Und alle drei verstummten. Herr von Faverges trat ein.
Er trug wie ein Advokat eine Mappe aus Saffianleder, -- und indem er
sie auf den Tisch legte:
„Da sind Flugblätter! Sie beziehen sich auf die Reform, -- eine
brennende Frage; doch hier ist etwas, das ohne Zweifel Ihnen gehört!“
Und er reichte Bouvard den zweiten Band der „Memoiren des Teufels“.
Mélie habe ihn gerade eben in der Küche gelesen; und da man die
Gewohnheiten dieser Leute überwachen müsse, habe er recht daran zu tun
geglaubt, ihr das Buch fortzunehmen.
Bouvard hatte ihn seiner Magd geliehen. Man plauderte über Romane.
Frau Bordin liebte sie, wenn sie nicht traurig waren.
„Die Schriftsteller,“ sagte Herr von Faverges, „stellen uns das Leben
in schmeichlerischen Farben dar!“
„Das Darstellen ist notwendig!“ wandte Bouvard ein.
„Dann also braucht man nur dem Beispiel zu folgen!“
„Es handelt sich nicht um ein Beispiel!“
„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß sie in die Hände eines jungen
Mädchens geraten können. Ich habe eine Tochter.“
„Eine reizende Tochter!“ sagte der Notar, wobei er das Gesicht machte,
das er aufsetzte, wenn er Verlobten ihren Heiratskontrakt vorlas.
„Nun wohl! ihretwegen, oder vielmehr wegen der Personen ihrer Umgebung,
verbiete ich die Bücher in meinem Hause, denn das Volk, verehrter
Herr...!“
„Was hat das Volk verbrochen?“ fragte Vaucorbeil, der plötzlich auf der
Schwelle erschien.
Pécuchet, der ihn an seiner Stimme erkannt hatte, trat zu den
Anwesenden.
„Ich behaupte, daß man eine gewisse Lektüre von ihm fernhalten muß.“
Vaucorbeil gab eine Erwiderung. -- „Sie sind also nicht für die
Bildung?“
„Aber durchaus! Erlauben Sie!“
„Wenn man alle Tage die Regierung angreift!“ sagte Marescot.
„Was ist schlimmes daran?“
Und der Edelmann und der Arzt begannen, auf Louis Philippe zu
schimpfen, indem sie auf die Affäre Pritchard, die Septembergesetze
gegen die Freiheit der Presse wiesen.
„Und die des Theaters!“ fügte Pécuchet hinzu.
Marescot hielt nicht mehr an sich. „Es erlaubt sich zu viel, Ihr
Theater!“
„Darin gebe ich Ihnen recht!“ sagte der Graf, „Stücke, die den
Selbstmord verherrlichen!“
„Der Selbstmord ist schön! Beweis Cato,“ wandte Pécuchet ein.
Ohne auf das Argument zu antworten, brandmarkte Herr von Faverges jene
Werke, in denen die heiligsten Dinge, Familie, Eigentum, Ehe, verhöhnt
werden!
„Nun, und Molière?“ sagte Bouvard.
Marescot, als Mann von Geschmack, erwiderte, daß Molière nicht mehr
gespielt werde und etwas überschätzt worden sei.
„Schließlich,“ sagte der Graf, „war Viktor Hugo ohne Erbarmen, ja ohne
Erbarmen für Marie Antoinette, indem er die Gestalt der Königin in der
Person Marie Tudors durch den Schmutz zog!“
„Wie!“ rief Bouvard, „ich habe als Autor nicht das Recht...“
„Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, uns das Verbrechen zu
zeigen, ohne ihm die Moral gegenüberzustellen, ohne uns eine Belehrung
zu bieten.“
Vaucorbeil fand ebenfalls, die Kunst müsse einen Zweck haben: sie solle
die Besserung der Massen im Auge haben! „Man besinge die Wissenschaft,
unsere Entdeckungen, den Patriotismus,“ und er bewunderte Casimir
Delavigne.
Frau Bordin rühmte den „Marquis von Foudras“. Der Notar fuhr fort:
„Doch vergessen Sie nicht die Sprache!“
„Wieso, die Sprache?“
„Man meint den Stil!“ schrie Pécuchet. „Finden Sie, daß seine Werke gut
geschrieben seien?“
„Gewiß, sie sind sehr interessant!“
Er zuckte die Achseln, -- und sie errötete über die Impertinenz.
Mehrere Male hatte Frau Bordin versucht, auf ihre Angelegenheit
zurückzukommen. Es war zu spät, um den Handel abzuschließen. Sie
verließ das Haus am Arme Marescots.
Der Graf verteilte seine Pamphlete und empfahl, sie unter die Leute zu
bringen.
Vaucorbeil wollte aufbrechen, als Pécuchet ihn festhielt.
„Sie vergessen mich, Doktor.“
Sein gelbes Gesicht mit dem Schnurrbart und den schwarzen Haaren, die
unter einem schlecht umgebundenen Tuche herabhingen, sah jammervoll aus.
„Purgieren Sie sich,“ sagte der Arzt. Und indem er ihm wie einem Kinde
zwei leichte Schläge gab: „Zu viel Nerven, zu viel Künstler!“
Diese Vertraulichkeit machte Pécuchet Vergnügen. Sie beruhigte ihn, --
und sobald sie allein waren: „Du meinst, es sei nicht ernst?“
„Nein, wahrhaftig!“
Sie besprachen noch einmal, was sie soeben gehört hatten. Der Wert der
Kunst besteht für jeden in der Seite, die seinen Interessen entspricht.
Man liebt die Literatur nicht.
Dann durchblätterten sie die Druckschriften des Grafen. Alle verlangten
das allgemeine Stimmrecht.
„Mir scheint,“ sagte Pécuchet, „wir werden bald Krawall bekommen.“ Denn
er sah alles schwarz, vielleicht wegen seiner Gelbsucht.