstler, weißt du.
Aber wie alles nun einmal ist, hat er von seinem Standpunkt ganz recht.
Wundert mich, daß es nicht ein solches Gesetz giebt. Für die Frau wäre
es im Grunde auch besser.
Meine Ide, schreib mir doch recht bald einen lieben, langen Brief.
Mich verlangt stürmisch danach, denn ganz inwendig sitzt bei mir etwas
Heißes -- Feuchtes. Das sollst du fortwischen, du hast den Zauber der
Liebe, du kannst es.
Vergiß mich ja nicht, Ide! Von dir kommt mein Leben. Was meine Seele auf
Erden hat, hat sie von dir! Einzig von dir. Mit dir wachs' ich und denk'
ich. Du hältst mich. Laß mich nicht ganz fallen.«
10.
Als Isolde spät abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus
Ludwigshöhe nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer
wunderlichen Stimmung.
Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes gehört.
Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus
Silesius gearbeitet haben.
Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne
Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er
nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wächst, ein ganzes
Leben der Erkenntnis.
Wie schön war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!
Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend
überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war
sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust
gedrückt.
Wie konnte diese Frau schön sein, wenn es ihr in ihrer großen Liebe wohl
auf Erden wurde.
Jede Bewegung von einer süßen, tiefen Zärtlichkeit; in jeder Silbe Wonne
und lebendiger Frieden.
Isolde hatte daran gedacht, daß Mrs. Wendland einmal sagte: »Wenn ich
die Lu mir vorstelle, seh ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz, mit
tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.«
Isolden erschien es immer, als würde der Haushalt da oben in Ludwigshöhe
von einem großen Kinde geführt.
Nachdem sie so weltentrückt bei einander gesessen und eine Stunde erlebt
hatten, wie sie schöner und reiner auf Erden nicht zu denken ist --
Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer
geleuchtet -- da war Frau Lu mit einer Schüssel voll Schlagsahne
aufgetaucht und einer Kanne holländischen Kakao. Schlagsahne und Kakao
gab es da oben immer in der größten Seligkeit und auch wenn sie Kummer
hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging.
Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mütterlich; jedenfalls für sie
die bequemste Form, ihre strahlende Wärme auf ihn zu richten.
Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.
Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und
fragte: »Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles
gut?«
»Es ist alles gut,« sagte er dann.
»Verzeih,« sie durfte nicht fragen. »Ist dir auch ein bisserl wohl? Und
das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fühlst du dich doch etwa wie
nach einem Spaziergang? -- so wie neu? Was?
Weißt du, du mußt mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel
froher.«
Sie lebte immer in der großen Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.
Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurück, so
erfüllt von allem Guten.
Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel,
Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.
Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.
Mama schlief schon, der Vater war auswärts.
Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer
leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es
nicht leicht mit ihr.
Mama war eine so unbewegliche müde Seele geworden, die sich wie ein
Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je
her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.
Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und genoß den Umschwung
der Vermögensverhältnisse seiner Frau auf das Energischste.
Der Frau selbst waren die Fähigkeiten, zu genießen, abgestorben, so gar
der gute Appetit. Mama war meist leidend und mußte knappe Diät halten.
Die Kräfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal
gegenüber, wie der Mann ohne Löffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn
auch unbewußt, der Grund eines tief innerlichen Mißmutes.
Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer.
Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken
frischen Laubatems. Sie legte die Hände übers Haupt. Wie empfand sie
heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in
dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe,
nach zärtlichen Händen, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie
wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!
Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lächelte. Nein, sie wollte
das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.
Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, daß sie
schön war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde -- den sie
lieben würde. Sie war bereit.
Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrängte sie nichts
mehr.
Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer
an all dem trug, was sie besaß, wie eine beladene Biene, die aus
Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen -- und ihr Können! -- und
die göttlichen selbständigen Stunden! Diese Seelenräusche, die einsamen,
in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig
und stark entstieg.
Ein Jubel in ihr!
Sie hielt immer noch die Hände über dem Haupt gefaltet.
Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, -- jetzt!
Ihr Leben sollte reich und schön werden.
Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens
Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom großen Geheimnis der Liebe
rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den
Schulmädchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz
zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib
sein! -- sich opfern!
»Ja, ja,« sagte sie leise, »nur anders. Noch größer muß das Opfer sein.
Menschlicher, schöner, bewußter.«
Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.
Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit
stieg ihr wie von diesem Briefe auf -- etwas sie Überschauerndes,
Sonderbares.
So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!
Eine Frauenschrift -- eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit
blaßbrauner, gewässerter Tinte geschrieben.
»Ein Bettelbrief,« sagte sie sich und öffnete ihn:
»Liebes, hochgeehrtes Fräulein!« las sie.
»Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, daß sie sich an Sie wendet.
Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird
sich sehr verwundern. Mißachten Sie mich nicht, ich bitt' Sie recht
herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fräulein, ich bitt Sie
noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht
schlecht von mir. Ich bin ein armes Mädchen. Es ist mir immer schlecht
und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin
bisher gewesen und kenne Sie auch, gnädiges Fräulein. Sie haben manchmal
unser Geschäft besucht.
Ich bin in Hoffnung, damit ich's nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig
Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten.
Glauben Sie mir, nur in der größten Not und Angst wend ich mich an Sie.
Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten,
weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der
Sonnenstraße schaffen.
Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!
Ich weiß nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die
Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fräulein, daß mir
das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der
Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine
Andre.
Ach daß er's zuläßt, daß ich dort niederkommen soll! so nackt und bloß
vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! -- Es
ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.
Liebes, gutes, barmherziges Fräulein, thun Sie was für mich! Ich bitt
Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen Händen. Gott lohns Ihnen, liebes
Fräulein.«
Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: »Fragen
Sie nur nach dem blonden Mädchen aus Aussee.«
Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme,
zitternde Hände sie faßten und zur Thüre drängten, so empfand sie's:
»Geh -- geh -- ach geh doch!«
Sie fühlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem
Briefe aufgestiegen, erfüllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so
weh, so hilflos, hilfesuchend.
Und sie ging.
Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen ihren leichten Abendmantel um.
Ihr Käppchen stülpte sie auf.
Unter den hohen, flüsternden Pappeln der Leopoldstraße schaute sie noch
einmal zum Hause zurück und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht.
Der war merkwürdiger Weise schon um diese Zeit zurückgekehrt. Die
Fensterflügel standen offen.
Er hatte die Hausthür wohl gehen hören, war ans Fenster getreten und
mußte sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach,
rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie lächeln
machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie fürchtete, er
könnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.
Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen,
nächtlichen Straßen; im langsamen Trab ging es vorwärts. Ihr Herz
klopfte der fremden Not entgegen.
Vor einem Hause in der Buttermelcherstraße ließ sie halten. Die rote
Laterne einer Hebamme leuchtete dort.
Auf Isoldens Läuten öffnete sich die Hausthür und eine starke Person in
einem verschabten Prinzeßmorgenkleid, das sie mit einer ordinären
Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Straße hinaus.
Isolde fragte nach dem Mädchen.
Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten
sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge Mädchen mit
der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?
»Wohnt nicht mehr hier?« fragte Isolde enttäuscht.
»Ich habe sie heut in die Sonnenstraße gebracht, gnädiges Fräulein. Da
ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins
muß oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen Mädchen, -- wie das so
ist, -- sparen thuns net, mit ei'mal stehns vor der Bescherung. Da soll
die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten
gedrückt. Wissens Fräulein -- verzeihens; wir sind doch auch net da, um
alles auszubaden. Für solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstraße.
Möcht wissen für wen sonsten, wenn net für die!«
Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das
unglückliche Mädchen loszuwerden und anzubringen.
»Ich zahl für sie,« sagte Isolde. »Holen Sie sie wieder zu sich.
Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort.«
Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme Hände sich an sie legten
und sie rührend drängten.
»Ein paar Stunden, wanns früher gekommen wären. Jetzt glaub i net. -- I
mein mal net.«
»Ich zahl für sie,« wiederholte Isolde noch einmal. »Mein Name ist
Isolde Frey.«
Da stutzte die Frau eigentümlich.
»Erlaubens, Frey? wenn ich recht gehört habe?«
»Ja, Frey, Leopoldstraße.«
Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schloß die Hausthür, die noch
ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fußboden neben sich hin
und sagte: »Also vom Herrn Bruder geschickt?«
»Von meinem Bruder?« fragte Isolde verständnislos.
»Herr Studiosus Karl Frey?« fragte die Frau noch einmal.
»Das ist mein Bruder.«
»No also! Und der ist auch der Vater von dem Mädchen seinem Kind. So
weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was
auf sich hält. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz
jungen Herren die sind a Kreuz für'n Mädel.«
Isolde war in der größten Verwirrung. »Ich fahr zu ihr, ich bring sie!«
sagte sie heftig. »Kommen Sie nach.« Sie drückte der Hebamme zehn Mark
in die Hand. »Alles wird gezahlt.«
* * * * *
Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen
Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstraße suchte, schlug ihr das
Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.
»Unmöglich!« sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. -- »Unmöglich
-- unmöglich!«
Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.
Dies blonde, joviale Gesicht -- das breite Lächeln, die Wohlbehäbigkeit,
die Überhebung in jedem Wort, die herablassende Höflichkeit gegen die
Mutter und sie selbst!
Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen
Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn,
dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.
Und seine plumpen Fäuste hatten sich von solch' einem armen, unseligen
Herzen losgemacht und seine plumpen Füße waren über ein Menschenwesen
hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!
Als die Thüre geöffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte
kommen. Dann erfuhr sie das »zu spät«.
»Die müssens schon jetzt hierlassen.«
Isolde stand ratlos.
Die Thüre wurde geschlossen.
Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mußte
gehen, ihre eigenen Füße gebrauchen, um weiter zu kommen.
Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem
armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Geschöpf. Weil sie arm war,
mußte sie alles über sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken
ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mußte sie mit dem Einzigen, was
sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele überzahlen.
Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden kühl beobachtet, notiert,
vielleicht belächelt. Welche Einsamkeit!
Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein
Kind gebar.
In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schläfen hämmerte es vor
Empörung. Sie ging, als berührte sie den Boden nicht.
Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen
»Leben« nennen: Ekel!
Eine Welt für Bestien, für Raubtiere, die einander würgen und die dann
fragen: »Wie ist das Böse nur auf unsre gute Welt gekommen!«
Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen
wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu öffnen, dadurch daß er das
Wunder und Geheimnis enthüllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens
und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!
* * * * *
Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter
gerufen, die sich nicht wohl befand.
Es gab da zu trösten und zu ermutigen.
Die Mutter litt oft an einer plötzlichen nervösen Herzschwäche und war
dann in tausend Ängsten um ihr Leben.
»Fühl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fühl!«
»Garnicht so übel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?«
»Meinst du?« fragte Mama aufatmend, »mir war, als wenn er ganz aussetzen
thät. Geh bitt', reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber
Öl an die Finger. -- Und dann die Hände -- auch reiben -- da zuckts und
druckts bis in die Fingerspitzen. Ah -- ah.« Mama stöhnte.
Isolde rieb und tröstete.
»Die Angst! die Angst! -- ach Isolde! So was kannst du dir nicht
vorstellen, wie das ist! Geh, gieb mir mein Brompulverl.«
»'s ist ja keins mehr da, du weißt ja.«
»Dann laß es in der Apotheke schnell machen; aber schnell ein bissel.«
Isolde ging, um es einem der Mädchen zu übergeben. Auf dem Vorsaal hörte
sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.
Das Zimmermädchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der
Thür.
»Der Lachsschinken für den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt,«
sagte sie.
Da that sich die Thür auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte
Isolde gehört. »Möchte wissen,« rief er, »wie oft ichs noch wiederholen
muß, daß ich keinen andern Schinken mag. Ich dächte Isolde, du thätest
dir auch kein Bein ausreißen, wenn du den Dienstboten ein bissel besser
auf die Finger passen thät'st!«
Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung
an. Er wollte eben die Thüre wieder schließen. »Übrigens wo warst du
gestern Abend?« fragte er barsch.
Isolde wendete ihm den Rücken. Karl schloß die Thüre heftig. Als Isolde
endlich von allem, was diesen Morgen sie bedrängt und aufgehalten hatte,
frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit Händen
zog, hörte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.
Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gewöhnlich im
Frühstückszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor
der vollen männlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel
Wohlbefinden lag.
Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Straße und trieb sie
wie mit einer Peitsche an.
* * * * *
Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drückte
wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.
Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut
wie einen Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.
Sie hatten das Mädchen auf die Anatomie gebracht.
»Wie?« fragte Isolde verwirrt. »Ich will hin,« sagte sie.
»Heut könnens auch hin,« meinte die Person, die geöffnet hatte. »Aber
ich möchts Ihna net raten.«
* * * * *
In einem öden, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebäuden eigen sind,
stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.
Ein kahler Raum, die untere Hälfte der Fensterscheiben mit weißer
Ölfarbe verstrichen.
Die Wände grauweiß, lange graue Tische, grauer Steinboden -- dort um den
Tisch, da standen sie dicht gedrängt.
Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter,
ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff.
Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger
Männer in weißen Röcken und auf den langgestreckten, nackten,
zermarterten Leib.
Ein weißes, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von
blonden Löckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen,
eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.
Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch
in ihrer Tasche. Sie faßte danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie
ein wichtiges Dokument.
Da fuhr ein furchtbarer Schnitt über Brust und Leib des toten Weibes.
Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag
teilnahmlos, voll rührender Hoheit über all dem Entsetzen, dem blutigen
Gräßlichen, was da geschah.
Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte
sich in ihre Seele ein und haftet da, ein Witz, so voller
Weib-Verachtung.
