* * * * *
Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.
Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brüdern ihrer Freundinnen
verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas
andres.
Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich
vor.
Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu überzeugen, trotzdem
ihm eigentlich solch' eine weltfremde, höhere Tochter ein sehr
unheimliches Ding war.
Er überschüttete sie mit Zartheit.
Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mußte das solch' einem
Geschöpf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles!
Henry Mengersen konnte sich viel Müh und Geist sparen.
Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr für ihn, als er je
für sich hätte thun können; dazu seine tadellose Wäsche, die vornehme
Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.
Er mußte auf so ein Ding wirken, ohne daß er sich im geringsten
anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm
begegnete.
Nie hatte das blonde Mädchen einen vertrauenerweckenderen Menschen
gesehn.
Die instinktive Sorge, daß der Mann brutal, roh in seiner Übermacht ihr
gegenübertreten könnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren
noch so kindlich, so ganz vom Äußeren hingenommen. Wie Blasphemie wäre
ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke,
da schämte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre
Ungewandtheit nannte, ihrer Hände. Man sah ihnen das fleißige Schaffen
im Hause an. Es waren reine, junge, kräftige Mädchenhände, aber nicht
blütenweiß und die Nägel waren kurz gehalten.
Sie konnte ihre Hand garnicht neben der seinigen sehn. Wie hoch stand
dieser Mann über ihr!
Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr
zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von
Glück, Stolz, Überraschung und Verwirrung.
Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort über Henry Mengersen
geschrieben, auch Isolden nicht, -- und nun war sie Braut, die Braut
eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben hätte.
8.
Isolde erfuhr die Verlobung ihrer Schwester unvorbereitet.
Sie kam von Berlin zurück, eingehüllt in ihre große, tiefe Liebe wie in
eine Wolke von Sehnsucht.
Die Mutter empfing Vater und Tochter freudestrahlend, wie es die
Tradition will, und verkündete ihnen die Nachricht schon auf der Treppe.
Mit einer plumpen, die Kniee zusammenbrechenden Wucht, wie ein großes
Raubtier auf sein Opfer, sprang die Verzweiflung auf Isolde.
Nicht Zeit zu einem Schrei!
Da war's geschehn.
Da hatte sie ihr Teil.
Sie wollte sich an ihren Vater halten um nicht zu fallen.
Ihr kam es aber vor, als griff sie in die Luft.
Und die Mutter war auch nichts als ein Gespenst -- ein Nichts.
Da war kein Körper, der irgend etwas galt.
Ihre Hände hielten sich zwar, -- aber sie fiel doch. Ihre Seele fiel und
hörte gar nicht auf zu fallen in Dunkelheit hinein -- endlos -- endlos.
Und zu derselben Zeit, in der sie so tief und endlos fiel, fühlte sie,
wie sie in das Zimmer trat und hörte sprechen und sah dies und das.
Ein dumpfes Rauschen umgab sie. Wie aus weiter Ferne hörte sie den Vater
ungeduldig schelten.
»Was zum Teufel ist denn das?«
Doktor Frey stand mitten in dem weiß und goldenen Salon mit den frisch
gewaschenen mit neuen Spitzen besetzten Vorhängen.
»Das ist die reinste Verrücktheit!«
Er sperrte ganz verblüfft Augen und Mund auf.
»Stellst du dir vor, Alte, ich laß mein gutes Geld von dir zum Fenster
hinauswerfen? Läßt die gekündigte Wohnung neu herrichten! Daß i net
lach!«
Er war in großer Wut.
»Gekündigt hast du?« -- fragte Mama ganz betreten und zittrig. »I du
meine Güte, davon weiß ich ja garnichts!«
Doktor Frey riß die Thür zum andern Zimmer auf, um zu sehn, wie es dort
stand.
»So -- na! -- Merkwürdig!«
Er war einigermaßen beruhigt.
»Freilich ist gekündigt. Glaubst du etwa, ich bleib' in dem Loch? Und
was ist denn noch geschehn, wenn ich bitten darf?«
Nun kam ein Sündenregister.
Doktor Frey ging erregt im Zimmer auf und nieder.
»Daß i net lach! Daß i net lach! Das war auch besonders nötig, daß eine
von den Bamsen sofort an den Esel, den Mengersen ... Nun, ich werd' euch
auf die Finger passen, ihr! Das ist ja ein reizendes Willkommen!«
* * * * *
Als Isolde endlich allein in ihrem Zimmer war, schloß sie die Thür und
warf sich auf den Fußboden.
Draußen schalt der Vater weiter und die Mutter weinte einmal laut auf.
Langgestreckt lag Isolde; -- ein Schwindel erfaßte sie.
So tief, so tief, so dunkel und sie mitten darin!
Heute sollte sie ihn noch sehen und auch die Schwester -- da griff sie
mit den Armen in die Luft, da wollte sie wieder etwas fassen.
Auf den Boden warf sie sich vor ihr Bett und biß in den Fuß des Bettes,
und verbiß sich darin, wie ein wundes Tier, das mit dem Tode kämpft.
Ihre Augen fielen auf das Konsol mit dem Schädel darauf. Da hockte sie
sich zurecht, die Arme um die Kniee, und starrte dem Schädel in
Verzweiflung in die leeren Augenhöhlen und starrte und vergaß die Zeit.
