Einige in ihrer Nähe murmelten: „Nein! nein! keine Herren!“

Gorju wurde ärgerlich. „Einerlei! man muß den Arbeitern ein Kapital

stellen, -- oder besser noch den Kredit einrichten!“

„Auf welche Weise!“

„Ja! Das weiß ich nicht! aber man muß den Kredit einrichten!“

„Nun ist’s genug,“ sagte der Maschinenwärter, „sie wollen uns dumm

machen, diese Schwindler!“

Und er erklomm die Freitreppe und erklärte, er werde die Tür einrennen.

Placquevent empfing ihn dort, das rechte Knie gebeugt, die Fäuste

geballt: „Komm nur näher!“

Der Maschinenwärter wich zurück.

Das Hohngelächter der Menge drang bis in den Saal, alle erhoben sich,

sie wären gerne davongelaufen. Die Hilfe von Falaise kam nicht! Man

bedauerte die Abwesenheit des Herrn Grafen. Marescot drehte eine Feder

zwischen den Fingern. Der Vater Coulon seufzte; Heurtaux ereiferte

sich, man solle die Gendarmen anrücken lassen.

„Geben Sie den Befehl!“ sagte Foureau.

„Ich bin nicht befugt!“

Der Lärm wuchs indessen. Der Platz war mit Leuten bedeckt; -- und aller

Blicke waren auf den ersten Stock der Bürgermeisterei gerichtet, als

man am mittleren Fensterkreuz unter der Uhr Pécuchet erscheinen sah.

Schlau war er die Hintertreppe emporgestiegen, -- und nach Lamartines

Vorbilde, begann er, das Volk anzureden:

„Mitbürger!“

Doch seine Mütze, seine Nase, sein Rock, seine ganze Person waren nicht

dazu angetan, Eindruck zu machen.

Der Mann im Trikot fragte ihn:

„Sind Sie Arbeiter?“

„Nein.“

„Arbeitgeber also?“

„Ebensowenig.“

„Dann ziehen Sie sich zurück!“

„Warum?“ erwiderte Pécuchet stolz.

Und sogleich verschwand er in der Fensternische, von dem

Maschinenwärter gepackt. Gorju kam ihm zu Hilfe. --

„Laß ihn! Er ist ein guter Kerl!“ Sie faßten einander beim Kragen.

Die Tür ging auf, und Marescot verkündete von der Schwelle aus die

Entscheidung des Magistrats. Hurel war der Vater des Gedankens gewesen.

Der Weg nach Tournebu sollte eine Abzweigung auf Angleville erhalten,

die zum Schlosse Faverges führte.

Das war ein Opfer, das die Gemeinde sich im Interesse der Arbeiter

auferlegte.

Sie zerstreuten sich.

Als Bouvard und Pécuchet nach Hause kamen, schlugen Frauenstimmen an

ihr Ohr. Die Mägde und Frau Bordin stießen Rufe aus, die Witwe schrie

am lautesten, -- und bei ihrem Anblick:

„Ach! Das ist gut! Seit drei Stunden warte ich auf Sie! Nicht eine

einzige Tulpe mehr in meinem armen Garten! Auf dem ganzen Rasen

Schweinereien! Nicht möglich, ihn fortzubringen!“

„Wen denn?“

„Den alten Gouy!“

Er sei mit einer Karre Dünger gekommen, -- und habe ihn, wie es gerade

kam, mitten auf den Rasen geworfen.

„Jetzt gräbt er ihn um. Beeilen Sie sich, damit er ein Ende macht!“

„Ich begleite Sie!“ sagte Bouvard.

Draußen stand unten an den Stufen ein Pferd in der Gabeldeichsel eines

Karrens und fraß an einem Oleanderbusch. Die Räder hatten, als sie

die Beete streiften, den Buchsbaum zerdrückt, ein Rhododendron war

abgebrochen, die Dahlien zerknickt -- und Stücke schwarzen Düngers

häuften sich wie Maulwurfshügel auf dem Rasen. Gouy grub ihn eifrig um.

Eines Tages hatte Frau Bordin beiläufig gesagt, sie wolle ihn umgraben

lassen. Er hatte sich an die Arbeit gemacht und fuhr trotz ihres

Verbotes fort. In dieser Weise faßte er das Recht auf Arbeit auf;

Gorjus Reden hatten ihm den Kopf verdreht.

Er entfernte sich erst auf Bouvards heftige Drohungen.

Frau Bordin verweigerte ihm, um sich selbst schadlos zu halten, den

Arbeitslohn und behielt den Dünger. Sie war eine gescheite Frau: die

Gattin des Arztes und sogar die des Notars, obwohl von höherem Range,

achteten sie.

Die Armenbeschäftigungshäuser dauerten eine Woche. Es stellte sich

keine Unruhe ein. Gorju hatte die Gegend verlassen.

Inzwischen war die Nationalgarde immer auf den Beinen: Sonntags eine

Parade, zuweilen militärische Umzüge -- und jede Nacht Ronden. Sie

setzten das Dorf in Unruhe.

Man zog zum Scherz an den Schellen der Häuser; man drang in die

Kammern, wo Gatten auf demselben Pfühl schnarchten; dann machte man

derbe Späße, -- und der Gatte erhob sich, um Schnäpse herbeizuholen.

