O, diese älteren Jungfrauen mit ihr >^j'y pense^<!«

Jetzt traten sie durch eine grüne Gartenthür mit grünüberwachsenem

Bogen.

Frau Lu begrüßte hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry

Mengersen, auch Isolde, die während des ganzen Wegs sehr stille war und

gern zurückgeblieben wäre, wenn sie es hätte möglich machen können.

Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.

»Wie schön!« sagte Isolde. »Wie entzückend!«

Es war das erste Mal, daß sie heute lebendig wurde.

Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stück Wald, kräftige

kleine Tannen und hin und wieder ein schöner hoher Baum. Der Waldboden:

Heide, die sich schon zum Blühen anschickte. Und mitten in diesem

Heideboden Rosenstöcke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer kleinen

dichten runden Tanne ein blühender Mohnbusch, von dem großblumigen,

mächtigen.

Um die hohen Tannenstämme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen

und großen violetten Blüten, Kresse, Reseda, Verbenen -- es war ein

entzückendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und

würzig.

Aus der Thür des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker

Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und

seinem Blick.

Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie hält noch immer das Bübchen im Arm.

Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bübchen auf die

Wange.

Sie haben kein Wort miteinander geredet -- aber sie haben sich wieder.

Sie sind beruhigt. -- Es ist nun gut. -- Sie ist wieder da. Das liegt in

seinen Augen, noch als er die Fremden begrüßt.

Und sie, sie ist eine ganz andere Person geworden. Die Augen strahlen.

Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht

viel jünger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan hätte.

Da ist sie wieder in der Atmosphäre, in der es sich so tief, so rein

atmen läßt.

»... Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu

bemühen, Lu,« sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der

schließt sich dem Mädchen an.

»Ja,« sagt Frau Lu, »wie lieb von dir.«

* * * * *

Unter einer großen Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter,

Reichstagsabgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier

mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren

Zielen vollkommen fremd waren.

Mit Helwig Geber war für sie ein Verständnis möglich, trotzdem er im

Gespräch weder auf Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in

einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so

ganz und gar, daß es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.

Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verständnis zu

erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermüdlich darin,

zu überzeugen und grundehrlich wie ein Kind.

»Sehen Sie, wie wunderbar das ist,« sagte er dann und wollte, der andre

sollte auch empfinden, was er empfand.

Er arbeitete an einem Werk, für das gewissermaßen dies kleine Haus, in

dem die beiden lebten, der Tempel war.

Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre

Lebensfreude, wie es die seine wohl sein mochte.

An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten,

etwas Neues, Einfaches, Großes, und mochten noch Jahre hingehen, mit

forschen, vergleichen, prüfen.

Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so

mußten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die

Arbeit gehen konnte.

Frau Lu wäre es lieber gewesen, er hätte nie mit einem Menschen über das

gesprochen, was ihn unablässig beschäftigte; trotzdem er Anhänger

gefunden hatte, prächtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares

Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig

hingebenden, schönen Mannes, erregt wurde, die, Verständnis heuchelnd,

eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles gründlich

mißverstanden und mißdeutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.

Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.

Frau Lu war es müde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie

nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.

Die Komtesse kam abends hin und wieder allein, ohne ihre Begleiterin,

dann löste ein Zufall ihr das mächtige Haar, sie hörte knieend zu, was

ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen

Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war

hingebend, fast demütig.

Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentümliche

Mischung.

Jetzt, als sie alle um den großen Theetisch unter der Buche saßen, hörte

sie überhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.

Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische Käuze.

Sie sprachen mit Vorliebe über das, was man essen sollte, um seine

geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und

machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.

Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und

geschwollene Hände, weil sie die Mücken nicht hatte verscheuchen wollen,

in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.

Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag

viel Ernst und Aufrichtigkeit.

Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Früchte aßen und

lobten diese Art sich zu ernähren ganz außerordentlich. Der Frau jedoch

schien sie miserabel zu bekommen. Die größte Marter aber, die sie sich

auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer,

sicherer Voraussicht schon jetzt künftige Adepten ahnten.

Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, daß diese zwei allerliebsten,

dicken Bürschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des

Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstmädchens dem »Brüderchen«

Gesellschaft leisteten, so außerordentliche Fähigkeiten in sich

verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.

Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, daß diese beiden Knaben

wiedergeboren waren als Adepten, daß sie schon keimende Adepten seien.

Auch in »Brüderchen« ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau

Lu zu: das wunderbar schauende Kind, »weihevoller« zu erziehen. Das

heißt, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.

Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und wären entsetzt gewesen,

hätten sie gesehen, daß das nette Dienstmädchen beiden ein paar Tüchtige

auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf

bestanden, dem Brüderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.

Die Eltern hörten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die

Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so heißen beide,

betroffen haben mochte.

Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumsschändung zurück und

sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein

paar wohlgemeinte Kläpse schadeten selbst Adepten nichts.

Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berührt.

»Na, hören Sie mal,« sagte Doktor Frey, »Ihre Bamsen thun sich aber

leicht!«

Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und köstlichen englischen

Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, daß er wiederum nicht

wußte, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte für ihn nicht

das geringste zu bedeuten. Er blieb überall der, der er war.

Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus schönsten Clematis

zu vergreifen.

Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.

»Lassen Sie! lassen Sie!« bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit

dem tiefen, treuherzigen Blick, »erschrecken Sie sie nicht.«

»Ja, um Himmels Willen!« Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.

»Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau

notiert sich ihre Versehen,« begann der Professor, »und dann teilen wir

Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir

setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen.«

»Na, dann vergessen Sie's nur auch mit den Clematis nicht und versuchen

Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen,

daß sie die Blumen in Ruh lassen sollen.«

Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.

