Sie sah ihn ernst an. »Was ich dir sage, ist was ich weiß.«

Ihre Augen hatten etwas unergründlich, leidenschaftlich Ernstes.

Da kam ihm ein Gedanke. »Isolde,« -- sagte er und wieder goß dieser Name

seinen Zauber über ihn. »Sag mir, willst du mir etwas zu Liebe thun?«

»Ja,« sagte sie.

Er blickte sie forschend an. »Du standest vorhin so an dem Baum, die

Hände über dem Kopf und sangst. Willst du mir so ein einziges Mal

stehen, daß ich dich zeichnen kann?«

»Ja,« sagte sie. »Sogleich wenn du willst.«

Sie war ganz bereit.

Da schloß er sie wieder in die Arme, fest, innig, ganz gerührt. -- Und

er flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr.

Sie lag einen Augenblick darauf matt, wie verwundet, schwer in seinem

Arm.

Es war ihm, als sei sie nicht bei Bewußtsein.

»Isolde,« flüsterte er.

Sie hob sich, sah ihn ruhig ernst an und sagte: »Ja wenn ich dir

wahrhaftig damit helfen kann.«

Jetzt reichte sie ihm die Hand. Sie sagte nichts; aber er fühlte, er

sollte jetzt gehen.

Es war etwas Ermattetes in ihr. Er war besorgt, sie könnte sich nicht

auf den Füßen halten, aber sie stand ruhig und bleich und sah ihn an.

»Du kommst also zu mir, Isolde, in der ersten Stunde, in der es uns

möglich ist.«

Ihre Augen sagten es ihm zu. Sonst war sie ganz unbeweglich.

Er ging, und zwar in wunderlicher Erregung; machte einen weiten Gang um

ruhig zu werden.

Hier hieß es, Vernunft beieinander halten. Das war ja eine ganz

gefährliche Geschichte, die in den Rahmen seiner gewohnten

Liebesabenteuer nicht passen wollte.

>Sie wird doch nicht!< dachte er erschreckt, als er sich das erste

Wiederbegegnen mit Isolde in der Gesellschaft ausmalte. >Sie wird in

ihrer Naivität sich doch nicht als Braut betrachten! So eine höhere

Tochter in ihrer Weltfremdheit weiß nichts als Verlobung und Heirat und

Heirat und Verlobung. Wie ihr das beibringen?<

Zuerst meinte er, er wollte sich an diesem Abend zurückziehen, um sie

nicht in Versuchung zu führen, ihn und sich zu kompromittieren. Dann

verwarf er diesen Plan. Es war besser sie im Auge zu behalten. Und so

geschah es.

Er behielt sie im Auge und sah an diesem Abend ein stilles, rührend

schönes Kind, das in seinem duftigen Kleid einer großen, weißen,

träumerischen Blume glich.

Er sah, wie sich Arthur Wendland um sie bemühte -- und wie sie nichts

bemerkte, nichts sah und verstand, was um sie hervorging.

Schon bei seinem: »Guten Abend, Fräulein Isolde,« war er fürs erste

wenigstens über ihr Betragen beruhigt.

An diesem Abend wurde verabredet, daß alle miteinander Frau Lu am

nächsten Morgen nach Hause begleiten und erst am Abend zurückkehren

sollten.

Als Henry Mengersen zu später Stunde seine ausführliche und sorgsame

Nachttoilette machte, mochte seine Phantasie genug Beschäftigung haben.

Ob er wohl eine Ahnung davon hatte, welch süßes, reines, ganz

entflammtes Herz heut an seiner Brust geschlagen?

5.

Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war

unsäglich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.

Blaue, weite Schatten, breite Lichtflächen, kühle Nebel, über dem Wasser

schimmerndes Aufleuchten.

Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kindergesicht, den schönen Augen, dem

kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen

Tagen nicht viel näher getreten zu sein.

Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine

blühende Reseda im Zimmer empfindet.

Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:

»Eine berühmte Frau und ist wie nicht da! Wenn du dich nicht selbst in

Szene setzt, -- Lu, wer wird dich in Szene setzen?«

Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig über sie.

»Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie

schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.«

Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst

verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.

»Sie ist wenigstens nicht aufdringlich,« sagte er. »Mir sind

schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen

Gottlob nicht, und ihre Leistungen -- ausnahmsweise alle Achtung!«

Mrs. Wendland äußerte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin:

»Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlägt eine wehe selige Stimme, so

wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die

Hände auf seine Brust und sagt: O du großes Leid! Alle tragen dich und

wissen nicht -- leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden -- und

dieser unscheinbare Vogel weiß.

Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die

läßt es nicht so nah zu ihm.

Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.

Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann:

Wie ist das Böse in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz

anders.«

Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr

mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr

verstanden würde.

Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu

haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so

eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wünschen

konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel

mißverstanden wurden. Nachdem mit großen Schwierigkeiten Helwig Gebers

erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin

geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.

In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das

begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte

Kräfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem

ungezügelten Charakter des Mädchens dafür eingetauscht, hatte einen

Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer

bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen

Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu

dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.

Ihre ganze Jugend war eine große Herzenserregung gewesen. Jahrelang

hatte es gewährt, bis sie wußte, daß sie ihn liebte.

Und wie ein Todesurteil war dies Bewußtsein über sie gekommen. Sie waren

einander unentbehrlich geworden -- und mußten sich trennen -- und

wollten sich trennen.

