Ja wohl, mein Fräulein, sie kommen ganz an den Rechten.<

Er lächelte.

»Also eine Kunstenthusiastin; sehen Sie mal an! Malen wohl selbst,

Porzellan -- >Schmücke dein Heim!< Natürlich!«

»Nein, ich kann gar nichts,« sagte Isolde.

»Aber man hat Ihnen gesagt, daß es sich nett macht, wenn eine gebildete

junge Dame über Kunst spricht, nicht wahr?«

»Man hat mir gar nichts gesagt.«

»Nun, die Tochter eines berühmten Schriftstellers aus einem

schöngeistigen Haus ist doch in dieser Beziehung mit allen Hunden

gehetzt.«

»Wie denn?« fragte Isolde.

»Der Herr Papa wird Sie doch in so manches eingeführt haben?«

»Papa?« wiederholte Isolde erstaunt.

»Na, oder Mama denn.«

»Mama!« sie lachte etwas. »Ach Mama« -- ein Seufzer. Allerlei Bilder

gingen ihr durch den Kopf.

Henry Mengersen war ein wenig aus dem Concept gebracht. »Meine Sachen

gefallen Ihnen also?«

»Unaussprechlich«, sagte das Kind Isolde mit einer Inbrunst und Wärme,

als antwortete sie ihrem Richter auf eine Frage um Leben und Tod.

* * * * *

Zwei Tage später.

Der Vater hatte Marie nach Hause gebracht, kam aber selbst jeden Tag

nach Starnberg hinausgefahren.

Der Familie Frey stand ein Todesfall bevor.

Die Mutter war zu einem schwer erkrankten Bruder nach Berlin gerufen

worden, der mit der Familie seiner Schwester sein Lebtag kaum in

Beziehung gestanden hatte.

Vor Jahresfrist ungefähr hatte Mama ihm eine Photographie ihrer beiden

Mädels geschickt und darauf einen warmen verwandtschaftlichen Brief

erhalten.

Der Onkel schrieb, daß er sich die beiden schönen Nichten nächstens

einmal einladen würde.

Diese Einladung war nicht erfolgt. Und die nächste Nachricht war eine

Depesche, die Mama schleunigst an das Sterbebett ihres seit Jahren ihr

fremd gewordenen Bruders rief.

Doktor Frey war gehobener Stimmung. Er wußte zwar von seinem Schwager

Apotheker nicht viel mehr, als daß dieser wie ein altbürgerlicher

Junggeselle gelebt hatte, bescheiden, aber solid.

Angenehm war es auf jeden Fall, daß er seine Schwester bedenken würde.

Darauf war eigentlich mit Sicherheit zu schließen. Doktor Frey hoffte,

daß es etwas ausgeben würde.

* * * * *

Henry Mengersen wandelte auf der Terrasse vor Mrs. Wendlands

Speisezimmer, schaute den blauen Wölkchen seiner Cigarette nach und ließ

die Blicke über den See hinschweifen, der bleich wie eine metallene

Scheibe ausgebreitet lag und den weißgrauen Himmel widerspiegelte.

Nahe dem Hause ging Isolde. Sie hatte die Arme auf den Rücken

zusammengelegt, stieß mit dem Fuß nach kleinen Steinen und glaubte sich

unbeobachtet.

Henry Mengersen blieb jetzt stehen und sah auf das Mädchen.

Es freute ihn, zu sehen, wie harmlos das Ding sich bewegte.

Ihre junge Schönheit beschäftigte seine Sinne angenehm.

Welch verhaltene frische Kraft lag in den Gliedern. -- Und welche

Vornehmheit in der ganzen kleinen Bestie! --

In ihr war das Stilvolle; das würde sich später erst recht entwickeln.

Wie selten traf man doch solch ein Weib! Mrs. Wendland mußte in ihrer

ersten Jugend ähnlich gewesen sein.

Mrs. Wendlands Sohn war gestern spät abends angekommen, ein

achtzehnjähriges Bürschchen, junger Kosmopolit.

Sie hatte ihn aus irgend einem Grunde nach Wien gesteckt und er war eben

auf dem Weg, in Paris seine Studien fortzusetzen.

»Köstlich, den über Weiber reden zu hören, diesen Fratz!«

Henry Mengersen lächelte in der Erinnerung daran.

>Aber ich bitt' Sie, Henry, man kommt doch nie über diesen lendemain

hinaus,< hatte er zu ihm gesagt.