Darauf kehrte man zur Wache zurück, um eine Partie Domino zu spielen,

trank dort Most, aß Käse, und der Posten, der sich an der Tür

langweilte, gähnte jede Minute. Dank der Schwäche Beljambes herrschte

Zuchtlosigkeit.

Als die Junitage anbrachen, war sich alle Welt einig, daß man „der

Pariser Regierung zu Hilfe eilen“ müsse, aber Foureau konnte sein

Bürgermeisteramt, Marescot sein Notariat, der Doktor seine Kranken,

Girbal seine Feuerwehrleute nicht im Stich lassen, und Herr von

Faverges war in Cherbourg. Beljambe legte sich krank ins Bett. Der

Hauptmann brummte: „Man hat von mir nichts wissen wollen, um so

schlimmer.“ Und Bouvard war so weise, Pécuchet zurückzuhalten.

Die Ronden wurden weiter im Lande ausgedehnt.

Panische Schrecken stellten sich ein vor dem Schatten eines Heuhaufens

oder den Formen der Bäume: einmal ergriffen sämtliche Nationalgardisten

die Flucht. Im Mondenschein hatten sie in einem Apfelbaum einen Mann

mit einer Flinte wahrgenommen, der auf sie angelegt hatte.

Als ein anderes Mal die Patrouille in finsterer Nacht in der

Buchenallee Halt gemacht hatte, hörte sie jemanden vor sich.

„Wer da?“

Keine Antwort.

Man ließ den Kerl seinen Weg fortsetzen, indem man ihm in einiger

Entfernung folgte, denn er konnte eine Pistole oder einen Totschläger

bei sich haben; doch als man im Dorfe im Bereich der Hilfe war,

stürzten sich die zwölf Mann des Halbzuges alle zugleich auf ihn und

schrien: „Ihre Papiere!“ Sie schimpften ihn aus, überhäuften ihn mit

Schmähungen. Auf der Wache war niemand anwesend. Man schleppte ihn

dorthin, -- und beim Scheine der Kerze, die auf dem Ofen brannte,

erkannte man schließlich Gorju.

Ein elender Lastingpaletot krachte um seine Schultern. Seine Zehen

guckten durch die Löcher seiner Stiefel. Sein Gesicht blutete von

Schrammen und Quetschungen. Er war erstaunlich mager geworden und

rollte die Augen wie ein Wolf.

Foureau, der schnell herbeigeeilt war, fragte ihn, wie er in die

Buchenallee gekommen sei, zu welchem Zwecke er nach Chavignolles

zurückgekommen sei, worauf er die letzten sechs Wochen seine Zeit

verwandt habe.

Das ginge sie nichts an. Er sei frei.

Placquevent durchsuchte ihn nach Patronen. Man setzte ihn vorläufig

fest.

Bouvard legte sich ins Mittel.

„Das ist zwecklos!“ sagte der Bürgermeister. „Man kennt Ihre

Anschauungen.“

„Indessen...“

„O! Nehmen Sie sich in acht, ich rate es Ihnen! Nehmen Sie sich in

acht.“

Bouvard machte keine weiteren Anstrengungen.

Da wandte sich Gorju an Pécuchet: „Und Sie, Herr, Sie sagen nichts

dazu?“

Pécuchet senkte den Kopf, als wenn er an seiner Unschuld gezweifelt

hätte.

Der arme Teufel lächelte bitter.

„Ich habe Sie doch verteidigt!“

Bei Tagesanbruch führten ihn zwei Gendarmen nach Falaise ab.

Er wurde nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern von dem

Zuchtpolizeigerichtshof zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wegen

Vergehens, umstürzlerische Reden gehalten zu haben.

Von Falaise aus schrieb er an seine ehemaligen Herren, ihm bald ein

Zeugnis über gute Lebensführung zu senden, -- und da ihre Unterschrift

durch den Bürgermeister oder den Beigeordneten beglaubigt werden mußte,

zogen sie es vor, Marescot um diesen kleinen Dienst zu bitten.

Man führte sie ins Eßzimmer, das alte Fayence-Teller schmückten;

eine Boule-Uhr nahm das schmälste Stück der Täfelung ein. Auf dem

Mahagonitische, der ohne Decke war, sah man zwei Servietten, einen

Teekessel, Schalen. Frau Marescot ging durch das Zimmer in einem

Morgenrock aus blauem Kaschmir. Sie war Pariserin und langweilte

sich daher auf dem Lande. Dann kam der Notar, ein Samtbarett in der

einen Hand, eine Zeitung in der andern; -- und sogleich drückte

er mit liebenswürdiger Miene sein Siegel darunter, -- obwohl ihr

Schutzbefohlener ein gefährlicher Mensch sei.

„Wirklich,“ sagte Bouvard, „wegen einiger Worte!“

„Wenn das Wort Verbrechen nach sich zieht, lieber Herr, erlauben Sie!“

„Indessen,“ erwiderte Pécuchet, „wie soll man die Scheidung zwischen

harmlosen und strafbaren Äußerungen machen? Was jetzt verboten ist,

wird in der Folgezeit gepriesen werden.“ Und er tadelte die wüste Art,

mit der man die Aufwiegler behandele.