»Ja, das werde ich,« sagte der Professor ruhig.

»Lassen Sie mich, liebster Herr Professor,« bat die Komtesse flehend,

»ich bitte Sie.«

»Nun, versuchen Sie's, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie müssen

sich ein »Blank« schaffen, eine absolut stille Fläche in der Seele. Sie

wissen ja.«

Die Komtesse saß schon und konzentrierte sich.

»Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin,« sagte der Professor.

Die Komtesse versank buchstäblich in sich selbst, erhob sich dann in

ihrer ganzen imposanten Länge, schritt mit starren Augen auf die Adepten

zu, die sich um die abgerissenen Blüten und Ranken rauften, und wollte

sie stumm beeinflussen.

Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rückgrat vor Atman und

Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht.

Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die

merkwürdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.

Da machte sich ungeheißen noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der

»biologische Mensch«, wie er hier genannt wurde, und ging eben so

konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf

die Adepten zu, um sie mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten

Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.

Das begab sich alles gewissermaßen ganz unauffällig, hatte auch ganz

wenig Erfolg.

Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar übten sich immer in

solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz alltäglich.

Sie sprachen untereinander von schwarzer und weißer Magie, wie andre

Leute von Konzert und Gott weiß von was und waren sich absolut nicht

mehr bewußt, daß ihre Gespräche doch nicht ganz unauffällig waren. Sie

dilettierten in allen möglichen occulten Dingen und befanden sich sehr

wohl dabei.

Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und

warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafür, die ihrerseits sehr

kühl war und sagte: »Weshalb? Man kocht Gemüse sehr schlecht in

Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?«

Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit damit beschäftigt, ein

Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und

streifte es ihm über. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewissermaßen

mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwürdig lang

in der ihrigen.

»Was für eine eigentümliche Hand; ich muß ihre Linien einmal prüfen.«

Er entzog ihr die Hand und führte das Armband im Scherz an seine Lippen.

»Unverschämt,« dachte die Governeß. »Natürlich, jede Gelegenheit nimmt

so ein Mann, so ein >^brute^< wahr.« Alle Männer erschienen ihr

gleichmäßig sehr verdächtig. Das Weib hielt sie für unsäglich rein. Aber

jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen

Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr

wohl verstanden, -- o, sie durchschaute!

* * * * *

Die Theosophen verabschiedeten sich heute früher als sonst. Sie wollten

etwas miteinander bei der Komtesse lesen.

Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas

derartiges.

Ihr Mann verwies es ihr leicht.

»Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und lächerlich aus, wenn man

nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles

andre.«

»Sie wollen ja gar nichts,« sagte Frau Lu, »sie spielen.«

»Mögen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch

ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut,

das »Sichselbstaufgeben«, das »^Tat wam asi^« der alten Inder, das »das

bist du«! Der kleine Zug ist rührend in unserer Welt, dies gut sein

wollen.«

Mrs. Wendland reichte ihrem Freund über den Tisch hinüber die Hand.

»Danke Ihnen,« sagte sie, »Sie haben recht.«

In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-,

Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz

eigentümliche Stimmung über die Gäste gekommen. Frau Lus guter Philosoph

hatte diese Stimmung gebracht.

Sie sprachen über Dinge, über die moderne Menschen selten nachdenken,

und hörten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer,

einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er

hatte den Mut, sich zu geben wie er war.

Henry Mengersen ließ diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr

Künstler, als daß er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen

Persönlichkeit nicht empfunden hätte, trotzdem er, seiner Natur nach,

weder Frau Lu, noch deren Mann je näher treten konnte.

Er sah auf Isolde. Isolde hörte mit großen Augen zu. Sie war bleich. In

der Abenddämmerung hatte die weiße, zarte Gestalt, etwas so

Unbestimmtes, Weiches.

Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewußtes in ihr.

Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes Lächeln um seine

Lippen, ein verächtliches Lächeln.

Ihm ist's, als fühlte und sähe er die Gedanken unter der jungen Stirn;

ihm ist's, als fühlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren

Gliedern.

Sie muß wie im Fieber sein! Ihre Nerven müssen zittern und beben -- ein

Schauer nach dem andern muß sie durchfahren.

Er hat als Künstler und Mensch über das Problem »Weib« nachgesonnen, als

Künstler hat er es auf seine Weise gelöst.

Er ist müde und gelangweilt vom Weib.

>Entsetzlich,< denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, >das

Weibliche in der Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-stürzen-wollen, dies

Gedankenlose, Nie-die-Folgen-überschauende. Egoistisch wie der Mann,

aber so unsäglich dumpf, unbewußt, so instinktiv, so elementar.

Wie unangenehm großgezogen ist es in ihnen dies langweilige,

aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfüllen wollen.

Wie sie sich hindrängen, wie eine dumpfe Herde -- ekelhaft!

Das Weib hat die Natur überboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat

es dem Unfreien, dem Dulden näher gestellt als den Mann -- und es hat

seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das

was es leiden muß, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden!

Widerlich!

Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wüchse irgend

etwas, ein Horn, ein Giftzahn -- dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm

und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!

Wäre Fräulein Isolde Ladenmädel, würde ich sie zu meiner Geliebten

machen. Weshalb nicht? -- und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem

würde -- vielleicht zu kunstsinnig -- kunstsinnige Weiber! -- gräßlich!

--

Wie selten hat ein Künstler die Freude am schönen Weib.

Hier wär sie, die Freude.

Halbtier: Roman · 第 25 / 54 题