Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! -- Immer derselbe Schreck
-- immer dieselbe Aufregung. Plötzlich waren von allen Seiten die
Rechnungen wie losgelassen.
Das Mädchen brachte sie kühl mit heim, vom Bäcker, vom Metzger, von Gott
weiß wem!
Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Stoß in die Nerven. Woher
nehmen? -- Wie kann denn das wieder zusammenkommen!
Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.
Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.
Welche Sorgen!
Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit
getriebenes Tier.
Das ohne Kraft und Mut sein. Das Überbürdete!
Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichmäßig von Anfang bis
zu Ende.
Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanhäufung, der sie widerstandslos
matt in größter Schwäche gegenüberstand!
Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher
Übermüdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor
Ratlosigkeit geweint! -- Und das alles Tag für Tag -- nie ein Aufatmen,
nie, daß die Seele sich ihrer selbst einmal bewußt geworden wäre -- nie
eine Erholung -- nie eine Anerkennung.
Geistig wie tot und körperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre
lang ......
Ein Tier! ein armes, armes Tier!
Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual
umsonst. Für den Tod hatte sie sie geboren.
Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit über sie gelegt
hatte -- wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!
Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedürstet wie verschmachtet;
dann war es ihr gleichgültig geworden. Um aber diese Gleichgültigkeit zu
kaufen, hatte sie alles hergeben müssen was Leben heißt, was Denken
heißt, was Menschsein heißt.
* * * * *
Jetzt aber gedachte sie es sich wohl sein zu lassen.
Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit bösem Gewissen versetzt war,
dieses Sich-wohl-sein-lassen zu genießen.
»Und ich thu es eben! -- Ich thu es!«
Sie that es.
Ihre Speisekammer ließ sie weißen und ging in den Konsumverein mit ihrem
alten, etwas fettigen Büchlein, um sich Vorräte zu kaufen. -- Vorräte!
Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.
Sie wählte und wählte, von diesem und jenem -- vom Besten -- und sann
wie ein Kind:
»Was noch? Was noch?«
Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus
eröffnen.
Ganz allein saß sie lange Zeit mitten unter ihren Schätzen und ein
Friede kam über sie, wie aus einer andern Welt; oder als wäre sie nach
schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz erschöpft
so im Gefühl der Sicherheit sitzt sie und hört den schweren, stechenden,
klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie hört ihn -- und
hört ihn -- und denkt wie es gewesen und fühlt ihre schwere Mattigkeit
und daß sie nun ......
Und jetzt nimmt das müde, arme kindliche Weib ihr Büchel vom
Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr
an Zinsen -- Steuern nennt sie's -- geben wird.
Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.
»Das hat einmal ausgegeben!« Da lächelt sie -- lächelt -- lächelt.
Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als
die ganze Erbschaft und das ganze Erträgnis der fabelhaften Berliner
Häuser.
Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glück ihr begreiflich
geworden.
Und sie sitzt und träumt sich in ihre eignen Gefühle hinein und wundert
sich.
Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglücklich gelebt --
recht unglücklich! War ihr denn das nie recht ins Bewußtsein gekommen?
Sehr deutlich nie.
Alles dumpf, ganz dumpf.
Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.
So einsam wie in ihrer seelenertötenden langen Ehe, so ohne jedes
Verständnis, ohne jeden mitempfindenden Blick auf ihre große Weibesqual
und Arbeit und Mühseligkeit -- so einsam war sie auch jetzt in ihrer
Befriedigung.
Einsam, ganz für sich -- in sich selbst verkrochen -- eine kleine,
bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt für sich.
Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gespürt, das
Nachttier, dessen Dasein allen ein Rätsel ist, dessen Dasein niemand
kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.
* * * * *
Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was
sie thun wollte.
Es mußte durchaus geschehen sein, ehe er zurückkam.
Die alten abgenutzten Küchenmöbel ließ sie himmelblau streichen, die
ganze Küche rosig tünchen.
All' ihre innersten, tiefsten Herzenswünsche erhoben froh ihre Häupter.
Die Flickwäsche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stück mit der
Flickerin auf Tod und Leben.
Den Salon ließ sie mit einer weiß und goldigen Tapete neu herrichten.
Die Thüren wurden auch in Weiß und Gold gestrichen.
Die Leute sollten Augen machen!
An die alten Vorhänge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht
hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei
dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz außer sich.
Am andern Morgen wurden die Vorhänge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie
selbst stand auf der Leiter.
Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, wäre das an Plage gewöhnte
Weib nie gekommen.
Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im
Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama
seit Jahren sich ersehnt hatte.
Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.
_Er_ brachte erst den Reichtum mit heim.
Ob Mama sich vorstellte, daß dieser Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen
vor der Thüre abgeladen werden würde?