Marescot führte natürlich den Schutz der Gesellschaft, das öffentliche

Wohl als höchstes Gesetz an.

„Verzeihung!“ sagte Pécuchet, „das Recht des einzelnen ist gerade so

achtungswert wie das der Gesamtheit, und Sie können ihm nur Gewalt

entgegenstellen -- wenn er das Axiom gegen Sie wendet.“

Anstatt zu antworten, zog Marescot verächtlich die Augenbrauen in die

Höhe. Sofern er nur weiter Akten schreiben und zwischen seinen Tellern

in seiner kleinen, bequemen Häuslichkeit leben konnte, konnten ihn

alle sich einstellenden Ungerechtigkeiten nicht erregen. Die Geschäfte

riefen ihn. Er bat, sie möchten ihn entschuldigen.

Seine Lehre vom öffentlichen Wohl hatte sie entrüstet. Die

Konservativen redeten jetzt wie Robespierre.

Weiterer Grund zur Verwunderung: Cavaignac verlor an Einfluß. Die

Mobilgarde wurde verdächtig. Ledru-Rollin hatte sich um alles Ansehen

gebracht, sogar nach Vaucorbeils Ansicht. Die Kämpfe um die Verfassung

interessierten niemand, -- und am 10. Dezember stimmten alle Bürger von

Chavignolles für Bonaparte.

Die sechs Millionen Stimmen kühlten Pécuchet gegen das Volk ab, -- und

Bouvard und er studierten die Frage des allgemeinen Stimmrechts.

Da es allen gehört, kann es keine Einsicht haben. Ein Ehrgeiziger wird

es immer leiten, die anderen werden wie eine Herde gehorchen, denn

von den Wählern verlangt man nicht einmal, daß sie lesen können: das

war nach Pécuchets Ansicht der Grund zu so viel Betrügereien bei der

Präsidentenwahl.

„Keineswegs,“ erwiderte Bouvard; „ich glaube vielmehr an die Dummheit

des Volkes. Denke an alle die, welche Revalenta, die Pomade Dupuytren,

das Toilettewasser und so weiter kaufen. Diese Einfaltspinsel bilden

die Masse der Wähler, und wir müssen uns ihrem Willen fügen. Warum kann

man mit Kaninchen nicht ein Einkommen von dreitausend Franken erzielen?

Weil eine zu zahlreiche Anhäufung eine Ursache der Sterblichkeit ist.

Ebenso entwickeln sich durch das bloße Vorhandensein der Menge die

ihr anhaftenden Dummheitskeime, und unberechenbare Wirkungen sind die

Folge.“

„Dein Skeptizismus erschreckt mich!“ sagte Pécuchet.

Einige Zeit später, im Frühling, trafen sie Herrn von Faverges, der

ihnen die Nachricht von der römischen Unternehmung brachte. Man würde

die Italiener nicht angreifen, aber wir brauchten Garantien. Sonst sei

unser Einfluß gebrochen. Nichts Gerechteres als diese Einmischung.

Bouvard riß die Augen auf. „Hinsichtlich Polens behaupteten Sie das

Gegenteil!“

„Das ist nicht dasselbe!“ Jetzt handele es sich um den Papst.

Und wenn Herr von Faverges sagte: „Wir wollen, wir werden handeln, wir

haben die feste Absicht,“ so vertrat er eine Partei.

Bouvard und Pécuchet fühlten sich von der Minderheit ebenso abgestoßen

wie von der Mehrheit. Im großen und ganzen wog die Plebs die

Aristokratie auf.

Das Interventionsrecht schien ihnen verdächtig. Sie suchten nach den

Grundsätzen für dasselbe bei Calvo, Martens, Vatel; und Bouvard schloß:

„Man interveniert, um einen Fürsten wieder auf den Thron zu setzen, um

ein Volk zu befreien, oder aus Vorsicht im Hinblick auf eine Gefahr.

In beiden Fällen ist es ein Attentat auf das Recht eines andern, ein

Mißbrauch der rohen Kraft, eine heuchlerische Gewaltmaßregel!“

„Indessen sind die Völker wie die Menschen solidarisch!“ sagte Pécuchet.

„Vielleicht!“ Und Bouvard verfiel in tiefes Sinnen.

Bald begann die römische Expedition.

Im Innern plünderte aus Haß gegen die Umsturzideen die Elite der

Pariser Bürger zwei Druckereien. Die große Partei der Ordnung bildete

sich.

Sie hatte im Bezirk den Herrn Grafen, Foureau, Marescot, den Pfarrer

zu Führern. Gegen vier Uhr wandelten sie jeden Tag von einem Ende des

Platzes zum andern und plauderten über die Ereignisse. Das wichtigste

war die Verteilung der Broschüren.

Sie hatten eindrucksvolle Titel: „Gott will es. -- Der rote Genosse.

-- Wie kommen wir aus dem Sumpf? -- Wohin steuern wir?“ -- Das

Schönste darin waren die Dialoge im Stil der Dörfler, mit Flüchen und

unrichtigem Französisch, zur Hebung des sittlichen Niveaus der Bauern.

Nach einem neuen Gesetz lag die Verbreitung von Schriften in den

Händen der Präfekten -- und man hatte Proudhon soeben in Saint-Pélagie

eingesperrt: ein ungeheurer Sieg.

