Und Henry Mengersen ist kein schlechtes Raubtier.«

»Eine sehr selbstbewußte Dame, die gute Mrs. Wendland!«

Der moderne Schriftsteller wendete sich flüsternd an Doktor Frey.

Sie gingen mit einander im weiten Atelierraum auf und nieder.

Doktor Frey führte seine zusammengelegten Fingerspitzen zum Munde,

machte eine Geste der Verzückung.

»Götterweib!« kam es inbrünstig, unhörbar von seinen Lippen.

»Nee!« dieser Meinung war der moderne Schriftsteller nicht, Hühner und

Weiber nur ganz frisch. »^Hautgoût!^ Brr! Künstliches ^Hautgoût, Fin de

siècle^ -- ^Hautgoût^ als Parfum für die weibliche Jugend -- famos!

Schreibe selbst solches Zeug. Verdammt raffiniert so was! Geist beim

Weib höchst verdächtig! Hat die gute Dame Kinder gehabt? Geist beim Weib

einfach pathologisch. Übermensch, was ist denn dir in die Krone

gefahren? Warst doch sonst nicht so? Die Millionen etwa? Nee -- nee --

da laß ich mir nix vormachen.«

* * * * *

Mengersen hatte eine Mappe auf den Tisch gelegt, neue Reproduktionen.

Er sprach mit dem Baron darüber, war mit irgend etwas zufrieden oder

unzufrieden. Sie sprachen kühl hin und her über Geschäftliches und so

weiter.

Mengersen legte einige Blätter auf den Tisch und zufällig vor Isolden

hin.

Und es waren jene Blätter.

* * * * *

Mrs. Wendland und Doktor Frey standen am geöffneten Fenster.

Der temperamentvolle Prophet und möglicher Weise baldige

Reichstagsabgeordnete und so weiter, sprach auf die schöne Frau mächtig

ein.

Mrs. Wendland schaute gelassen auf ihn hin. Sie trug, wie stets, wenn

sie ihr weißes Hauskleid abgelegt hatte, eine schwarze Toilette und

machte einen äußerst vornehmen, in sich zusammengefaßten Eindruck.

Das Porträt, das ihr guter Freund, ohne ihr Wissen, von ihr vollendet

hatte, mochte sie seltsam berührt und verletzt haben.

Sie hatte sich ihm offen gegeben. Sie hatte ihm den Genuß geboten, das

Weib auf seiner höchsten Stufe, wie sie meinte, das hochentwickelte

Weib, ganz kennen zu lernen.

Sie war rückhaltlos zu ihm gewesen, vollkommen wahr, im Vertrauen, wie

es ein großer freier Mensch zum andern hat -- und er hatte das Tier in

ihr erkannt -- nur das Tier -- das brutale Tier.

Sie hatte im Verkehr mit ihm über das »Tier« Mengersen hinweggesehn und

hatte in ihm den Gott gehätschelt, angebetet und geliebt.

Mit ihrer heitern Weisheit und Welterfahrung hatte sie ihm etwas

schenken wollen -- und er? --

»Man ist einsam, ungeheuer einsam!« sagte sie wehmütig.

Doktor Frey wußte nicht, auf was sich dieser Ausspruch beziehen mochte

und blickte etwas verblüfft auf sie.

»Bitte, fahren Sie fort,« sagte Mrs. Wendland leicht lächelnd. Der

berühmte Schriftsteller mochte ihr irgend etwas vorgetragen haben, was

sie überhört hatte.

* * * * *

Herr Goldschmitt, der moderne Schriftsteller, machte sich an das schöne

blonde Mädchen, an Isoldens Schwester heran und unterhielt sich mit ihr

einigermaßen von oben herab; aber durchaus angenehm berührt. »Jung,

rosig, blond, sanft und diese weiche, hilflose Stimme -- köstlich!«

Er fühlte sich wie eingelullt von ihrer ausgeprägten, gesunden, molligen

Weiblichkeit.

Sie hatte aber trotzdem etwas Träumerisches, Verschlossenes, Kühles.

>Etwas hartmäulig noch<, dachte der Schriftsteller in seiner

Pferdesprache, die er mit Vorliebe bei Beurteilung von Frauen anzuwenden

liebte.

Übrigens wußte er weder von Frauen, noch von Pferden etwas

Nennenswertes.

* * * * *

Isolde aber stand im Bann von Henry Mengersens großer Begabung. Sie sog

das, was sie sah, in ihre Seele ein. In seiner nächsten Nähe schlug ein

kristallreines Herz zum Zerspringen vor Seligkeit und Anbetung.

Die junge Nonne lag wieder in Verzückung vor der schönen Erscheinung

seiner Kunst.

Wie Gottes Sohn empfand sie ihn.

Und ob er schön und elegant, oder häßlich und verschabt war, was ging

das sie an.

Wie einen Teppich hätte sie sich vor seine Füße breiten mögen.

Sie war in diesem Augenblick eigenartig schön. Die hingerissene junge

Seele durchleuchtete sie.

Henry Mengersen kam zum Entschluß, sich mit dem kleinen verrückten Käfer

etwas abzugeben.

Er war, wie gesagt, kein Freund der »höheren Tochter«, hie und da aber

fand sich doch ein Exemplar, das man sich einmal betrachten konnte.