>Immer dieselbe Situation. Ihren Kopf an meinem Busen und ich grinse

über sie hinweg.

Die Psyche des Weibes giebt mir nichts Neues mehr, Henry, es hat mir

noch keine »nein« gesagt. Eine einzige -- und ich wäre dieser Frau

dankbar.<

-- Teure Mistreß, da hast du dir ja etwas Famoses »ausgebrutet«.

Henry Mengersen amüsierte sich, seine Gedanken spazieren zu lassen.

Er entsann sich eines Ausspruchs Mrs. Wendlands: »Mir geht es so wohl,

Henry; wenn ich wieder zur Erde komme, werde ich wieder als unabhänglige

Witwe geboren. Ich bin ein freier Mensch. Leider mein einzigen Tyrannen

hab ich mir selbst ausgebrutet.«

Damit meinte sie also dieses Söhnchen. -- Alle Achtung!

Und sie glaubt sich von diesem Söhnchen angebetet. >Menschen

untereinander!< -- dachte Henry Mengersen. >Jetzt sitzt er bei seiner

Mama. Was sie wohl miteinander reden? Natürlich durchschaut er sie. Sie

ihn? -- ^No!^ Mütter sehen nun einmal ihre Söhne immer wie in der

zweiten Stunde nach der Geburt.<

Henry Mengersen warf seine Cigarette fort und drehte sich eine neue. Es

lag eine so köstliche Stimmung in der Luft. Ein feuchtwarmer Wind wehte

vom See. Man war wie eingehüllt in solche Luft. Es dachte sich so leicht

und angenehm in dieser Atmosphäre, so kühl objektiv.

Isolde war inzwischen langsam dem Walde zugegangen.

»Weißt du, mein Schatz, weshalb nicht? Wenn ich ein weniger vorsichtiger

Mann wäre -- aber deine Basen, Väter, Onkels und Mütter -- nee -- weißt

du!« und Arthur Wendland trat auf die Terrasse. Ein fabelhaftes

Männchen. Gegen ihn schien Mengersen fast philiströs in seiner ganzen

Erscheinung. Da war Rasse bis in das Taschentuch, übertriebene Rasse.

>Mein Mann und ich waren eine gute Mischung,< hatte Mistreß Wendland

gesagt.

»Was Mama für eine sonderbare Frau ist!« Arthur warf sich in einen der

indischen Lehnsessel. »Ich soll offen zu ihr sein, sie will ein wenig

»Mama« spielen. Wozu man nicht alles herhalten muß! Ich bin Mama

übrigens dankbar; in allem, was sie thut, ist sie chick. Ich hatte mir

das früher als höchst ennuyant vorgestellt, Mamas Eingriffe in das Leben

eines jungen Mannes. Mama ist Gottlob aber eine Dame von Welt, man kann

mit ihr reden!«

»Ja, Sie werden von Ihrer Mutter nicht geniert, junger Mann,« sagte

Mengersen.

»Wir sahen die kleine Person, die Isolde da unten gehen, Mama und ich.

Mama sagt: Sie ist ^first class^. Ich sagte: für ein >Nein< ruiniert man

sich mit hundert >Ja<.«

Nach diesem Ausspruch dehnte sich der kleine Arthur Wendland in seinem

Stuhl. »Man sollte etwas Boot fahren,« sagte er, erhob sich und schickte

sich an zu gehen. »Würden Sie geneigt dazu sein, Henry?«

»Augenblicklich nicht, ich fühle mich hier sehr angenehm.«

* * * * *

Etwas später hatte Henry Mengersen ein Gespräch mit Mrs. Wendland.

»Nun, Henry, wie gefällt Ihnen mein einziger Sohn? -- eine nette

Karikatur? Vor der Hand Snob. Aber er wird mir einmal danken, daß ich

ihn habe ^par force^ über die schlimmsten Jahre gebracht. Sie sind ein

sehr kluger Mann, aber die Klugheit von einer Frau, wissen Sie, das ist

etwas ganz anderes. Ich habe ihn jetzt hier, weil er sich soll in Isold

verlieben. Sie ist ein sehr herbes Mädchen und es ist jetzt Zeit, daß er

eine unglückliche Liebe bekommt. Heiraten, ^mon Dieu^, so einen Unsinn

wird er in Ewigkeit nicht denken -- und Isold wird ebenso wenig einen

andern Unsinn denken.

Halbtier: Roman · 第 19 / 54 题