Die beiden jungen Männer, der Schriftsteller und Henry Mengersen
verhielten sich bisher passiv. Der Schriftsteller hatte den Blick selten
von Mrs. Wendland gekehrt.
»Kann so bleiben,« murmelte er ein paarmal vor sich hin, »kann so
bleiben.«
Henry Mengersen war, wie es schien, ein wenig verstimmt.
Mrs. Wendland hatte Doktor Frey und seine beiden Mädchen veranlaßt, mit
ihr auf den Balkon hinauszutreten.
»Alles angeweiblicht -- für Weiber!« -- sagte Henry Mengersen zum Baron
gewendet. »Jawohl, Eisenbahnen bauen! O teure Mistreß, versuchen Sie's
mal.«
»Na,« meinte der Baron, »Sie Tiger, das sagt man doch bloß. Und
übrigens, ich habe nichts gegen das Ewig-Weibliche hier um diesen Tisch.
Reizende Kerlchen -- was?«
Er zwinkerte und deutete mit diesem Zwinkern auf die verlassenen Plätze
der beiden Mädchen.
»Nicht übel, die eine ist mir schon bekannt, ein sonderbares Huhn.«
* * * * *
Zum Souper kleideten sich die beiden Mädchen in ihre duftigen langen
Gewänder und es fiel ihnen wie ein Stein vom Herzen, als sie sich so
schön sahen. Die Vornehmheit bedrückte sie nun nicht mehr.
* * * * *
Spät am Abend sprach Mrs. Wendland den Wunsch aus, daß Henry Mengersen
sie alle miteinander in sein Atelier führen möchte.
Auf eine kühle Art zeigte er sich bereit dazu.
Isolden schlug das Herz.
Und während die anderen im Salon noch eifrig plauderten, stand sie
allein draußen auf der Terrasse und sah in die Sommernacht hinaus.
* * * * *
Zwei Jahre mochten es her sein, da hatte sie in einer Münchener
Kunstausstellung, kaum fünfzehnjährig, vor einer Reihe Radierungen
gestanden -- und das Kind hatte geschaut und geschaut, die Zeit war ihr
vergangen, ohne daß sie es empfand.
Die Leute hatten über das kleine weltvergessene Mädchen gelächelt.
Sie aber hatte eine neue Welt gesehen und gefühlt.
Da war eine Landstraße gewesen, eine langgestreckte Landstraße, links
und rechts mit jungen Obstbäumen besetzt und diese Straße führte geraden
Wegs hinein in einen dunkeln, drohenden schweren Gewitterhimmel.
Niemand ging diese Straße. Sie aber ging sie. Sie ging im Geist auf
dieser Straße.
Eine große tote Stille -- kein Blatt rührt sich -- kein Laut -- und auch
die ungeheure Wolkenmasse stand unbeweglich, ein großes, düstres
Geheimnis.
Und diesem drohenden, düsteren Unbekannten lief sie entgegen. Sie ging
nicht, sie lief.
Sie war ganz entrückt.
Und dann ein andres Blatt:
Auf hohen Gebirgsgipfeln mitten in der Gletscherwelt, im ewigen Schnee,
kämpften zwei Titanen unter schwerem Himmel. Der ewige Schnee stiebt um
sie her. Eisklötze fliegen. Der Grund ist zerwühlt, zerstampft,
zerklüftet und zerrissen von der Gewalt der Hufe.
Um was kämpfen sie? Um ein armes Häschen, das tot und winzig im Schnee
liegt, das der eine erbeutet hat und der andere ihm nicht gönnt.
Da mußte das Kind lachen.
Und weiter:
Auf einem Bild sah sie ein Liebespaar. Rosen und Nacht. Es war alles so
verstohlen.
Sie begriff.
Es war da ein Duft von Jasmin in der Luft -- und das Geheimnis, das
große Geheimnis.
In der Schule steckten sie die Köpfe immer zusammen, das Eine, nur das
Eine ließ ihnen keine Ruh; es sprühte ihnen im Blute, es stieg ihnen zu
Kopfe, es nahm ihnen den Atem. Und dann war es so widerwärtig -- die
anderen konnte man darum hassen, daß sie davon tuschelten. Und im
Umsehen waren sie wieder dabei -- sie mit.
Eine zeigte eine Stelle im Religionsbuche, ohne ein Wort zu sagen.
Eine errötete. Und alle schauten und machten lange Hälse und wollten es
sehen -- lesen -- genießen -- davor erschauern -- sie mit.