VI

Am Morgen des 25. Februar 1848 hörte man in Chavignolles von einem von

Falaise kommenden Unbekannten, Paris sei voller Barrikaden, und am

folgenden Tage war die Verkündigung der Republik an der Bürgermeisterei

angeschlagen.

Dieses große Ereignis setzte die Bürger in Verblüffung. Doch als

man erfuhr, daß der Kassationshof, das Appellationsgericht, die

Oberrechnungskammer, das Handelsgericht, die Kammer der Notare, die

Korporation der Rechtsanwälte, der Staatsrat, die Universität, die

Generäle und Herr von la Rochejacquelein in eigener Person sich für die

provisorische Regierung erklärten, atmete man erleichtert auf; und

da man in Paris Freiheitsbäume pflanzte, entschied der Magistrat, man

müsse solche auch in Chavignolles haben.

Bouvard schenkte einen, denn der Triumph des Volkes hatte sein

patriotisches Herz erfreut; was Pécuchet anlangte, so bestätigte

der Sturz des Königtums zu sehr seine Voraussage, als daß er nicht

befriedigt gewesen wäre.

Gorju, der ihnen eifrig zur Hand ging, grub eine der Pappeln aus,

welche die Wiese unterhalb des Hügels säumten, und brachte sie bis zur

„Kuhgasse“ am Eingang des Fleckens an die bezeichnete Stelle.

Noch ehe die Feierlichkeit begann, erwarteten alle drei den Zug.

Trommelwirbel erklang, ein silbernes Kreuz wurde sichtbar; dann

erschienen zwei Armleuchter, die von Kantoren getragen wurden, und

der Herr Pfarrer mit Stola, Chorhemd, Chormantel und Barett. Vier

Chorknaben begleiteten ihn, ein fünfter trug den Eimer mit dem

Weihwasser, und der Küster folgte hinterdrein.

Der Priester trat auf den aufgeworfenen Rand des Pflanzloches, in

welchem die mit dreifarbigen Bändchen verzierte Pappel stand. Gegenüber

sah man den Bürgermeister und seine beiden Beigeordneten, Beljambe und

Marescot, ferner die Honoratioren, Herrn von Faverges, Vaucorbeil,

Coulon, den Friedensrichter, einen guten Kerl mit schläfrigem

Gesicht. Heurtaux hatte sich eine Polizistenmütze aufgesetzt, und

Alexander Petit, der neue Lehrer, hatte seinen Gehrock angezogen,

einen ärmlichen grünen Gehrock, den er als Sonntagsanzug zu tragen

pflegte. Die Feuerwehrleute, die Girbal, den Säbel in der Hand,

anführte, bildeten eine einzige Reihe; auf der anderen Seite glänzten

die weißen Metallschilder von ein paar alten Tschakos aus Lafayettes

Zeiten; es waren fünf oder sechs, nicht mehr, -- denn die Nationalgarde

war in Chavignolles aus der Mode gekommen. Bauern mit ihren Frauen,

Arbeiter der nahen Fabriken, Straßenjungen drängten sich dahinter; und

Placquevent, der Feldhüter, der fünf Fuß acht Zoll groß war, hielt sie

mit seinem Blick im Zaume, während er mit verschränkten Armen auf und

ab ging.

Die Ansprache des Geistlichen war wie die anderer Priester bei

ähnlichen Gelegenheiten.

Nachdem er gegen die Könige gedonnert hatte, verherrlichte er die

Republik. Spricht man nicht von einer Gelehrten-Republik? Was gibt es

Harmloseres als die eine, was Schöneres als die andere? Jesus Christus

prägte unsere hehre Devise: Der Baum des Volkes, das war der Stamm

des Kreuzes. Damit die Religion ihre Früchte trage, bedürfe sie der

Nächstenliebe, und im Namen der Nächstenliebe beschwor der Geistliche

seine Mitbrüder, keine Ausschreitungen zu begehen, friedlich nach Hause

zurückzukehren.

Dann besprengte er das Bäumchen, während er den Segen Gottes erflehte.

„Möge es wachsen und uns an die Befreiung von aller Knechtschaft

erinnern und an diese Brüderlichkeit, die wohltätiger ist als der

Schatten seiner Zweige! Amen!“

Stimmen wiederholten „Amen!“ und nach einem Trommelwirbel nahm die

Geistlichkeit, die ein Te Deum anstimmte, den Weg zur Kirche zurück.

