Sie war vollkommen außer sich.
Marie hatte die größte Not die heftige jüngere Schwester zu beruhigen.
Sie kroch zu ihr ins Bett und hielt Isolde an sich gedrückt und vergaß
ganz, daß der Schädel grinsend auf sie beide herab blickte.
Isolde schlief in den weichen, süßen Armen ein, ohne in ihr Nachtkleid
geschlüpft zu sein, Hals und Arme entblößt. --
Und Marie schlich leise und scheu mit klopfendem Herzen und einem
Grausen über den ganzen Leib nach ihrem schneeweißen Bettchen.
Sie fühlte wie der Schädel ihr spöttisch nachsah und sie wagte nicht
sich umzuschauen.
Lange konnte sie keinen Schlaf finden und als sie endlich schlief,
träumten ihr häßliche Dinge.
Der Schädel lebte wirklich und hatte es immer auf sie abgesehn, so
schauerlich zudringlich.
Sie wachte ein paar Mal vor lauter Angst und Schrecken auf, hielt
atemlos die Arme auf die Brust gepreßt, lag wie eine Statue so still und
ließ alles Grauen über sich hingehen, ohne sich zu wehren.
Für sie war mit dem Schädel ein nie gekannter böser, banger Geist ins
Haus gekommen.
2.
Acht Tage war der Vater schon auswärts.
Die Zurückgebliebenen hatten in dieser Zeit auch eine Art Sommerfrische
durchgemacht, wenigstens eine Änderung ihrer Lebensweise. Mit dem Vater
zugleich schien allerhand verschwunden zu sein.
Der sogenannte Salon und des Vaters Arbeitszimmer waren sofort, nachdem
beide Räume sich einer gründlichen unerbittlichen Reinigung hatten
unterwerfen müssen, abgeschlossen worden, und machten jetzt den Eindruck
von Kirchen, so still und fast feierlich war es darin, und man lebte in
den Schlafstuben.
Das Mittag- und Abendessen hatten ihre Hauptbestandteile eingebüßt.
Gerichte, die wenig kosteten und sich leicht herstellen ließen, waren an
der Tagesordnung, Kartoffeln und Häring oder Reisbrei. Nur Karl erhielt
seine Kotelette, die wurde aber der Einfachheit halber gleich fix und
fertig aus dem Gasthaus gegenüber geholt, in dem Arbeiter und arme
Studenten ihre billigen Mahlzeiten hielten.
Am Abend gab es Rettig und Butterbrot und Karl bekam seine Wurst.
Mama ging den ganzen Tag in der Nachtjacke. Sie saß mit Marie und Isolde
die meiste Zeit über einem Riesenkorb mit zerrissener Wäsche gebeugt.
Zwei Tage hatten sie auch die Schneiderin im Haus und holten zwei
Koteletten.
Mama wollte in dieser Zeit helle Sommerkleider für ihre jungen Mädchen
aus dem Wirtschaftsgeld herauspressen und war wie ein Jäger auf die
Pirsch ausgezogen, um in allen erdenklichen Restegeschäften die Stoffe
zu diesen Kleidern zu erlisten.
Und sie hatte auch etwas erbeutet; hübsche Muhadjierstoffe, den Meter zu
vierzig Pfennige.
Wie sie zu Hause damit ankam! Aufgeregt wie ein Wilderer, der mit
Lebensgefahr einen Rehbock erlegt hat und heimgeschleppt bringt.
Isolde hatte eine glänzende Idee, wie diese Kleider gemacht werden
sollten. Anders als andere Leute sie gemacht hätten, ganz etwas Apartes.
»Bleib mir mit deinen glänzenden Ideen vom Leibe,« sagte die Mutter bei
solchen Anlässen gewöhnlich.
Aber diesmal hatte Isolde durchgesetzt was sie wünschte.
Sie bekamen lange Gewänder vom Hals an herabfallend, nur um die Mitte
mit einem Seidenband lose gehalten, die Ärmel leicht und duftig wie
Blütenkelche.
Und die Mutter schaffte ihnen noch braunlederne feine Halbschuhe an,
statt daß sie sich selbst ein Sommermäntelchen gekauft hätte. Ihr altes
ging immer noch ganz leidlich.
Die Kleider waren für beide Mädchen ein Ereignis, ein so viel
versprechendes Ereignis. Die duftigen weißen Wolken mit den rosigen
Streifchen trugen wie Zauberwolken alles Glück der Welt in sich.
Wie Heiligtümer wurden sie in den Schrank geschlossen und die Mädchen
warteten nun der Dinge, die da kommen sollten.
Ganz umsonst konnten doch solche Kleider nicht im Schranke hängen!
Wegen des Schädels hatte es in dieser Zeit noch manchen Strauß gesetzt;
aber er blieb auf seinem Postament. Und im Grund war es nur Mariens
weicher Liebenswürdigkeit zu danken, daß Isolde ihn behalten hatte.
Marie hatte, so schwer es ihr geworden, klein beigegeben. Ihre
behagliche Stube, ihr schneeweißes Bettchen aber waren ihr durch diesen
Gast fremd und untraulich geworden, ihre Nächte wurden von schweren
Träumen geplagt.
In Mariens weicher Seele hatten sich das Bild des Schädels und trübe
Vorstellungen, die sein Anblick schuf, tief eingegraben.
Nie hatte sie noch an den Tod gedacht und jetzt war sie beim
Dunkelwerden von bangen schreckhaften Todesahnungen ganz umgeben.
Es stand ihr zum ersten Mal greifbar vor der Seele, daß alle Menschen
sterben müssen -- das schauerliche Ende des wunderschönen Lebens -- daß
auch Mama sterben mußte!