Das jammervoll zerrissene, zermarterte Geschöpf hatte dazu
herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte Körper predigte vom Leiden des
Weibes, von seinem Opfer.
Die Weißbeschürzten fühlten sich im Besitz strotzender Kräfte, strammer
Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen
preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und
den Schmerz überwunden, was wollte das? Was sagte das?
>Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!< dachte Isolde, >wie stehst du
doch über allem, bist größer als alles!<
Sie hätte sterben mögen vor Ekel und Entsetzen, wäre dies stille Gesicht
nicht gewesen.
Der zerrissene, unverhüllte Körper, der hier vor frechen kalten Blicken
lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, das Weib,
das nie zur Menschenwürde noch gelangt war.
Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den
Niederen, den Erniedrigten gehörte.
Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib
dort!
Aber das stille, unberührte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug
leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen
Gesichtern.
Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde überstrahlt wie von einer Sonne.
Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte
fühlte sie in sich selbst.
Sie preßte die Hände an ihre Brust.
Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz
entrückt.
Es war ihr, als hörte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit
Entrüstung aussprechen. >Es wird mich einer oder der andre wohl kennen<,
dachte sie kühl.
Ja, da ist etwas groß geworden im Weibe, -- unüberwindlich, groß durch
Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft
gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoßung wächst.
Hellsehend überschaut Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrückte,
geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.
Das lallende, unbewußte, demütige, dumme, niedere, das alles hinnimmt
ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.
Aber das heilige Weibantlitz, das unerschütterliche in diesem Antlitz,
das war das Begeisternde -- das Lebendige, die große Hoffnung.
Als vier Fäuste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der
junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht hätte
verlangen dürfen, in eine Kiste warfen, wie etwas völlig Abgethanes und
das Kind auf den Körper der Mutter fallen ließen, und der flache
Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Allerärmsten gehört und den sie den
»Nasentetscher« nennen, darüber gelegt wurde, da war die Tragödie zu
Ende.
In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, daß sie einen
menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte. -- --
Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller
Weltliebe, bereit sich zu opfern, -- bereit, mit ihrem Leben einzustehen
gegen die ganze Welt.
Und draußen war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen,
sonnendurchströmten Luft.
Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden
Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt
lebendig und wach, sich ihrer selbst bewußt, ihr Wille so mächtig. Alle
Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das
dumpfe Befangensein in diesen Köpfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie
ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.
Sie aber lebte!
* * * * *
Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unmöglich hätte sie heut ihrem
Bruder gegenübersitzen können.
In dem großen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchmaß
breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhörlichen
Sich-hin-und-her-bewegen.
Über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen
Tönen Fäden über den blauen Himmelsraum.
Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!
Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendig-sein! Dieser
große Wille, dies Sich-opfern-wollen!
* * * * *
Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.
Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine
stattliche Persönlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt,
ein zufriedener Prophet.
Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.
»Déesse! Extravaganzen! Du bist -- da -- heut gesehen worden, bestes
Kind!«
Isolde blickte ihren Vater mit großen Augen an.
»Karln ist es mitgeteilt worden. Déesse! -- Kind!«
Eine Würde sondergleichen ging von der mächtigen Persönlichkeit aus.
Isolde erwiderte mit keinem Wort.
Der Vater schwieg auch.
Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.
»Sag mal, Kind,« begann er wieder, »was ging das dich eigentlich an? Wie
kommst du darauf? Weißt du, Déesse, das ist im vollen Sinn eine
Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverständlich, wie du darauf gekommen
bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch ......«
Doktor Frey sprach nicht aus.
»Weißt du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann -- kein Pensionsmädel,
braucht keine Governeß.
Hat der arme Junge Unglück gehabt -- laß deine Finger davon. Laß ihn!
Karl ist wild über dein Betragen. Meinst du denn, daß es ihm angenehm
war von deiner Anwesenheit -- dort -- zu hören? Junge Leute
untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. -- Was für ein
Gesicht soll er denn machen, wenn das von dir erzählt wird?«
»Ja, -- weißt du, Isolde, das ist denn doch zu toll!« das war Karl, der
das sagte. Er stand in der Thür, voll, breit, schwerfällig, empört. Die
Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark gerötet. »Fahr du nur so
fort mit deinen Überspanntheiten, du verrücktes Huhn, das wird noch gut
werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat!« Er
trat in das Zimmer zurück, aus dem er gekommen war und warf die Thür mit
voller Gewalt ins Schloß.
»Ein ander Mal laß ihn ungeschoren,« sagte Doktor Frey. »Kein Mensch
hätte von der Affaire gehört. Nicht eine Stunde wär der Frieden gestört,
-- und nun! Du weißt, daß ich Ärger im Haus nicht ertragen kann.«