Ihre Teilnahme hatte einen außerordentlich guten Eindruck gemacht. Die

einfachen Leute erblickten darin eine Verheißung von zukünftigem Glück,

die Patrioten eine Ehrerweisung vor ihren Grundsätzen.

Bouvard und Pécuchet fanden, man hätte ihnen für ihr Geschenk Dank

sagen, wenigstens eine Anspielung darauf machen müssen; und sie

öffneten ihr Herz dem Grafen und dem Doktor.

Was taten derartige Kümmernisse! Vaucorbeil war über die Revolution

entzückt, der Graf ebenfalls. Er verabscheute die Orleans. Man würde

sie nicht wiedersehen; glückliche Reise! Von nun an alles für das Volk!

Und mit seinem Faktotum Hurel, der ihm folgte, suchte er den Herrn

Pfarrer einzuholen.

Foureau ging gesenkten Hauptes zwischen dem Notar und dem Wirt; er war

von der Feierlichkeit unangenehm berührt, denn er hatte Furcht vor

einem Aufstand; und instinktmäßig wandte er sich nach dem Feldhüter um,

der mit dem Hauptmann die Unfähigkeit Girbals und die schlechte Haltung

der Leute desselben beklagte.

Arbeiter kamen, die Marseillaise singend, über den Weg; Gorju, mitten

unter ihnen, schwenkte seinen Stock; Petit folgte ihnen mit glänzendem

Auge.

„So etwas liebe ich nicht!“ sagte Marescot, „das schreit, das regt sich

auf!“

„Na, guter Gott! Jugend muß ihr Vergnügen haben!“ erwiderte Coulon.

Foureau seufzte:

„Sonderbares Vergnügen! und zum Schluß dann die Guillotine!“

Er sah im Geiste Bilder von Schafotten, war auf Schreckliches gefaßt.

Chavignolles zeigte die Rückwirkung der Pariser Erregung.

Die Bürger nahmen Abonnements auf Zeitungen. Des Morgens drängte man

sich auf der Post, und die Vorsteherin würde ohne den Hauptmann, der

ihr zuweilen half, nicht fertig geworden sein. Dann blieb man plaudernd

auf dem Platze stehen.

Die erste heftige Erörterung drehte sich um Polen.

Heurtaux und Bouvard verlangten, man solle es befreien.

Herr von Faverges dachte anders:

„Mit welchem Recht würden wir dorthin gehen? Das hieße Europa gegen uns

entfesseln! Keine Torheiten!“

Und da alle ihm zustimmten, schwiegen die beiden Polenfreunde.

Ein anderes Mal verteidigte Vaucorbeil die Rundschreiben Ledru-Rollins.

Foureau hielt ihm sogleich die 45-Centimes-Steuer entgegen.

„Doch die Regierung hatte die Sklaverei unterdrückt,“ sagte Pécuchet.

„Was kümmert mich die Sklaverei.“

„Nun gut, und die Abschaffung der Todesstrafe für politische

Verbrecher?“

„Zum Teufel!“ erwiderte Foureau, „man möchte alles abschaffen.

Indessen, wer weiß? Die Mieter machen schon solche Ansprüche!“

„Um so besser!“ Die Eigentümer waren nach Pécuchets Ansicht begünstigt.

„Wer ein Haus besitzt...“

Foureau und Marescot unterbrachen ihn, indem sie schrien, er sei

Kommunist.

„Ich! Kommunist!“

Und alle sprachen zu gleicher Zeit. Als Pécuchet vorschlug, einen Klub

zu gründen, hatte Foureau die Unverschämtheit, zu antworten, so etwas

werde es nie in Chavignolles geben.

Dann verlangte Gorju Flinten für die Nationalgarde, denn die

öffentliche Meinung hätte ihn zum Instrukteur bestimmt.

Die einzigen vorhandenen Flinten waren die der Feuerwehrleute. Girbals

Herz hing daran. Foureau machte keine Miene, ihm welche davon zu geben.

Gorju blickte ihn an:

„Man findet jedoch, daß ich damit umzugehen verstehe.“

Denn mit all seinen anderen Gewerben verband er noch das der

Wilddieberei, und oft kauften der Herr Bürgermeister und der Wirt ihm

einen Hasen oder ein Kaninchen ab.

„Meiner Treu! nehmt sie!“ sagte Foureau.

Noch denselben Abend begannen die Übungen.

Sie wurden auf dem Rasen vor der Kirche abgehalten, Gorju, in kurzer

blauer Joppe, eine Binde um den Leib, führte die Übungen wie ein

Automat aus. Seine Stimme war roh, wenn er kommandierte.