Die Freiheitsbäume wurden allgemein gefällt. Chavignolles gehorchte der

Weisung. Bouvard sah mit eigenen Augen die Stücke seiner Pappel auf

einem Schubkarren. Sie dienten dazu, den Gendarmen einzuheizen, -- und

man schenkte den Stumpf dem Herrn Pfarrer, der ihn doch geweiht hatte!

Welch ein Hohn!

Der Lehrer verbarg seine Anschauungen nicht.

Bouvard und Pécuchet beglückwünschten ihn dazu, als sie eines Tages vor

seiner Tür vorbeikamen.

Am Tage darauf fand er sich bei ihnen ein. Am Ende der Woche machten

sie ihm einen Gegenbesuch.

Der Tag neigte sich, die Schlingel waren soeben fortgegangen, und der

Schulmeister fegte in Hemdsärmeln den Hof. Seine Frau, welche ein Tuch

um den Kopf geschlungen hatte, nährte ein Kind. Ein kleines Mädchen

verbarg sich hinter ihrem Rock; ein häßlicher Balg spielte zu ihren

Füßen auf der Erde; das Wasser ihrer Wäscherei, die sie in der Küche

besorgte, floß durch das Haus.

„Sie sehen,“ sagte der Lehrer, „wie die Regierung uns behandelt.“

Und sogleich griff er das niederträchtige Kapital an. „Man sollte es

demokratisieren, den Stoff befreien.“

„Das ist gerade, was ich verlange!“ sagte Pécuchet.

„Wenigstens hätte man das Recht auf Unterstützung anerkennen sollen.“

„Noch ein Recht!“ sagte Bouvard.

„Gleichviel!“ Die provisorische Regierung sei schlapp gewesen, da sie

die Brüderlichkeit nicht zum Gesetz erhoben habe.

„Versuchen Sie doch, sie einzuführen!“

Da es dunkel wurde, herrschte Petit in rohem Tone seine Frau an, einen

Leuchter in sein Arbeitszimmer heraufzutragen.

Stecknadeln hielten an den Gipswänden die lithographischen Bildnisse

der Redner der Linken fest. Ein Bücherregal voller Bücher überragte

ein Pult aus Tannenholz. An Sitzgelegenheiten waren ein Stuhl, ein

Schemel und eine alte Seifenkiste vorhanden; er stellte sich, als lache

er darüber; doch das Elend höhlte seine Wangen, und seine schmalen

Schläfen zeigten einen bockbeinigen Starrsinn, einen unbezähmbaren

Stolz. Niemals würde er sich beugen.

„Das ist übrigens, was mich aufrecht erhält!“

Es war ein Haufen Zeitungen auf einem Brett, und fieberhaft betete

er sein politisches Glaubensbekenntnis herunter: Entwaffnung der

Truppen, Abschaffung der Behörden, Gleichheit der Löhne, ein mittlerer

Wohlstand, durch den man unter der Form der Republik das goldene

Zeitalter bekäme, mit einem Diktator an der Spitze, einem tüchtigen

Kerl, der einen geraden Weges zum Ziele führen würde!

Dann langte er nach einer Flasche Anisette und drei Gläsern, um auf den

Heros, auf das unsterbliche Opfer, auf den großen Maximilien ein Hoch

auszubringen!

Auf der Schwelle erschien das schwarze Gewand des Pfarrers.

Nachdem er die Gesellschaft lebhaft begrüßt hatte, wandte er sich an

den Lehrer und sagte mit beinahe leiser Stimme:

„Wie steht es um unsere Sankt-Joseph-Angelegenheit?“

„Sie haben fast nichts gegeben,“ erwiderte der Schulmeister.

„Das ist Ihre Schuld!“

„Ich habe getan, was ich konnte!“

„Ach! Wirklich?“

Bouvard und Pécuchet erhoben sich, da sie nicht stören wollten. Petit

nötigte sie wieder auf ihre Sitze, und sich dann zum Pfarrer wendend:

„Ist das alles?“

Der Abbé Jeufroy zögerte; dann sagte er mit einem Lächeln, das den

Verweis milderte:

„Man findet, daß Sie die Heilige Schrift ein wenig vernachlässigen.“

„O! die Heilige Schrift!“ wandte Bouvard ein.

„Was werfen Sie ihr vor, mein Herr?“

„Ich? Nichts. Nur gibt es vielleicht nützlichere Dinge als die

Erzählung von Jonas und die Könige von Israel!“

„Wie Sie meinen!“ erwiderte trocken der Priester.

Und ohne sich um die Gäste zu kümmern, oder vielleicht gerade

ihretwegen:

„Die Katechismusstunde ist zu kurz!“

Petit zuckte die Achseln.

„Geben Sie acht. Sie werden Ihre Pensionäre verlieren!“

Die zehn Franken, die er im Monat von diesen Schülern bekam, waren das

Einträglichste an seiner Stelle. Aber der Priesterrock brachte ihn

außer sich:

„Meinetwegen! Rächen Sie sich!“

„Ein Mann von meinem Charakter rächt sich nicht,“ sagte der Priester,

ohne in Erregung zu geraten. „Doch ich erinnere Sie daran, daß das

Gesetz vom 15. März uns die Überwachung des Elementarunterrichts

zuerteilt.“

„Ja, das weiß ich sehr wohl,“ schrie der Lehrer. „Sie steht sogar den

Gendamerieobersten zu! Warum nicht dem Feldhüter! Das wäre die Höhe!“

Und er sank auf den Schemel, sich vor Wut in die Faust beißend, seinen

Zorn meisternd, erstickt von dem Gefühle seiner Ohnmacht.

