Ja, und dieses Bild! da war das Geheimnis.
Sie war aber wie reingespült davon.
Eine süße, ungeheure Melodie hörte sie. Sie fühlte etwas so Großes, so
Einziges, etwas zum Hinsterben. Von dem Tuscheln, Schauern, dem naiv
frechen Treiben der unanständigen Kobolde, die die Leute Backfische
nennen, war sie von jener Stunde an getrennt.
Auf dem nächsten Bild dasselbe Liebespaar.
Ja, sie erkannte sie beide wieder. Ein Kind war geboren. Das Weib lag
langgestreckt und tot. Es stand da eine Wasserschale und Tücher lagen
da. Sie sah das Weib mit Schauern. Es war eben geschehen.
Der Mann kniete und hielt den Kopf des toten Weibes in seinen Händen und
seinen Kopf hatte er ganz vergraben.
Hinter beiden aber stand der Tod, riesig wie eine mächtige Wand, wie ein
Fels und auf seinem Arm lag das eben geborene tote Kind, gleich einer
welken Blüte, die zufällig ein Sturmstoß auf den Arm des Todes geweht
hat, so hing es formlos zusammengefallen.
Das junge Ding vor dem Bild war erschüttert, wie vor nichts noch auf der
Welt.
Ganz verschüchtert stand sie vor etwas Schrecklichem. Und dazu das
Geheimnisvolle, das Unenthüllte -- das auch sie selbst anging.
Sie fühlte sich vor diesem Bilde bang dämmernd als Weib und fühlte dies
mit tiefem leidenschaftlichen Erschauern.
Sie gehörte zu denen -- zu denen, die so namenlos, geheimnisvoll leiden
müssen, zu denen, neben deren Liebe der Tod steht, so, wie sie es eben
gesehen: der riesige, ernste, feierliche Tod.
O, so lieben! Welches Geheimnis!
Liebe und Tod! O, so in den Untergang hinein lieben!
Sie fühlte sich stolz, mächtig -- und freute sich, daß sie ein Weib war.
Es war als ob ihre Füße den Erdboden nicht berührten.
Ja, das ist das Größte auf Erden: Weib sein! Sich opfern!
Mit solchen Gefühlen ging sie damals nach Hause.
Von da an liebte sie Henry Mengersen, noch ehe sie ihn gesehen. Sie
liebte ihn, wie sie seine Kunst liebte.
Und als sie ihn gesehen von Angesicht zu Angesicht, liebte sie ihn kaum
mehr als vordem. Nein, durchaus nicht mehr.
Der Schädel, dessen Stirn die wunderliche Ähnlichkeit zeigte, war ihr
vom Schicksal gegeben worden als ein Symbol, das sie anbeten durfte,
leidenschaftlich, ahnungsvoll, wie eine Nonne eine Reliquie anbetet.
* * * * *
Und nun sollte sie in das Heiligtum treten und seine Werke in dem Raum
sehen, in dem sie geschaffen wurden.
4.
Sie gingen alle mit einander. -- Mondschein -- Centifolienduft; -- der
Springbrunnen spielt wie ein in sich selbst versunkener Spielmann in
seiner grünen Ecke.
Vom See kam eine feuchtweiche Luft. Das Mondlicht durchfloß die zarten
Gewänder der Mädchen, löste sie wie zu einem leichten, weißlichen Nebel
auf. Isolde segnete ihre Mutter für diese Kleider.
Mrs. Wendland wurde von Doktor Frey geführt. Er führte sie so vorsichtig
wie ein höheres Wesen, von dem er befürchtete, daß die bloße Berührung
mit dem Erdboden es beschädigen könnte. An jedem Schritt, jeder Bewegung
sah man, daß er vor urwüchsiger, ganz naiver Wonne und Befriedigung
nicht ein und aus wußte.
Marie sah im Geist daheim die Mutter sitzen, wie sie mit ihrem Bengel
die Schularbeiten machte, und Marie erschrak, wenn sie daran dachte, daß
auf die Mutter auch nur ein Tropfen jener Zartheit, Besorglichkeit
fallen könnte, mit der der Vater Mrs. Wendland umgab.
Wie würde der Mutter bei so etwas wohl zu Mute sein?
Würde sie darüber lachen oder weinen?
Marie konnte sich das gar nicht vorstellen. Vor ihrem Vater aber
fürchtete sie sich, als wäre er sein eigenes Gespenst. Sie mochte gar
nicht hinsehn.
Sie schämte sich.
Wer war nun der Rechte, der zu Hause oder der hier?
Gern wäre sie der Mutter um den Hals gefallen und hätte bitterlich um
das geweint, um das, was sie lang und unklar empfand.
Sie gingen jetzt durch hohen Buchenwald. Der Mondschein flimmerte durch
die dichten Zweige. Der Weg führte sanft abwärts.
Sie waren auch alle ganz schön im Sommerzauber drin. Ein jeder spann und
sann. Wenigstens gingen sie ziemlich schweigsam durch diese laue,
flimmernde Nacht.
