Sie war ratlos.
Isolde kniete damals in wahrer Todesangst neben ihr und hielt ihre
festgeballte kleine Hand in der ihren.
Und wie Isolde ihre von Weinen ganz entstellte Schwester ins Haus
zurückgeführt hatte, kam Mengersen eben aus seinem Atelier.
Er trug, wie immer im Haus, einen weißen Flanellanzug.
Man sah ihm an, er hatte mit Glück gearbeitet und befand sich geistig
und körperlich außerordentlich wohl, blies behaglich die blauen Wölkchen
seiner Cigarette in die Luft, da bemerkte er die beiden Schwestern.
»Was ist geschehn, Marie?« fragte er kurz. »Hast du dich wieder gehen
lassen? Du sollst ja nicht, bedenke doch deine Lage, und verschone mich
etwas, wenn es dir möglich ist, mit diesen Launen. Ein wenig kannst du
dich ja wohl zusammennehmen.«
Er war unangenehm berührt. Isoldens Besuche bei ihrer Schwester mochten
ihm auch fatal sein. Sie fühlte, daß sie ihn irritierte.
Ihm gegenüber hatte sich bei ihr ein ganz sonderbarer Ton
herausgebildet, der ihrer Natur fremd war, eine leichte, kühle Ironie.
Dem Schädel, ihrem einstigen Symbol, hatte sie nicht ohne Sinn eine
goldne Narrenkappe aufgesetzt und nicht umsonst den Lorbeerkranz.
Henry Mengersens Kunst war und blieb ihr das Anbetungswürdige, das
Große, das sie liebte. Die Liebe zu diesem Inbegriff von Kunst hatte sie
zur Künstlerin gemacht. Eine Anerkennung von ihm war ihr heute noch von
höchstem Wert und er konnte sie ihr auch nicht versagen. Sie hatte es
erreicht: Er anerkannte ihr Talent und ihren Fleiß und das Ziel, das sie
wollte.
Wie hatte sie diese Jahre gearbeitet! Als sollte sie sich mit der Arbeit
rein waschen von aller Schmach, die ihrer Seele anhaftete.
Nur das konnte heilen und reinigen. Und hätte er ihr zu Füßen gelegen
und um Verzeihung gefleht -- nichts -- nichts hätte das geholfen.
Aber, daß er sie anerkennen müßte!
* * * * *
Asketisch hatte sie diese Jahre gelebt, als gäbe es für sie keine
Jugend, keine Schönheit und keinen Reichtum.
Daheim, in dem luxuriös ausgestatteten Haus ihrer Eltern, in der
Leopoldstraße, bewohnte sie ein kleines, unscheinbares Zimmer, schlief
auf einem harten Feldbett, Winter und Sommer bei offenem Fenster, badete
täglich kalt, litt nichts Weichliches -- nichts Zärtliches in ihrer
Umgebung; bei Wetter und Wind machte sie weite Gänge.
In ihr war das Gefühl lebendig: die Schmach abwaschen! die Schmach, die
er ihr angethan, rein werden, stark werden, arbeiten, erreichen, Mensch
werden.
Daß sie so schön war, freute sie.
Wie sie ihre eigne Schönheit verstand und liebte!
Und sie wurde reiner und reiner. Ihre Seele wußte nichts mehr von
Schmach -- von eigner Schmach.
Ein solches Gefühl von Starksein, von Schönsein, von Können, von Macht
erfüllte sie jetzt oft.
>Ja, das glaub ich,< dachte sie hin und wieder. >Ihr möchtet mich
einfangen, einkasteln. Einer möchte mich selbst besitzen, meine
Schönheit, mein Vermögen und damit schalten und walten nach Gutdünken.