Der Geistliche berührte leicht seine Schulter.

„Ich wollte Sie nicht betrüben, mein Freund! Beruhigen Sie sich! Ein

wenig Vernunft!

Bald ist Ostern: ich hoffe, Sie werden ein gutes Beispiel geben und mit

frommem Eifer kommunizieren.“

„Ach! das ist zu stark! ich! ich! mich in solche Dummheiten fügen!“

Bei dieser Gotteslästerung erblich der Geistliche. Seine Augen sprühten

Blitze, sein Kinn zitterte.

„Schweigen Sie, Unglücklicher! Schweigen Sie! -- Und seine Frau besorgt

die Wäsche für die Kirche!“

„Je nun! Wieso? Was hat sie verbrochen?“

„Sie versäumt stets die Messe! Übrigens auch Ihr Fall!“

„Nun! Man entläßt einen Schulmeister wegen solcher Sachen nicht!“

„Man kann ihn versetzen!“

Der Priester schwieg. Er stand im Hintergrunde des Zimmers im Schatten.

Petit, dessen Kopf auf die Brust herabhing, verfiel in tiefes Sinnen.

Sie würden am äußersten Ende von Frankreich ankommen, nachdem ihr

letzter Heller durch die Reise aufgezehrt war, und sie würden dort

unter anderen Namen denselben Pfarrer, denselben Rektor, denselben

Präfekten wiederfinden; alle bis herauf zum Minister waren sozusagen

die Ringe einer Kette, die ihn erdrückte. Er hatte schon eine

Verwarnung bekommen, andere würden folgen. Und dann? Und in einer

Halluzination sah er sich die Landstraße entlang wandern, einen Sack

auf dem Rücken, die, welche er liebte, an seiner Seite, die Hand

bettelnd gegen eine Postkutsche ausgestreckt.

In diesem Augenblick wurde seine Frau in der Küche von einem

Hustenanfall gepackt; das Neugeborene begann zu wimmern, und der Balg

weinte.

„Arme Kinder!“ sagte der Priester mit sanfter Stimme.

Da brach der Vater in Schluchzen aus:

„Ja! ja! alles, was man verlangt!“

„Ich verlasse mich darauf,“ erwiderte der Pfarrer.

Und nachdem er sich verbeugt:

„Meine Herren, recht guten Abend!“

Der Schulmeister verharrte, das Gesicht in den Händen. Er stieß Bouvard

zurück.

„Nein! lassen Sie mich! Ich möchte verrecken! Ich bin ein Elender!“

Die beiden Freunde suchten ihre Behausung wieder auf, während sie sich

zu ihrer Unabhängigkeit beglückwünschten. Die Macht der Geistlichkeit

setzte sie in Schrecken.

Man verwandte sie jetzt dazu, um die soziale Ordnung zu befestigen. Die

Republik pfiff auf dem letzten Loch.

Drei Millionen Wähler waren vom allgemeinen Stimmrecht ausgeschlossen.

Die Kautionssumme der Zeitungen wurde erhöht, die Zensur wieder

eingesetzt. Man hatte es auf die Feuilleton-Romane abgesehen. Die

klassische Philosophie kam in einen gefährlichen Ruf. Die Bürger

predigten das Dogma von den materiellen Interessen, und das Volk schien

zufrieden.

Die Landbevölkerung kehrte zu ihren alten Herren zurück.

Herr von Faverges, der Besitzungen im Departement Eure hatte, wurde für

die gesetzgebende Versammlung vorgeschlagen, und seine Wiederwahl in

die Kreisstände des Calvados war im voraus sicher.

Er hielt es für nötig, die Honoratioren des Landes zu einem Frühstück

einzuladen.

Das Vestibül, in welchem drei Diener sie erwarteten, um ihnen die

Überzieher abzunehmen, das Billardzimmer und zwei in derselben Flucht

liegende Salons, die Pflanzen in den chinesischen Vasen, die Bronzen

auf den Kaminen, die goldenen Leisten am Getäfel, die schweren

Vorhänge, die bequemen Sessel, dieser ganze Luxus berührte sie sogleich

wie eine Höflichkeit, die man ihnen erwies; und als man in das

Eßzimmer trat, da heiterten sich alle Gesichter auf beim Anblick der

mit verschiedenen Braten besetzten Tafel, die auf silbernen Schüsseln

lagen; dazu die Reihe Gläser hinter jedem Teller, die hier und dort

stehenden Vorspeisen, und mitten auf der Tafel ein Salm.

Sie waren ihrer siebzehn, darunter zwei begüterte Landwirte, der

Unterpräfekt von Bayeux und ein unbekannter Herr aus Cherbourg. Herr

von Faverges bat seine Gäste, die Gräfin, die durch eine Migräne

verhindert sei, entschuldigen zu wollen; und nach Komplimenten über die

Birnen und Trauben, welche vier Körbe auf den Ecken füllten, kam die

Rede auf die große Neuigkeit: den Plan einer Landung in England durch

Changarnier.

