Er horchte -- horchte. -- »Nein unerhört! Eine nackte Stimme!«

Es war ihm, als sähe er auch das Mädchen wie eine griechische Nixe nackt

im Walde laufen und schreiend singen, Liebesklage und Wonne, ein wildes,

ursprüngliches Durcheinander.

Da hatte er die geheimste Weiboffenbarung!

In seinen kühlen, beobachtenden Augen glimmte es.

Er war unbedingt erregt; als Mann und als Künstler erregt. Er empfand

das wilde, verlangende Geschöpf so deutlich, diese jauchzende

Naturkraft.

In ihm war ein neues Werk entstanden. Nach einer matten,

schaffensunlustigen Zeit, die erste lebendige Stunde.

Vorsichtig wie ein Jäger, schlich er näher. Er wollte, mußte sie sehen,

wie sie saß, stand oder was sie that während dieses tollen, lärmenden

Gesanges.

-- Und da sah er sie vor sich in ihrem grauen Lodenkleid; die Arme über

den Kopf gefaltet, stand sie an einen Buchenstamm gelehnt und wie

hypnotisiert von ihren eigenen Tönen.

In nächster Nähe gellten sie ihm schrill in die Ohren.

Ja, das war etwas Urweltliches; und so etwas lief in modernen Kleidern

umher, ließ sich höhere Tochter nennen, benahm sich ganz ehrbar, wie

andere auch. -- Wie sie dastand! -- Die verkörperte Liebes- und

Lebenssehnsucht. So, in dieser Gefühlssituation hatte er das Weib noch

nie gesehn. Das war ihm neu.

* * * * *

Er war selbst überrascht, als er ihren Namen rief, wie ihm der Name

»Isolde« laut über die Lippen kam.

Da zerriß der Gesang wie mit einem Sprung. Als hätte eine Kugel sie

getroffen, zuckte sie zusammen.

Er sah in ein ganz erbleichtes, starres Angesicht. Kein Wort kam von

ihren Lippen, kein Lächeln. -- Sie schaute fassungslos.

Und er?

Als wäre er mit einem leichtsinnigen Sprung mitten in einen

Wasserstrudel hineingesprungen.

»Isolde!« Was war ihm eingefallen! Dieser verhexte Name! Einen andern

hätte er nie gerufen. Aber: »Isolde! -- Isolde!«

Wie einen Liebeswonneschrei, solch einen Namen zu tragen!

»Isolde!« sagte er noch einmal; aber tonlos.

Da kam Bewegung in sie.

Aus ihren Augen leuchtete ein ganz seliger Glanz -- etwas so traumhaft

Seliges. Wie von etwas ganz Unfaßbarem aus dem Schlaf geweckt, stand sie

vor ihm; hilflos, rührend, wie vernichtet -- und wieder wie eben erst

zum Leben erwacht.

Nie hatte er solch eine träumerische Verwirrung auf einem Gesicht

gesehen.

Ja, und er, der so vielfach Gelangweilte, Abgekühlte war selbst erregt

und verwirrt.

Was hatte er da angerichtet!

Da stand sie und bot ihm ihre Liebe auf eine so süße, kinderhafte Art,

so unverhüllt, so durchsichtig, so widerstandslos ......

Ja, da war etwas was ihn ergriff.

Er mußte den Arm um ihre Schulter legen, mußte sie an sich ziehen. »Das

ist doch nicht möglich?« sagte sie bebend.

Und ein Thränenstrom brach aus ihren Augen, so heftig, -- so glückselig

wild.

Im Nu war der Regenschauer über ihr Gesicht hingegangen und sie sah ihn

mit leuchtenden Augen fragend an.

Der große, forschende Blick irritierte ihn wie ein Sonnenstrahl. Ihr

Kopf ruhte jetzt an seiner Brust. Da mußte er an Arthur Wendland denken:

>Ihren Kopf an meiner Brust und ich grinse über sie hinweg.<

Ihm war zu Mute wie einem reichen, satten Menschen, dem ein anderer mit

fanatischer Wonne sein einziges Besitztum, nach dem er gar kein

besonderes Verlangen trägt, zu Füßen legt.

Er fühlte sich unendlich belastet. Dieses zitternde vor Seligkeit

hinsterbende Geschöpf im Arme, das von ihm alles forderte, das ihm

unbewußt alles bot, bedrängte ihn.

Was sollte er thun?

Sie war sein, das fühlte er. Sie hatte sich ihm auf Gnade und Ungnade

ergeben.

Sie glaubte an ihn.

Jetzt sah sie zu ihm auf.

Diese Augen -- diese fordernden, glaubenden Augen!

»Daß du mich liebst!« sagte sie tief träumend wie von Glück übergossen.

Er drückte sie fester, inniger an sich. >Armes Ding<, dachte er, >müßte

ich jetzt nicht der Vorsichtige, Bedenkliche sein, wärst du -- -- was du

bist -- einfach ein verliebtes Mädel ...<

Er schloß sie fest, fest an sich. Sie erschauerte tief. Er empfand es.

Er drückte einen Kuß auf ihre halb geöffneten Lippen.

Sie schloß die Augen.

»Du, Mensch aller Menschen!« flüsterte sie wie damals als sie vor dem

Schädel lag.

»Wie, mein Herz?«

Sie antwortete nicht. Sie war wie erstarrt.

Mit einem Mal kam Leben in sie. Sie hob den Kopf, machte sich zaghaft

und rührend sanft aus seinen Armen los und erzählte ihm von ihm selbst

-- von jenem Tag als sie zuerst seine Kunst verstanden hatte.

»Ja,« sagte sie, »es war als wäre das alles mein eigen, von mir selbst

geschaffen, was du schaffst -- mehr könnte ich es nicht lieben, mehr

könnte es mir auch nicht sein: So wie ich dich, versteht dich kein

Mensch. Weißt du, ich bin gar nichts. Ich kann nichts; -- ich weiß

nichts -- man hat mich nichts gelehrt. Aber deine Kunst wohnt seit jenem

Tag in mir. Sie ist mein Bestes, mein Einziges, das Gute in mir. Weißt

du, ich sehe die Welt, wie du sie siehst.

Ich thue alles mit dir.

Und deshalb liebe ich dich auch so sehr,« sagte sie einfach.

Er hatte da ein wunderbares Abenteuer.

Wie sie sich selbst betrog! Liebte seine Kunst! Er lächelte, nahm ihr

Köpfchen und strich mit der Hand über das lockige Haar.

»So ein krauses Köpfchen.«

Halbtier: Roman · 第 22 / 54 题