„Bauch herein!“

Und sogleich hielt Bouvard den Atem an, zog den Leib ein, streckte das

Kreuz.

„Sie sollen sich nicht wie ein Bogen krümmen, in Teufels Namen!“

Pécuchet verwechselte Glied und Reihe, halbe Wendung rechts, halbe

Wendung links; doch der jämmerlichste war der Lehrer: schmächtig und

von winziger Gestalt, mit einem Kranz von blondem Barthaar, schwankte

er unter dem Gewicht seiner Flinte, mit deren Bajonett er seine

Nachbarn belästigte.

Man trug Hosen in allen Farben, schmutzige Wehrgehänge, alte

Uniformstücke, die zu kurz waren und auf den Seiten das Hemd

hervorsehen ließen; und jeder gab vor, „nicht in den Verhältnissen zu

sein, sich anderes zu erlauben“. Es wurde eine Subskription eröffnet,

um die Ärmsten einzukleiden. Foureau zeigte sich knickerig, während

die Frauen sich hervortaten. Frau Bordin gab fünf Franken, trotz ihres

Hasses auf die Republik. Herr von Faverges stattete zwölf Leute aus und

fehlte nicht bei den Übungen. Dann ließ er sich bei dem Krämer nieder

und bezahlte dem Erstbesten Schnäpse.

Die Mächtigen umschmeichelten damals die niedere Klasse. Die Arbeiter

gingen voran. Man riß sich um den Vorzug, zu ihnen zu gehören. Sie

wurden die Vornehmen.

Die aus dem Bezirk waren meist Weber; andere arbeiteten in den

Kattunfabriken oder in einer unlängst errichteten Papierfabrik.

Gorju fesselte sie durch sein freches Mundwerk, lehrte sie Beinstoßen,

nahm die Busenfreunde mit zum Trunke zu Frau Castillon.

Doch die Bauern waren stärker an Zahl, und an Markttagen ging Herr

von Faverges auf dem Platze umher und unterrichtete sich über ihre

Bedürfnisse, versuchte sie zu seinen Ansichten zu bekehren. Sie hörten

ihn an, ohne zu antworten, wie der Vater Gouy, der bereit war, jede

Regierung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Steuern herabgesetzt

würden.

Durch sein vieles Schwatzen machte sich Gorju einen Namen. Vielleicht

würde man ihn zum Abgeordneten wählen.

Herr von Faverges dachte in diesem Punkte wie er, während er zugleich

vermied, sich bloßzustellen. Die Konservativen schwankten zwischen

Foureau und Marescot. Da jedoch der Notar sein Bureau nicht im Stich

lassen wollte, wurde Foureau ausersehen; ein Bauer, ein Idiot. Der

Doktor war darüber entrüstet.

In allen Wettbewerben um eine Anstellung durchgefallen, sehnte er sich

nach Paris, und das Bewußtsein eines verfehlten Lebens gab ihm eine

mürrische Miene. Eine höhere Laufbahn sollte sich ihm nun eröffnen;

welch eine Vergeltung! Er faßte ein politisches Glaubensbekenntnis ab

und ging zu den Herren Bouvard und Pécuchet, um es ihnen vorzulesen.

Sie beglückwünschten ihn dazu; ihre Ansichten wären die gleichen.

Indessen schrieben sie einen besseren Stil, kannten die Geschichte,

hätten sich in der Kammer ebensogut wie er ausgenommen. Warum nicht?

Doch wer von beiden sollte sich aufstellen? Und ein Kampf zarter

Rücksichten begann.

Pécuchet gab dem Freunde den Vorzug vor sich selber.

„Nein, das kommt dir zu! Du siehst stattlicher aus!“

„Vielleicht,“ antwortete Bouvard, „aber du bist sicherer im

Auftreten.“ Und ohne die schwierige Frage zu lösen, stellten sie

Verhaltungsmaßregeln für sich auf.

Dieser Abgeordnetentaumel hatte noch andere ergriffen. Der Hauptmann

träumte unter seiner Polizistenmütze davon, während er seine kurze

Pfeife rauchte, und der Lehrer desgleichen in der Schule, und der

Pfarrer ebenso zwischen zwei Gebeten, so daß er sich zuweilen mit zum

Himmel gerichteten Augen überraschte, im Begriff zu sagen:

„Mache, o mein Gott, daß ich Abgeordneter werde!“

Der Doktor, dem man Mut gemacht hatte, begab sich zu Heurtaux und legte

ihm dar, was für Aussichten er habe.