Henry Mengersens Atelier lag unten am See. Er hatte sich schon seit
Jahren ein kleines Landhaus hier gemietet, das er in den Sommermonaten
bewohnte. Das Atelier groß und kahl; die kleinen Abteilungen des
Riesenfensters standen zum Teil offen. Das Mondlicht strömte herein. Es
lag etwas Kühles, Klares in diesem Raum, als Henry Mengersen die
Schraube zum elektrischen Licht aufgedreht hatte und alles bis in den
letzten Winkel bestrahlt war.
Hier empfand man nichts Weiches, nichts Ungeordnetes, nichts Beengendes,
eine peinliche Ordnung und Sauberkeit.
Wem die Augen über Henry Mengersens Toilette noch nicht aufgegangen
waren, dem gingen sie hier auf. Sie war von jener vornehmen, absoluten,
eleganten Reinheit und Neuheit, die ein Deutscher schwer erreicht.
Auch Henry Mengersen war Mischling. Seine Mutter stammte aus einer
schwedischen Familie.
Die Art, sich zu kleiden, hob ihn über das Gewöhnliche, erleichterte ihm
vieles im Verkehr mit den Menschen, wirkte auf gewisse Naturen immer
verblüffend, ließ ihn über der Situation stehen und zwar, ohne daß er
sich irgendwie dabei hätte anstrengen müssen. Was ein armer tapferer
Kerl mit schlecht sitzendem Rock und mit an den Knien ausgearbeiteten
Beinkleidern mit Aufbietung aller Kräfte und allen Mutes nicht
erreichte, das fiel ihm zu. -- Er gebrauchte, um das alles zu erreichen,
nur etwas mehr Zeit zu seiner Toilette. Für Frauen war er
unwiderstehlich.
Diese jungen, naiven, deutschen Frauen -- wie ennuyierten sie ihn seit
Jahren schon!
Er verkehrte jetzt allerdings meist nur mit Ausländerinnen, oder
wenigstens mit deutschen Damen aus den höchsten Kreisen.
Das war zu ertragen. Eine Frau, wie Mrs. Wendland, schien ihm wirklich
erträglich, und auch ein Haus, wie Mrs. Wendland es führte -- die ganze
Art von Mrs. Wendland stieß ihn nicht ab, trotzdem sie ihre großen
Schwächen hatte.
Man konnte mit ihr reden und leben, ohne jemals von Naivitäten belästigt
zu werden. --
Mrs. Wendlands Ansicht war:
»Wissen Sie, Henry, man kann thun was man wünscht bei uns. Man muß nur
immer in seine Rang bleiben.«
* * * * *
Im Atelier hing keine Studie, nichts von seiner oder irgend eines andern
Hand.
Große, bequeme, helle Eichenholzschränke standen längs der einen Wand,
ein breiter Arbeitstisch nahe dem mächtigen Fenster.
Mengersen ging in den Nebenraum, in das Bildhaueratelier, und bat seine
Gäste, einen Augenblick auf ihn zu warten.
In dies zweite Atelier ließ er ungern jemanden eintreten.
Es währte nicht lange, da kam er mit einer kleinen Marmortafel wieder
und stellte diese auf eine Staffelei, rückte sie behutsam, blickte
prüfend zur Lichtkrone und trat dann zurück.
Ein Relief. Mrs. Wendlands Kopf, leicht gelblich getönt, ein Sphynxkopf.
»Also ein Raubtier,« sagte Mrs. Wendland eigentümlich lächelnd.
Sie hatte recht, ein Raubtierkopf, so schön er war. Die Augen hatten
etwas Packendes, Zugreifendes. Um den Mund lag ein rätselhafter,
urweltlicher Zug: »Das Tier.«
Hier war es geprägt, das Halbtier Weib.
»O, Henry Mengersen,« sagte Mrs. Wendland ruhig, »weil ich bin ganz
offen, offen, wie Sie sonst niemanden kennen, weil ich nichts verstecke,
nichts Böses und nichts Gutes, machen Sie ein Rätseltier aus mich. --
Sonderbar!«
Da lächelte Henry Mengersen überlegen wie ein Richter, vor dem sich
einer so eben selbst überführt hat.
»O, ich verstehe,« sagte Mrs. Wendland gleichgültig, »so meine ich
nicht. Meine Offenheit ist nicht die Offenheit von ein Tier. Sie irren.
Halten Sie mich für naiv? Dann verzeihen Sie, ich muß lachen. Sie
verstehen doch, was ein Kunstwerk ist? Raubtiere sind wir alle. Aber Sie
meinen damit nicht das: Ich weiß, ich bin Herrn Mengersen ein Dorn,
trotzdem er sehr liebenswürdig zu mir ist, weil ich ein wirklicher
Mensch bin, lebe wie er lebt und bin so klug wie er ist. Wenn sich Herr
Mengersen auch als Raubtier ausmeißelt, bin ich zufrieden.
Ich bestelle mir noch ein Raubtier, es müssen zwei sein.