Sie wollte denken -- aber es ging nicht. Es war ja auch alles ganz
gleich. Sie fing an zu singen, einen leierigen Gassenhauer.
Wie mit einem Messer schnitt sie dies Singen; -- dann sang sie weiter
übermütig lustig.
Wie that das?
* * * * *
Am Abend kamen sie wirklich beide. Er hatte seine Braut nach München
begleitet. Isolde trat ihm ruhig entgegen; es gelang ihr ohne Mühe, weil
doch alles eins war. Das eine that so weh, wie das andere.
Marie war hingebend weich und selig.
Henry Mengersen schien der Situation völlig gewachsen zu sein. Er hatte
allerdings erwartet, daß Isolde sich mit »Kopfschmerzen« entschuldigt
haben würde.
Nun war sie doch da, eine freche, kleine Bestie -- und hatte einen
ruhigen, undurchdringlichen Gesichtsausdruck.
Er aber war gerüstet auf alle Fälle; umsonst hatte er sich nicht einen
Giftzahn wachsen lassen. Von einem Mädchen, das sich erniedrigt hatte
wie Isolde -- und vergeblich erniedrigt, stand alles zu erwarten. Er
hatte sie in der Hand, da war ihm andres schon geglückt. Die Ruhe war
nur Maske. O, er ließ sich nicht täuschen; er kannte diese Sorte.
Ein unpassendes Wort seiner Braut gegenüber, und Isolde würde ihn kennen
lernen.
* * * * *
Durch einen Zufall standen sie beide in des Vaters Arbeitszimmer allein
am Fenster.
Die Hängelampe warf ihren Schein grell in die Mitte des Zimmers und um
diesen Lichtkern war eine weiche Dämmerung.
Isolde sah ihm ruhig in die Augen.
»Eine Bitte, Fräulein Isolde,« sagte er eisig; »über das, was zwischen
uns vorgegangen ist, kein Wort -- nicht wahr? Es gilt das Lebensglück
Ihrer Schwester. Sie verstehen mich doch? Und was mich betrifft, seien
Sie meiner ganz sicher -- ich bin Gentleman. Ich darf mich ja Ihnen
gegenüber aussprechen.«
Aber wie er mit sicherem, vornehmem Blick den ihren streifen wollte,
fuhr er leise zurück. Nicht mehr Isolde, das rührende, liebende Mädchen,
-- ein vornehmes, ruhiges Weib stand ihm da gegenüber. Und aus ihrem
Mund tönten ruhige Worte:
»Ich empfand Ihre Kunst -- ich liebte sie -- ich that es. Ich will es
auf offenem Markt sagen.
Sehen Sie darin etwas Schlechtes? Ich habe mir nicht denken können, daß
ein großer Künstler schmutzig ist. -- Ist es so -- so gehören Sie zum
Haufen.«
Isolde wendete ihm den Rücken.
Henry Mengersen war zum ersten Mal in seinem Leben verblüfft.
* * * * *
Doktor Frey hatte Champagner auffahren lassen und es wurde eine
Verlobung nach allen Regeln der Kunst gefeiert.
Doktor Frey war schließlich beim Sekt mit Mengersen ganz einverstanden.
Mein Gott, ist es der eine nicht, ist es der andere, im Grund
gleichgültig, wen so ein Mädel kriegt. Dem Weib gegenüber ist so
ziemlich einer wie der andere.
Eine Gans, so ein Mädel! -- könnte jetzt das schönste Leben haben und
giebt ihr gutes Geld und ihre Schönheit einem Esel in die Hand, der sie
doch nur auslacht.
Doktor Frey war ganz gerührt. Auf seine »Bamsen« hielt er etwas. Er
reichte Mengersen die Hand über den Tisch, hob sein Glas und sagte
weinselig:
»Daß du sie mir gut in Obacht nimmst, mein herrliches Kind!«
Mengersen schüttelte würdig die Rechte seines künftigen Schwiegervaters
und küßte seiner Braut ritterlich und zart die Hand.
* * * * *
Diese Nacht lag Isolde still wie eine Tote in ihrem Bett.
Maries ruhige, sanfte Atemzüge berührten hin und wieder ihr Bewußtsein.
Marie war so selig müde gewesen am Abend und wie ein Kind entschlummert.
Das große Glücksgefühl ermattete sie. Sie trug wahrhaft daran wie an
einer Last. Nun war ihr Schlaf tief und ruhig.
Isolde lag auch in ihrem tiefen Weh wie in einem schweren Schlaf, in
einer großen Betäubung.
Der Mond schien ins Zimmer, der Schädel schimmerte. Die Augenhöhlen
glichen zwei dunkeln, runden, tiefen Flecken.
Und in diese leeren Augenhöhlen mußte Isolde unverwandt sehen. Das war
ganz was sie brauchte.
Dieser leere Blick ohne Trost! Wohl that er ihr!
Es war ihr als wäre etwas Reines, Gutes in dieser Leerheit.
So tödlich war sie verwundet worden! Seele und Körper zugleich.
Auch ihre Seele lag ganz still und unbeweglich.