Das alles ging ihr jetzt durch den Sinn, als sie in ihrem hohen, weiten
Atelier auf- und niederwandelte.
Was war aus ihr geworden in diesen Jahren -- etwas so Freies.
So, wie in eine andre Luft, war sie gekommen.
Zum ersticken, wenn sie an ihre Schwester dachte, an ihre Mutter.
Die Nacht, in der sie still wie eine Tote in ihrem Bett gelegen hatte,
war unvergessen, war eingebrannt in ihr Bewußtsein.
In ihrem innersten Sein bedeutete es nichts, daß es ihr selbst wohl
erging.
Sie gehörte doch zu denen, die tief unter dem Begriff Mensch stehen, zu
den Körpern ohne Geisteskraft, die beschimpft, mißachtet, ohne
Menschenwürde leben, zu der dumpfen, gedankenlosen Hälfte der
Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.
Sie stand jetzt vor dem Tisch, auf welchem die zwei Briefe lagen, einer,
der heute gekommen war und ein anderer, der seit drei Wochen hier schon
gelegen hatte.
Sie nahm den älteren Brief in die Hand und las ihn wieder.
Von ihrer Schwester Marie aus Berlin ist er, die schreibt ihr nach der
Geburt eines Kindes.
Ein wirrer, mit Bleistift gekritzelter Brief:
»Ide, Todesqual, vierundzwanzig Stunden lang -- wie jedes Mal, von
Anfang bis zu Ende entsetzlich.
Nur mein Wille, meine armen Kinder nicht zu verlassen, erhielt mich am
Leben. Nicht chloroformiert, weil Kind sonst absterben -- -- schon
angegriffen.
Sonst alles in Ordnung. Henry an Vater geschrieben. Denk an mich.
Einsam! Einsam!
Weißt noch?