Heurtaux wünschte sie als Soldat, der Pfarrer aus Haß gegen die

Protestanten, Foureau im Interesse des Handels.

„Sie geben mittelalterliche Anschauungen zu erkennen!“ sagte Pécuchet.

„Das Mittelalter hatte sein Gutes,“ erwiderte Marescot. „Zum Beispiel

unsere Kathedralen...“

„Indessen, die Mißbräuche, mein Herr!...“

„Gleichviel, die Revolution wäre nicht gekommen!“

„Ja, die Revolution, das war das Unglück!“ sagte der Geistliche

seufzend.

„Aber alle Welt hat dazu beigetragen! und -- verzeihen Sie, Herr Graf

-- die Adligen selbst durch ihre Verbindung mit den Philosophen!“

„Was wollen Sie! Ludwig XVIII. hat den Raub der Güter legalisiert!

Seit jener Zeit untergräbt uns das parlamentarische System die

Grundlagen!...“

Ein Roastbeef wurde aufgetragen, und einige Minuten lang hörte man nur

das Geräusch der Gabeln und Kinnladen zu den Schritten der Diener auf

dem Parkett und der Wiederholung der beiden Worte: „Madeira! Sauternes!“

Die Unterhaltung wurde von dem Herrn aus Cherbourg wieder aufgenommen.

Wie am Rande des Abgrundes einhalten?

„Bei den Athenern,“ sagte Marescot, „bei den Athenern, denen wir in

gewisser Hinsicht ähneln, hielt Solon die Demokraten nieder, indem er

den Wahlzensus erhöhte.“

„Besser wäre es,“ sagte Hurel, „die Kammer abzuschaffen; alle Unordnung

kommt von Paris.“

„Dezentralisieren wir!“ sagte der Notar.

„In gehöriger Weise!“ fügte der Graf hinzu.

Nach Foureaus Ansicht mußte die Gemeinde die unumschränkte Herrin sein,

so daß sie sogar die Benutzung ihrer Wege den Reisenden verbieten

konnte, wenn es ihr gut schien.

Und während ein Gericht dem andern folgte, Huhn in Brühe, Krebse,

Champignons, Gemüsesalat, gebratene Lerchen, wurden manche Fragen

behandelt: das beste Steuersystem, die Vorteile der Bewirtschaftung im

Großen, die Abschaffung der Todesstrafe, -- der Unterpräfekt vergaß

nicht, das reizende Wort eines Mannes von Geist anzuführen: „Möchten

die Herren Mörder damit anfangen!“

Bouvard war von dem Gegensatz überrascht, in welchem die Umgebung zu

dem stand, was man sagte, -- denn man glaubt immer, daß die Worte der

Umwelt entsprechen müssen, und daß die hohen Räume für große Gedanken

geschaffen seien. Nichtsdestoweniger war er beim Nachtisch rot und sah

die Kompottschüsseln in einem Nebel.

Man hatte Bordeaux, Burgunder und Malaga getrunken... Herr von

Faverges, der seine Leute kannte, ließ Champagner entkorken. Die Gäste

tranken anstoßend auf den Erfolg der Wahl, und es war drei Uhr vorbei,

als sie ins Rauchzimmer hinübergingen, um den Kaffee zu nehmen.

Zwischen Nummern des „Univers“ lag eine Karikatur des „Charivari“ auf

einem Pfeilertischchen; sie stellte einen Bürger dar, unter dessen

Rockschößen ein Schwanz hervorsah, der in ein Auge auslief. Marescot

gab die nötige Erklärung. Man lachte tüchtig.

Sie stürzten Liköre hinunter, und die Asche der Zigarren fiel in die

Polster der Möbel. Der Abbé, der Girbal überzeugen wollte, griff

Voltaire an. Coulon schlummerte ein. Herr von Faverges erklärte seine

Ergebenheit für Chambord. „Die Bienen zeugen für die Monarchie.“

„Aber die Ameisenhaufen für die Republik!“ Übrigens legte der Arzt

keinen Wert mehr auf sie.

„Sie haben recht!“ sagte der Unterpräfekt. „Die Form der Regierung ist

ziemlich gleichgültig!“

„Die Freiheit vorausgesetzt!“ wandte Pécuchet ein.

„Ein anständiger Mensch bedarf ihrer nicht,“ erwiderte Foureau. „Ich

halte keine Reden! Ich bin kein Journalist! Und ich behaupte, daß

Frankreich von einem eisernen Arme regiert sein will!“

Alle verlangten nach einem Retter.

Beim Fortgehen hörten Bouvard und Pécuchet Herrn von Faverges zum Abbé

Jeufroy sagen:

„Man muß den Gehorsam wieder einführen. Die Autorität erstirbt, wenn

man sie erörtert. Das göttliche Recht, das ist das einzig Wahre!“

„Ganz Ihrer Ansicht, Herr Graf!“

Hinter den Wäldern warf die Oktobersonne lange blasse Strahlen, ein

feuchter Wind wehte; -- und während sie über abgefallene Blätter

gingen, atmeten sie wie befreit.