* * * * *

Als sie wieder nach Mrs. Wendlands Villa zurückgingen, bot er ihr den

Arm.

Der Mond war untergegangen und der Weg durch den Buchenwald dunkel.

Mrs. Wendland ging mit Frau Lu.

Sie schwiegen beide das längste Stück des Weges.

Endlich sagte sie: »Lu, was ist mit dir? Du bist so still. Ich weiß

nicht wie du mich heut vorkommst? Es ist mir, wie wenn man denkt, es ist

warm und hat seine Wintermantel ausgezogen und es ist kalt. Sag mir, ist

was mit dir?«

»Du weißt ja, ich kann nicht von ihm fort sein.«

Die junge Frau schien erregt und bedrückt.

»Wenn ich du wär, ich würde auch nicht einen Schritt von ihm gehn. Wenn

man so etwas hat in seinem Leben wie du gefunden, muß man es halten mit

den Armen, den Händen, den Zähnen. Weißt du Lu, ich möchte mit deinem

Mann in ein Kloster gehn.«

»Das ist ja lieb von dir,« meinte Frau Lu lachend.

»Nein, im Ernst. Es würde eine wunderschöne Zeit, auch für ihn. Bei ihm

fühlt man sich nicht degradiert, wie bei die andern Männer, kann mit ihm

verkehren wie mit Gott Vater, so ganz ^sans gêne^.«

»Ja, wahrhaftig,« sagte Frau Lu, »das ist ja auch so. Weißt du, es ist,

als wenn ein guter, großer Geist neben mir herginge, in meinem Haus

wohnte und mich liebte. Wenn du wüßtest, wie gut er ist, wie reich unser

Leben ist. Wie schön es bei uns ist!«

»Und«, sagte Mrs. Wendland lächelnd, »wie ich mirs verderbe.«

»Ja, ja -- aber wenn du an meiner Stelle wärst.«

»Ich? Nun, wenn ich mich in deinen Mann verliebte, würde er es besser

haben als bei dir. Glaubst du, ich würde ihn mit meiner Angst um ihn,

immer wie mit Salz die Nerven bestreuen? Wie du? Bei mir könnte er alles

thun, was ihm beliebt, krank sein, gesund sein, arbeiten, auch ruhig

sterben, wenn es sein soll. In nichts redete ich ihm drein.«

»Du bist kostbar,« lachte Frau Lu leicht.

»Und ich habe das Interesse für diese Alltagsmänner ganz verloren. Mögen

sie nun ein Genie sein wie Henry oder nicht. In sich, in ihrem Charakter

sind sie so schlecht gezogen, so nicht fertig geworden. Für uns Frauen

ist es immer eine Kränkung, gleich, ob sie sind brennend zu uns oder

kalt.

Wir haben immer das Brutale. Sie sind alle wie die ganz reichen Leute,

die den Armen zu Weihnachten bescheren. Sie selbst gehen in Kleidern von

Worth, wo ist jede Naht ein Kunstwerk. Für ihre Mitmenschen aber lassen

sie aus grobem häßlichen Stoff Röcke nähen von plumper Façon ohne Sinn

und Verstand.

Sie geben so für das allergröbste Bedürfnis der Natur -- und damit

basta.

Und dieser schreckliche Jüngling, dieser Herr Goldschmitt! Statt eine

Seele oder ein Herz hat er ein kleines Ferkel in sich, glaub ich.«

* * * * *

Inzwischen ging Isolde an Mengersens Arm zaghaft und in höchster

Erregung. Sie wollte etwas sagen und fand kein Wort.

Er schwieg auch, um zu sehen, was die Kleine vor hätte. Ihm schwante

etwas, schon bei der ersten Bekanntschaft mit ihr.

»Sie sind so glücklich,« sagte Isolde nach langem leidenschaftlichem

Kampf mit sich selbst.

»So? Bin ich? -- Und weshalb mein Fräulein?«

Das klang banal, so gar nicht als sagte es Henry Mengersen. Aber das war

ja kindisch von ihr, zu erwarten, daß er wie ein Gott sprechen würde.

Natürlich, er war so durch und durch Gentleman; wenn sie daran dachte,

wie er sich kleidete, wie er sich betrug, wie er verwöhnt war, konnte er

ja gar nicht anders antworten.

Oder konnte er es? Sie wußte selbst nicht, was sie eigentlich verlangte.

Es war doch ganz das Richtige. Man sprach so. Und was sie gesagt hatte,

war dumm und lächerlich.

Sie errötete tief.

»Nun und weshalb bin ich so glücklich?« fragte er noch einmal

zugänglicher. Es war doch eine gewisse Neugier in ihm wie das Hühnchen

mit ihm anzubinden gedachte.

Isolde sagte irgend etwas, stockend, abgebrochen, hastig. Sie wußte kaum

was. -- So etwas: >daß er könnte, was er wollte.<

>Oho<, dachte Mengersen, >die kapert so. Was sind diese jüngsten

weiblichen Raubtiere doch schon gerieben und schlau! Einer »höheren

Tochter« kommt darin nichts gleich. Was für ein Lärvchen hat das Ding

und dahinter schon die volle Gier nach anständiger Versorgung. Was ist

gegen so ein Hühnchen der schlaueste Börsianer! ...

Halbtier: Roman · 第 18 / 54 题