Der Hauptmann sagte ihm seine Meinung, ohne Umstände zu machen.

Vaucorbeil sei ohne Zweifel bekannt, doch bei seinen Kollegen und

besonders bei den Apothekern wenig beliebt. Alle würden ihn verlästern;

das Volk wolle keinen feinen Herrn; seine besten Patienten würden ihn

verlassen; und nachdem der Arzt diese Gründe erwogen, bedauerte er

seine Schwäche.

Sobald er fort war, ging Heurtaux zu Placquevent. Unter alten Militärs

erweist man sich gegenseitig Dienste. Aber der Feldhüter, der Foureau

ganz ergeben war, schlug ihm rund seinen Beistand ab.

Der Pfarrer bewies Herrn von Faverges, daß die Stunde noch nicht

gekommen sei. Man mußte der Republik die Zeit geben, sich abzunutzen.

Bouvard und Pécuchet stellten Gorju vor, daß er niemals stark genug

sein würde, um die Koalition der Bauern und Bürger zu besiegen,

erfüllten ihn mit Unsicherheit, nahmen ihm jedes Vertrauen.

Petit hatte aus Stolz seinen Wunsch durchblicken lassen. Beljambe gab

ihm zu verstehen, daß er seiner Absetzung sicher sein könne, wenn er,

Beljambe, durchfiele.

Schließlich befahl der Herr Erzbischof dem Pfarrer, sich ruhig zu

verhalten.

Es blieb also nur noch Foureau.

Bouvard und Pécuchet bekämpften ihn, indem sie seine Ungefälligkeit

in der Flintenangelegenheit, seinen Widerstand gegen den Klub, seine

rückständigen Ideen, seinen Geiz anführten, -- und sie redeten sogar

Gouy ein, Foureau wolle das „Ancien Régime“ wiederaufrichten.

So unbestimmt das auch für den Bauern war, er verabscheute es mit einem

Haß, der sich durch ein Jahrtausend in der Seele seiner Vorfahren

angehäuft hatte, -- und er verhetzte gegen Foureau alle seine

Verwandten und die seiner Frau, Schwäger, Vettern, Großneffen, eine

ganze Horde.

Gorju, Vaucorbeil und Petit setzten die Vernichtung des Herrn

Bürgermeisters weiter fort; und nachdem das Terrain so geebnet war,

konnten Bouvard und Pécuchet, ohne daß jemand es merkte, Erfolg haben.

Sie losten darum, wer sich aufstellen solle. Das Los entschied nichts,

-- und sie gingen zum Doktor, um ihn um Rat zu fragen.

Er teilte ihnen eine Neuigkeit mit: Flacardoux, Redakteur des

‚Calvados‘, hatte seine Kandidatur bekannt gegeben. Die Enttäuschung

der beiden Freunde war groß: jeder fühlte außer der eigenen die

des andern mit. Doch die Politik brachte sie in Hitze. Am Wahltage

überwachten sie die Urnen. Flacardoux wurde gewählt.

Der Herr Graf hatte sich bei der Nationalgarde zu entschädigen

versucht, aber die Majorsepauletten hatte er nicht bekommen. In

Chavignolles gedachte man, Beljambe zu ernennen.

Diese sonderbare und unvorhergesehene Gunst des Publikums brachte

Heurtaux aus der Fassung. Er hatte seine Pflichten vernachlässigt

und sich darauf beschränkt, die Übungen zuweilen zu besichtigen und

Beobachtungen von sich zu geben. Gleichviel! Er fand es ungeheuerlich,

daß man einem Wirt vor einem ehemaligen Hauptmann des Kaiserreichs den

Vorzug gab, und er sagte nach der Überrumpelung der Kammer am 15. Mai:

„Wenn die militärischen Grade in der Hauptstadt ebenso vergeben werden,

dann wundere ich mich nicht über die Vorkommnisse!“

Die Reaktion begann.

Man glaubte an die Ananaspürees Louis Blancs, an das goldene Bett

Flocons, an die prunkvollen Gelage Ledru-Rollins, und da die Provinz

der Ansicht ist, daß sie alles was in Paris vorgeht, kennt, so

zweifelten die Bürger von Chavignolles nicht an diesen Erfindungen, so

galten ihnen die unsinnigsten Gerüchte als ausgemacht.