Alles, was sie nicht hatten aussprechen können, machte sich in Ausrufen

Luft:

„Welche Dummköpfe! Welche Niedrigkeit der Gesinnung! Wie ist nur solch

eine Verbohrtheit denkbar! Zunächst, was versteht man unter göttlichem

Recht?“

Der Freund Dumouchels, jener Professor, der sie über ästhetische Dinge

unterrichtet hatte, beantwortete ihre Frage mit einem gelehrten Briefe.

Die Theorie des göttlichen Rechts ist unter Karl II. von dem Engländer

Filmer formuliert worden.

Hier folgt sie:

„Der Schöpfer verlieh dem ersten Menschen die Herrschaft über die Welt.

Sie ging auf seine Nachkommen über, und die Macht des Königs kommt von

Gott: ‚Er ist sein Ebenbild,‘ schreibt Bossuet. Die Machtbefugnis des

Vaters gewöhnt an die Herrschaft eines einzigen. Man hat die Könige

nach dem Beispiel der Väter eingesetzt.

Locke widerlegte diese Doktrin. Die väterliche Machtbefugnis

unterscheidet sich von der monarchischen, denn jeder Untertan hat

dasselbe Recht in bezug auf seine Kinder, wie der Monarch es seinen

eigenen gegenüber hat. Das Königtum existiert nur kraft der Wahl des

Volkes, -- und diese Erwählung wurde sogar bei der Feierlichkeit der

Salbung ins Gedächtnis zurückgerufen, wo zwei Bischöfe, indem sie den

König zur Schau stellten, die Edlen und das Volk befragten, ob sie ihn

als solchen anerkennen wollten.

Also kommt die Gewalt vom Volke. ‚Es hat das Recht, alles zu tun, was

es will,‘ sagt Helvetius, ‚seine Verfassung zu ändern,‘ sagt Vatel,

‚sich gegen Ungerechtigkeit zu empören,‘ behaupten Glafey, Hotman,

Mably und so weiter, -- und der heilige Thomas von Aquino spricht ihm

die Befugnis zu, sich von einem Tyrannen zu befreien. ‚Es braucht nicht

einmal recht zu haben,‘ sagt Jurieu.“

Über diesen Grundsatz erstaunt, nahmen sie Rousseaus

„Gesellschaftsvertrag“ zur Hand.

Pécuchet las ihn bis zu Ende; dann schloß er die Augen, warf den Kopf

zurück und analysierte:

„Vorausgesetzt wird eine Vereinbarung, durch die der einzelne sich

seiner Freiheit entäußerte.

Zugleich verpflichtete sich das Volk, ihn gegen die Ungleichheiten

der Natur zu schützen, und machte ihn zum Eigentümer der Dinge, die er

besitzt.

Wo aber ist der Beweis für den Vertrag?

Nirgends! und die Gemeinschaft bietet keine Sicherheit. Die Bürger

werden sich ausschließlich mit Politik beschäftigen. Aber da man

Handwerker braucht, rät Rousseau zur Sklaverei. Die Wissenschaften

haben das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Das Theater wirkt

verderblich, das Geld ist unheilvoll, und der Staat muß eine Religion

einsetzen, wenn er nicht zugrunde gehen soll.“

Wie! sagten sie sich, das ist der Vorkämpfer der Demokratie?

Alle Reformatoren haben ihn abgeschrieben, -- und sie verschafften sich

die „Untersuchung über den Sozialismus“ von Morant.

Das erste Kapitel erläutert die Saint-Simonistische Lehre.

An der Spitze der „Vater“, der zugleich Papst und Kaiser ist.

Abschaffung der Erbschaften, da alles bewegliche und unbewegliche Gut

ein Gesellschaftskapital bildet, das durch eine hierarchisch gestufte

Organisation nutzbar gemacht wird. Die Geschäftsleute verwalten das

öffentliche Vermögen. Doch darum keine Furcht; man wird den zum Führer

haben, „der am meisten liebt“.

Etwas fehlt noch, die Frau. Vom Erscheinen der Frau hängt das Heil der

Welt ab.

„Das verstehe ich nicht.“

„Ich auch nicht!“

Und sie machten sich an die Lehre Fouriers.

Alles Unglück kommt durch den Zwang. Man lasse die Attraktion sich

ungehindert betätigen, und alles wird sich harmonisch ordnen.

Unsere Seele umschließt zwölf Grundtriebe: fünf sensuelle, vier

affektive und drei distributive. Die ersten beziehen sich auf das

Individuum, die folgenden auf die Gruppen, die letzten auf die Gruppen

der Gruppen oder Reihen, deren Gesamtheit die Phalanx bildet, eine

Gesellschaft von achtzehnhundert Personen, die einen Palast bewohnen.

Jeden Morgen bringen Wagen die Arbeiter aufs Land und holen sie am

Abend zurück. Man trägt Fahnen, man feiert Feste, man ißt Kuchen. Jede

Frau besitzt, wenn sie Wert darauf legt, drei Männer: den Ehegatten,

den Liebhaber und den Erzeuger. Für die Ehelosen ist durch das

Bajaderentum vorgesorgt.

„Das ist nach meinem Geschmack!“ sagte Bouvard. Und er verlor sich in

Träume von der harmonischen Welt.

