»Oho! Hochverehrte,« rief Doktor Frey mächtig. »Deutsche Liebe!
Deutsches Weib! Minnesang! Sie thun uns bitter unrecht!«
»Da kommen Sie mit die Mittelalter! -- Natürlich, das thun alle
deutschen Männer, wenn sie von die Frau reden. Ein deutscher Mann sieht
die Frau immer im Mittelalter, auch in solch einem Kostüm. Ich glaube,
wenn er von die deutsche Frau spricht, denkt er an eine aus Holz
geschnitzte, nie an die lebendige, so wie auf den Titeln von allen
deutschen Familienzeitungen zu sehn ist, so kinderlich. Das Naivste, was
es in dieser Beziehung giebt, ist der deutsche Mann.
Deutsche Liebe! Ich mache zwei Kreuze davor, damit man sich in acht
nimmt.
Ich will eine lange Geschichte erzählen: ich liebe sehr Geschichten zu
erzählen,« sagte sie träumerisch.
»Es hat sich eine Ausländerin verheiratet. Sie hat einen deutschen Baron
geheiratet.«
Mrs. Wendland sah mit ihren tiefen ruhigen Augen, geradaus über die
Gesellschaft hinweg.
Wie vornehm kühl stand sie da als wenn alles auf der Welt sie nichts
anginge; auch das Alter nichts. Denn sie war nicht mehr jung.
Wie floß aber die gelbe indische Seide an ihrer schlanken Gestalt herab.
Diese Frau hatte sich in Nichts nachgegeben, das sah man.
Sie hatte ihr Leben mit sich selbst durchdrungen.
»Und dieser Baron ist so ein deutscher Lebemann,« fuhr sie fort. »Er
hatte gelebt und geliebt, wie man sagt.
Er war ein schöner Mann und hatte ein Schloß und Wald und Jagd und war
ein große Jäger. Er hatte genug von die Frauen und deshalb heiratete er.
Und wie ich sagte: Er heiratete eine junge Ausländerin -- schön -- klug
und sie hatte nicht gelebt und geliebt, wie man sagt, und liebte ihren
Mann mit solch einer schönen jungen Liebe und solch einem Verlangen nach
Liebe. Und er hatte nicht ein Verlangen nach Liebe und kümmerte sich
wenig um sie.
Sie aber war traurig darüber und er ging alle Morgen auf die Jagd.
Im Winter, vor Sonnenaufgang stand er leise auf und ließ sie in Thränen
verliebt allein. Da sann sie, wie sie ihn halten könne.
Und einmal war es auch, da wußte sie schon, daß er wieder gehen würde.
Draußen lag leichter Schnee über der Welt und der Mond schien helle.
Da war sie es, die aufstand, viel, viel leiser als er, so zart, wie eine
Hauch und sie legte ihre Nachtkleider ab und schlüpfte nur in eine
weiche Pelz -- dann schlich sie fort -- und zum Schloß hinaus.
Und unter einer einsamen Linde warf sie ihre Pelz ab und stand in ihre
große Schönheit im Mondschein.
Da legte sie sich in den weißen, unberührten Schnee und der Schnee trug
die Linien von ihre zarte Gestalt. Dann hob sie sich wieder und
schlüpfte in ihr Pelz und eilte schnell in das Schloß zurück, in ihr
Schlafzimmer -- leise -- wie ein Hauch.
Und als der Baron erwachte und sie wollte verlassen, um zur Jagd zu
gehen -- da sagte sie: >O denke, es ist ein edles Wild bis nah vors
Schloß gewesen, ich habe seine Spur gesehen unter der Linde.<
Da lachte er und glaubte nicht.
>O geh, sagte sie, du wirst es sehn, daß ich wahr sagte.<
Und er ging.
Und als er wiederkam? Da verließ er ihr, denke ich, nicht mehr.
Und meine Geschichte heißt: Die Wildspur.
Das ist was ich nenn >Frau< und >Liebe<, so süß und klug. O, es gehört
mehr Weisheit und Seele -- und Geist dazu, als zu eine Eisenbahn baun.«
»Eine Geschichte für junge Damen,« sagte der moderne Schriftsteller
lächelnd und verbeugte sich leicht, zu Marie und Isolde gewendet.
»Gewiß für junge Damen,« sagte die schöne Frau. »Oder meinen Sie für
alte?«
Die kleine Geschichte hatte sie mit solch einer freimütigen Schönheit
erzählt, daß es über alle wie ein Hauch von Poesie ging.
Doktor Frey erhob sich, goß ein zierliches Kristallglas voll Wein, ließ
sich vor Mrs. Wendland auf ein Knie nieder und sagte indem er das Glas
an die Lippen führte: »Dem wundervollsten Weib!«
»O, Sie sind ein deutscher Dichter! Sie sind ein Freiheitsmensch, ich
weiß.