Bei dem Anblick des Schädels konnte sie unmöglich ihre Phantasie auf das
ewige Leben richten, trotzdem sie in der Schule gelernt hatte, daß es
ein ewiges Leben gab.
Nein, der Schädel predigt ihr nur von dem in die Erde kommen, von dem zu
Erde werden lieber Menschen. Arme -- arme Mama!
Sie weinte oft nachts.
Hätte sie aber gewußt, weshalb Isolde den Schädel aufgestellt hatte,
ihre weiche Seele wäre erschauert und sie hätte das große Opfer nicht
gebracht. Wenn der Schädel wirklich in irgend etwas an Henry Mengersen
erinnerte, von dem Isolde ihr gesprochen hatte, nein, dann gewiß nicht.
Marie ahnte aber von Isoldens Geheimnis nichts.
* * * * *
Es mußte gut zwei Uhr nachts sein. Alle schliefen, die laue Sommerluft
drang durch die offenen Fenster. Da klang die Glocke kräftig und
anhaltend. Jemand mußte von der Straße aus auf das Läutwerk gedrückt
haben.
»Da schellen sie schon wieder, die Studenten unten,« meinte Marie ganz
schlaftrunken.
»Der Vater!« Isolde saß aufrecht, aus dem Schlaf gescheucht, im Bett.
Auf dem Gang hörten sie schlürfende Schritte und sahen einen Schein
durch das Glasfenster ihrer Thür.
»Es ist doch der Vater,« meinte Marie. »Mama schließt die Thür auf.«
Mama wollte nicht, daß die Mädchen die Hausthür öffneten, wenn der Vater
spät heimkehrte. Sie sollten ruhig in den Betten bleiben und schlafen.
So blieben sie ruhig liegen. Ehe die Mutter die zwei Treppen
herabgekommen war, klingelte es noch einmal schrill und anhaltend, als
stände ein auf Leben und Tod Verfolgter unten, der sich retten wollte.
»So macht's Pa nachts doch immer,« sagte Isolde.
* * * * *
»Sapperlot noch einmal! Liegt ihr denn alle miteinander auf beiden
Ohren?«
Das war die Begrüßung, die Doktor Frey fürs erste seiner Frau zu Teil
werden ließ, als diese die Thür geöffnet hatte.
»Da bist du ja«, sagte Mama. »Weshalb hast du denn aber nicht
geschrieben?«
»Daß i net lach! Liebesbriefe etwa? He Alte?«
Ohne seine Antwort zu beachten, sagte sie: »Du hättest dann auf den
schwarzen Kaffee nicht zu warten brauchen.«
»Sput dich halt.«
Sie nahm ihm das Köfferchen ab und trug es ihm nach.
»Geh in dein Zimmer, Heinrich!« -- Da war sie schon dabei, die
Küchenlampe anzuzünden.
»Natürlich,« rief Doktor Frey und rumorte mit aller Gewalt an der Thür,
»den Schlüssel verschleppt!«
»Bst!« machte Mama. »Du weckst sie ja! Hier ist der Schlüssel,«
flüsterte sie, reckte sich und langte auf den Schrank, der neben der
Arbeitsstubenthür stand. »Hier.«
Doktor Frey hielt die Lampe, aber hielt sie bedenklich schief.
Die Frau streifte ihn mit einem einzigen langen Blick, wie ein Heizer
etwa auf das Ventil seiner Dampfmaschine schaut, mit unendlicher
Sachkenntnis.
Sie nahm Lampe und Schlüssel ihrem Mann aus den Händen und schloß die
Thür auf.
»Der Kaffee kommt sofort.«
»Schlafen die Bamsen?« fragte er ihr nach.
Sie hörte ihn nicht mehr.
Kaum aber brannte die Spiritusmaschine unter dem kleinen Schnellkocher,
war er ihr auch schon nachgekommen und stand in der Küche.
Sie schaute erstaunt auf.
Seine Gewohnheit war das nicht.
»Na?«
Er schaute blinzelnd auf sie.
»Ein zartes Negligé thut oft viel größre Wunder!« deklamierte er mit
mächtiger Stimme.
»Bst,« machte sie.
Sie stand in der Nachtjacke und in einem grauen Flanellrock vor ihm, die
bloßen Füße in Bambuschen.
»Allerliebst,« meinte er.
Er blinzelte weiter.
»Waret ihr alle noch bei einander bis heut?« Sie schüttete den
gemahlenen Kaffee in den Trichter.
»Unterschiedlich -- aber sehr unterschiedlich.«
»Wie?« fragte sie.
»Unterschiedlich!« rief er mit donnernder Stimme.
»Was soll denn das heißen, Heinrich?« mahnte sie mit sanftem Vorwurf.
»Schlafen die Bamsen?«
»Natürlich.«
»Was sagst du's denn net früher. Weißt du wo wir waren?«
»Nein.«
»Heiliger Strohsack,« seufzte er tief auf. »Ja -- nein -- nein -- ja! --
wie eine Maschine.
Ein Mann wie ich kommt nach Haus, -- Gott sei's geklagt, ein Mann, den
sie die Tage her geradezu gefeiert haben, ein Mann, den sie auf Händen
tragen, auf den sie, weiß Gott, hören und sich nicht Watte in die Ohren
stopfen, wenn er redet; -- ein Prophet -- ein -- ein -- ein -- -- -- und
hier! ......
Ich sag dir's,« donnerte er -- denn er war in Begeisterung. Er fühlte
und sah und empfand sich und seine eigene Größe.
»Stell dir einen in einem herrlichen Tempel vor, Licht, Glanz -- Musik
-- schöne Weiber!
Er ist der Mittelpunkt. Lebensfreudigkeit, -- Lebenshöhe -- und der
Erdboden thut sich auf und er rutscht ganz sachte, ohne sich weh zu thun
in ein schwarzes Loch.