Sie wußte schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all
dergleichen ging, wie gesagt, bös bei ihr durcheinander.
Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte _er_, -- und von
höheren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.
* * * * *
Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren
ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Bürsten und Bürstchen,
allerlei ganz außerordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den
verschiedensten Gegenständen, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei
geheimnisvolles Küchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer
gewünscht und nie war sie zum Besitz gekommen.
In der Küche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den
Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Küche hatte sie so
namenlos gelitten!
Hier konzentrierte sich alles.
Die Schneiderin saß auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag für Tag.
Mamas und der Mädchen alte Kleider wurden hergerichtet.
Wertvolle Besätze und Gott weiß was kaufte sie, um den alten schlecht
sitzenden Plunder wieder aufzustutzen ......
Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der thät, wenn er König würde.
Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem
Konditor ein, und Mama verdarb sich regelmäßig den Magen und hatte an
Migräne greulich zu leiden.
Die beiden Söhne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven
Art, Einkäufe ohne Geld zu machen.
* * * * *
Tief in der Nacht erscholl ein Läuten durch das stille Haus. >Der
Vater!< dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren
außerordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.
Inzwischen läutete es auf eine unaufhörliche, nervenerregende Weise.
»Um Gotteswillen, was ist geschehen!« Das sagte die Mama wohl zwanzig
Mal, während sie im Dunkeln tappte und suchte und die Läuterei kein Ende
nahm.
»Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!
So kann es nur läuten, wenn ein Unglück geschehen ist, so läutet kein
vernünftiger Mensch!«
Sie tappten und tappten.
Endlich!
Wie im Fieber, zähneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama
in Nachtjacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.
Bebend, mit zitternden Gliedern, schloß sie auf, öffnete die Thür, -- da
fiel ihr Lateinschüler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf
voran, total bezecht.
»Herr des Himmels!«
Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich störrisch und lärmend
wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke
Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich hätte von ihm
vorstellen können.
Mama mußte ihn unten an der Hausthür lehnen lassen.
Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürzte sie hinauf, um Marie zu holen.
»Daß nur derweilen niemand kommt!«
Dann versuchten sie es mit vereinten Kräften.
»Na, Alte,« brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen
versuchte, »vorsichtig, vorsichtig!«
Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen. Sie hatte einen grenzenlosen
Ekel vor ihm. Sie weinte.
»So nimm ihn doch,« sagte Mama.
»Hennenhirn!« brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese
junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig -- hatte keine
Ecken und Auswüchse.
»Weibsvolk, albernes!«
Marie weinte bitterlich.
»Dös, wenn der Vater wüßt', wie ihr euch anstellt!«
»Karl!« wimmerte Mama weinerlich.
Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund
spitzte sich. Darauf täschelte er seiner Schwester ins Gesicht.
Die schrie schluchzend auf.
Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.
Marie war ganz auseinander.
Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.
»Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat!« wimmerte Mama.
»Recht geschäh's ihm!« meinte Marie; »das, wenn der Vater erfährt!«
Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so
nach Hause gekommen.
Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen
und bebte in Todesangst, daß Karl noch nicht daheim war.
Da kam er, das heißt, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die
Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen
müssen.
Sie hatte gefürchtet, der würde ihn kurz und klein hauen.
Merkwürdigerweise nichts davon.
Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem höchsten Erstaunen, eine
gewisse Rührung konstatieren müssen.
Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei keiner der vielen Krankheiten
im Haus war er so hülfreich gewesen, so sachverständig.
Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.
So viel Gemüt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis
entfaltet.
Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit
einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.
Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.
Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin
ausgebildet werden solle.
Den Familienrat pflogen Papa, der älteste Sohn und Karl, der kurz vordem
die erste Weihe als vollwichtiger männlicher Mann empfangen hatte.
Alle drei beschlossen einmütig, daß Isolde kein Blaustrumpf werden
dürfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Vermögen besaß und jeder
nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.
All' dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie
ihren dicken Sprößling die Treppe hinaufbugsierte.
Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu
kochen.
Inzwischen beängstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf
ihn Acht haben sollte, daß er mit der Lampe nichts anrichte.
Und wie ein heiliges Vermächtnis seiner Ahnen und Vorgänger, war diesem
angehenden Jüngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die
Weibverachtung als das Nächstliegende erschienen. Die Schwester hatte in
dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das paßte ihm nicht. Er fühlte den
dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas
wehrte, -- und machte Anstalt dazu.
Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, preßte ihren Kopf
in das Polster und schluchzte angstvoll.
»Dumme Gans,« sagte Karl. »Ich, wenn jetzt ein Madel hab, -- beim ersten
Mucks -- raus damit! -- Giebt ihrer genug, -- Gott Lob!«
Marie fürchtete sich vor ihm. Sie fürchtete, daß er sie anrühren könnte.
Ihr war zu Mute, als wäre sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.
»Mutter! Mutter!« schrie sie jetzt laut.
Da kam Mama hereingestürzt.
»Was ist denn?«
Karl lachte auf.
»So 'ne affektierte Gans!«
Die Mutter trat auf ihn zu mit der völlig gleichgültigen, abgestorbenen
Miene, die sie zum großen Ärger ihres Gatten so unübertrefflich
anzunehmen wußte.
Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wußte er nichts zu machen,
die verstand er nicht.
Da war sie auch ihm über.
»Vorsichtig, Alte, vorsichtig!« lallte er und ließ sich auf Vaters
breiten Arbeitsstuhl niederdrücken.
Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz außer sich.
Das mußte man Mama lassen, ihre beiden Mädels hatte sie zu behüten
verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere höhere Töchter
auch.
Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie
die große draußen.
Vor der kleinen, wie vor der großen Welt, hatte Mama sich wie mit
ausgebreiteten Röcken gestellt.
Ob sie dachte, daß sie einmal recht überrascht werden sollten? Oder was
sie dachte?