Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen Wölkchen seiner Cigarette
von sich.
Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.
Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefühl ihm anzugehören. Sie war
ganz in sich verstummt.
Das große Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als
sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag über ihr.
Ja, das ist das Größte auf Erden, ein Weib sein -- sich opfern.
Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.
Das aber wußte er nicht, daß unter den Frauen auch freie Geschöpfe
leben, freier als je ein Mann frei ist, mächtige Seelen, Seelen, die dem
großen Zug der Natur, die in ihre Geschöpfe nur den Trieb zum Fressen
legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind,
lieben, wie sie lieben -- und sich grenzenlos opfern, als stammten sie
aus einer Welt mit anderen Gesetzen.
6.
Ein uraltes Märchen giebt es:
Eine reine Jungfrau wollte sich für ihren Herrn opfern, auf daß er von
der Miselsucht genesen sollte.
Lebend wollte sie sich für ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.
Und als er durch die Thürspalte blickte, da ersah er sie bloß, wie sie
zur Welt geboren war, nackt in ihrer großen Schönheit, wie sie geduldig
dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn
retten.
Da erbarmte sich seine Seele.
* * * * *
In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten Märchen, die
ihren Herrn retten und sich für ihn das Herz lebend aus der Brust
schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren
war, in ihrer großen Schönheit.
Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfüllen.
Henry Mengersen saß ganz versunken und entrückt über seiner Zeichnung.
Große Stille im Raum.
Draußen Juliwärme, Julisonne, ungeheure Laubmassen,
schneeweißleuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.
Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdüfte, Sommerblumen, der Glanz
von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel -- heiliger, warmer
Sommerzauber.
Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann,
arbeitend wie an einer Offenbarung.
Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.
Keine Minute, keine Sekunde verlieren!
Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.
Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.
Er will sie aus ihrer Stellung erlösen -- aber er wagt es nicht.
Was denn? -- Was kann die nächste Minute bringen?
War er seiner sicher?
War er ihrer sicher?
Er arbeitet ohne Zeitmaß -- heftig, widerstandslos.
Ungespaltenen Willen für seine Arbeit!
Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrücke!
Er stellt sich kühl vor, daß sie ein bezahltes Modell sei -- und es
gelingt ihm.
Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.
Wie einfach ist alles zugegangen!
Ihr leises Kommen, -- ein so rührendes Anschmiegen.
Er hat sie auf die Stirn geküßt.
Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.
Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.
Ja, und da war ihm das aus dem Märchen vom armen Heinrich gekommen.
Märchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief träumend und der
große reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.
Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr
ausschütten wollen.
Er wagte es aber nicht.
Den Kopf nicht verlieren!
Von vollendeter, junger Schönheit war ihr Körper. Ein Geschenk, eine
herrliche Erfahrung.
>Dem Schöpfer Dank, daß das Mädchen so leichtsinnig war, daß sie ihrer
großen Schönheit froh werden wollte, und daß sie ihn gewinnen wollte --
alles beiseite werfend.
Unerhört raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.