Da, -- wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.

Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Auflösung hinein das

Wort vom Einanderangehören sprach.

Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung

angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an -- und

Verbindung mit der, die er liebte.

Eine Wundermähr in all die Todestraurigkeit hinein.

Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen -- und

eine Stimme kommt und spricht: »Bleibt beieinander. -- Ihr -- ihr dürft

es und ihr könnt es. Ich wirke das Wunder.«

Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.

Wozu die Qual des Aufschubs?

Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, überzeugend, bis sie

glaubten -- und mit einer großen Lebenswonne glaubten.

-- Alles, was niedergehalten war, erwachte -- alle Sinne thaten die

Augen auf.

Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte,

jauchzte in beider Herzen -- und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der

Sklaven die Herren wurden.

Und die Stimme kam wieder und wieder, festigte den Glauben, die Liebe

und die Hoffnung.

Und es verging eine gute Zeit.

Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.

Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses

bekommen.

Ja -- ja -- und: Ja -- ja -- ja -- und dabei blieb es.

Es geschah nichts.

Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme spöttisch, so von oben herab,

spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer -- und gellte von hartem

Spott.

Ein Lachen kam in die Stimme, in der Machtbewußtsein und böses Gewissen

wie mit scharfen, mißgestimmten, schrillen Glöckchen klangen -- eine

Stimme, die aus einem heiligen Gelübde einen tollen Scherz machen

wollte.

Und so riß sie Jahr und Jahre zwei unglückliche Menschen an tausend

gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Füßen über mattes,

müdgearbeitetes Hirn.

Dann kam eine Zeit, in der die Stimme tödlich wurde, wie eine Peitsche

sausend und zischend, auf das Höchste peinigend.

Da fand sich ein Ausweg. -- Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.

Rettung! Rettung für alle, auch für die arme, peinigende,

selbstgepeinigte Stimme.

* * * * *

Über die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die

Menschen her.

Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer

Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht;

langweilt, enttäuscht und empört.

Und die Zuschauer rächen sich, fallen selbst über die Geretteten her,

um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerreißen. Eine Sturmflut

böser Nachrede, Verläumdung, Haß, Vernichtung ging über die Geretteten

hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.

Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.

Mächtiger als alles waren sie gewesen.

Gebrochen an Leib und Seele -- -- aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen

unsagbar glücklich! Jubelnd vor Wonne, daß sie beieinander geblieben

waren.

Lachen konnten sie über das was die Welt »Liebe« nennt, diese kleine

civilisierte Liebe! Dies Hündchen mit der Steuermarke um den Hals.

Sie hatten die löwenstarke Liebe kennen gelernt, die königliche, über

die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch

immer entkam. --

Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer großen

Stadt, dem Tode nahe.

Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen.

Und wer etwa von ihnen wußte, verachtete sie.

Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der

seinen. -- Beide totkrank.

»Was sind wir doch für glückliche Menschen!« sagte er.

Das war die feierliche Stunde der Erlösung, die Stunde des Triumphes.

Von da an gesundeten sie.

Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf der Folter gewesen. Die

zertretnen Herzen mußten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft

schien es, daß es nicht zur Heilung käme -- aber sie heilten.

Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben,

wiedergekehrt sind.

Sie hatten sich immer an den Händen gehalten, und das hatte sie

gerettet.

Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese,

das etwas Königliches in beiden lebte.

Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.

Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus für sich,

das in einem wunderschönen Garten stand.

Viele lebten auch wie sie und schöner und reicher. Aber die beiden kamen

doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr

Verstehen ein andres Verstehen.

Sie waren die Wiedergekehrten und sie hatten aus dem Jenseits etwas mit

herübergebracht.

Sie waren die schon einmal Gestorbenen.

Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit

ihren Gästen, Frau Lu.

Eine köstliche Fahrt über den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll

sommerlicher Gang durch stille Buchenwälder.

In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so

erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.

Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach

den Wechsel der Umgebung. Unnahbar für alles, nur für die Würde des

Hauses nicht, manöverierte er mit der ländlichen Suppenschüssel auf eine

großartige Weise.

Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort

Münchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.

Das ferne München lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser

Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch

mit sich führend.

So nah einer Großstadt war kein frischeres, ursprünglicheres Fleckchen

Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu

gründen.

Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre

Eigentümer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrün ein

rotes Dach.

Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der

Eigenartigkeit der Landschaft ganz überrascht.

»Jetzt werden wir dem guten Philosophen über den Hals kommen,« sagte

Mrs. Wendland. »Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem.«

»Nein -- nein, er weiß schon,« sagte Frau Lu.

»Natürlich diese beide sind immer unter einander einverstanden. Wir

wollten ihn doch überraschen.«

Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes

Bürschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.

»Brüderchen!« rief Frau Lu.

Da waren sie beieinander.

In Frau Lus Kleid wühlte sich der runde, blonde Kopf des festen

Bürschchens ein.

Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstmädchen gelaufen.

Das Bürschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und wühlte mit

dem Köpfchen und hing an seiner glücklichen Mutter.

»Brüderchen!« in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so

etwas urkräftig Warmes, -- Frohes.

»Wie gehts dem Herrn?« fragte sie das Mädchen.

»Ganz wohl, gnädige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere

Herrschaften da.«

»Natürlich,« sagte Mrs. Wendland, »man kann nie zu euch kommen, ohne so

und so viele Zeugen.

Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governeß?

Halbtier: Roman · 第 23 / 54 题