Vor ihren Töchtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz
abdrückte, keine Offenheit den Töchtern gegenüber.
Wie gern hätte sie manchmal den müden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter
gelegt, um da Verständnis und Trost zu finden.
Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurückgeschreckt.
Nein, das Kunststück wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mütter,
ihre Mädels sollten »von nichts« etwas wissen; darein setzte sie
gewissermaßen ihren Stolz.
Sie hatte auch »von nichts« etwas gewußt.
Dann waren die Überraschungen gekommen!
Weshalb das so sein mußte, wußte Mama nicht. Es war hübsch so -- und
anständig. Alle Mädchen aus gutem Haus mußten so ins Leben hinausgehen.
Und dafür hatte sie das große Opfer gebracht, daß sie den Kindern fremd
geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennoch
etwas wußten -- sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem
Gewissen sagen.
Ihre Mädchen hatte sie gut erzogen!
So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama
klopfte ihr den Rücken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen
Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. »No -- no -- no -- no -- no!«
* * * * *
Mrs. Wendland hatte von dem großen Umschwung der Verhältnisse ihres
Freundes Doktor Frey gehört. Sie wußte auch von dem Glück der beiden
Mädchen, daß sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die
Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon
sehen lassen. Die Mädchen würden jetzt die Auswahl haben.
Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude über diese Nachricht gehabt.
Sie hatte sich im stillen immer gedacht: >Was sollen diese beiden Kinder
mit ihrer großen Schönheit? Dummheiten -- Dinge werden geschehen.