Herr von Faverges suchte eines Abends den Pfarrer auf, um ihm

mitzuteilen, daß der Graf von Chambord in der Normandie angekommen sei.

Foureau zufolge schickte sich Joinville an, mit Hilfe seiner Matrosen

die Sozialisten zur Vernunft zu bringen. Heurtaux versicherte, daß

Louis Bonaparte in Kürze Konsul sein würde.

Die Fabriken standen still. Zahlreiche Banden von Armen irrten im Lande

umher.

An einem Sonntag (es war in den ersten Tagen des Juni), ritt plötzlich

ein Gendarm in der Richtung nach Falaise davon. Die Arbeiter von

Acqueville, Liffard, Pierre-Pont und Saint-Rémy zogen auf Chavignolles.

Die Fensterläden wurden geschlossen, der Magistrat versammelte sich,

und man beschloß, um Unglücksfällen vorzubeugen, keinen Widerstand zu

leisten. Die Gendarmerie wurde sogar konsigniert mit der ausdrücklichen

Weisung, sich nicht zu zeigen.

Bald hörte man wie ein Gewittergrollen, dann ließ der Gesang der

Girondisten die Scheiben erzittern; -- und Männer, die einander

untergehakt hielten, quollen über die Straße nach Caen, bestaubt, in

Schweiß und zerlumpt. Sie füllten den Platz. Ein großer Lärm entstand.

Gorju und zwei Genossen betraten den Saal. Der eine war mager, hatte

ein verschlagenes Gesicht und trug ein Trikotwams, dessen Schnüre

herabhingen. Der andere, schwarz von Kohlenstaub, -- jedenfalls ein

Maschinenwärter -- trug die Haare kurz geschnitten; seine Augenbrauen

waren buschig, und er hatte Stoffschuhe an den Füßen. Gorju hatte seine

Jacke wie ein Husar über die Schulter gehängt.

Alle drei blieben stehen, und die Ratsherren, die um einen mit blauer

Decke bedeckten Tisch saßen, schauten sie bleich vor Angst an.

„Bürger!“ sagte Gorju, „wir brauchen Arbeit!“

Der Bürgermeister zitterte; die Stimme versagte ihm.

Marescot antwortete statt seiner, daß der Rat sogleich darüber

Erwägungen anstellen würde; -- und nachdem die Genossen hinausgegangen

waren, besprach man mehrere Vorschläge.

Der erste war, Kieselsteine anzufahren.

Um die Kiesel nutzbar zu verwenden, schlug Girbal vor, einen Weg von

Angleville nach Tournebu zu bauen.

Der von Bayeux erwiese genau den gleichen Dienst.

Man konnte den Dorfteich ausbaggern. Das sei keine genügende Arbeit!

(Oder man konnte auch einen zweiten graben, doch an welcher Stelle?)

Langlois war der Ansicht, man solle an den Mortins entlang einen

Erdwall aufwerfen zum Schutz gegen Überschwemmungen; besser wäre es,

so meinte Beljambe, das Heideland urbar zu machen. Unmöglich, zu einem

Entschlusse zu kommen! -- Um die Menge zu beruhigen, ging Coulon in

die Vorhalle hinunter und verkündete, man plane die Errichtung von

Werkstätten für Notleidende.

„Für Almosen danken wir!“ rief Gorju. „Nieder mit den Aristokraten! Wir

wollen das Recht auf Arbeit.“

Das war das Schlagwort der Zeit; er benutzte es, um sich Ansehen zu

geben; man spendete ihm Beifall.

Als er sich umdrehte, streifte er Bouvard, den Pécuchet bis dahin

mitgeschleppt hatte, -- und sie begannen ein Gespräch. Nichts dränge

zur Eile; die Bürgermeisterei sei umstellt; der Rat würde ihnen nicht

entschlüpfen.

„Wo Geld finden?“ sagte Bouvard.

„Bei den Reichen! Zudem wird die Regierung Arbeiten anordnen.“

„Und wenn kein Bedürfnis für Arbeiten vorhanden ist?“

„So wird man welche im voraus machen!“

„Aber die Löhne werden heruntergehen!“ erwiderte Pécuchet. „Wenn die

Arbeit anfängt zu fehlen, so kommt das durch die Überproduktion! -- und

Sie verlangen, man soll sie noch steigern!“

Gorju biß sich auf den Schnurrbart. „Indessen... wenn die Arbeit

organisiert wird...“

„Dann wird die Regierung die Zügel in die Hände bekommen!“

Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass · 第 18 / 32 题