Durch die Verbesserung der klimatischen Verhältnisse wird die Erde

schöner werden, durch die Kreuzung der Rassen das menschliche Leben

länger. Man wird die Wolken lenken, wie man es schon jetzt mit dem

Blitz tut, es wird des Nachts auf die Städte zu deren Reinigung

regnen. Schiffe werden die unter der Einwirkung von Nordlichtern

aufgetauten Polarmeere durchqueren. Denn alles vollzieht sich durch

die Vereinigung eines männlichen mit einem weiblichen Fluidum, die von

den Polen ausgehen; und die Nordlichter sind ein Anzeichen der Brunst

des Planeten, ein Ausströmen der Zeugungskraft. „Das geht über meinen

Horizont,“ sagte Pécuchet.

Nach Saint-Simon und Fourier beschränkte sich das Problem auf die

Lohnfrage.

Louis Blanc will, daß man im Interesse der Arbeiter den Außenhandel

abschafft; Lafarelle, daß man Maschinen einführt; ein anderer,

daß man die Getränke von Steuern befreit, oder daß man die Zünfte

wiederherstellt, oder daß man Suppen austeilt. Proudhon denkt an einen

einheitlichen Tarif und verlangt für den Staat das Zuckermonopol.

„Deine Sozialisten verlangen immer die Tyrannei,“ sagte Bouvard.

„Nicht doch!“

„Ganz gewiß!“

„Du redest Unsinn!“

„Du empörst mich!“

Sie ließen sich die Werke kommen, die sie nur ihrem Hauptinhalte

nach kannten. Bouvard merkte mehrere Stellen an und sagte, auf sie

hinweisend:

„Lies selbst! Sie stellen uns als Beispiel die Essener, die Herrnhuter,

die Jesuiten von Paraguay, sogar die Gefängnisordnung hin.

Bei den Ikariern wird das Frühstück in zwanzig Minuten eingenommen, die

Frauen kommen im Krankenhaus nieder; was die Bücher anlangt, so besteht

das Verbot, deren ohne Ermächtigung der Republik zu drucken.“

„Aber Cabet ist ein Idiot!“

„Hier etwas aus Saint-Simon: die Publizisten haben ihre Arbeiten einem

Komitee von Handelsleuten zu unterbreiten.

Und aus Pierre Leroux: das Gesetz wird die Bürger zwingen, einen Redner

zu hören.

Und aus Auguste Comte: die Priester werden die Jugend erziehen,

alle Werke des Geistes leiten und die Staatsgewalt anhalten, das

Zeugungsgeschäft zu regeln.“

Diese Lehren bekümmerten Pécuchet. Beim Diner am Abend erwiderte er:

„Daß es bei den Utopisten manches Lächerliche gibt, das gebe ich

zu; indessen verdienen sie unsere Liebe. Die Häßlichkeit der Welt

schmerzte sie, und um sie schöner zu machen, haben sie alles erduldet.

Erinnere dich der Enthauptung des Morus, der siebenmaligen Folterung

Campanellas; wie Buonarotti eine Kette um den Hals trug, Saint-Simon

im Elend litt, und vieler anderer. Sie hätten in Frieden leben können;

aber nein! sie sind ihren Weg gegangen wie Helden, erhobenen Hauptes.“

„Glaubst du,“ erwiderte Bouvard, „daß die Welt infolge der Theorien

eines solchen Herrn sich ändern wird?“

„Was tut das!“ sagte Pécuchet, „es ist an der Zeit, daß man nicht mehr

im Egoismus verfault! Suchen wir das beste System!“

„Dann rechnest du darauf, es zu finden?“

„Gewiß!“

„Du?“

Und das Lachen, von dem Bouvard erfaßt wurde, erschütterte seine

Schultern und seinen Bauch in gleichen Stößen. Roter als die

Konfitüren, die Serviette unter der Achsel, lachte er immer wieder von

neuem:

„Ha! ha! ha!“ Es war aufreizend.

Pécuchet verließ daß Zimmer und schlug die Tür zu.

Germaine rief ihn, durch das ganze Haus suchend, -- und man fand ihn

schließlich in seinem Zimmer in einem Lehnsessel, ohne Feuer und Licht,

während er die Mütze tief in die Stirn hinabgezogen hatte. Er war nicht

krank, sondern er gab sich seinen Betrachtungen hin.

Nachdem die Mißstimmung zwischen beiden verflogen war, erkannten sie,

daß eine Grundlage ihren Studien fehlte: die Nationalökonomie.

Sie unterrichteten sich über Angebot und Nachfrage, Kapital und Zins,

Einfuhr, Ausfuhrverbot.

Eines Nachts wurde Pécuchet durch das Knarren eines Stiefels im

Hausflur geweckt. Am Abend hatte er, wie gewöhnlich, alle Riegel

vorgeschoben -- und er weckte Bouvard, der fest schlief.

Sie harrten regungslos unter ihren Decken. Das Geräusch ließ sich nicht

wieder hören.

Die Mägde, darum befragt, wollten nichts gehört haben.

Doch als sie in ihrem Garten umhergingen, bemerkten sie auf einem

Beet in der Nähe des Gitters den Abdruck einer Stiefelsohle, -- und

zwei Stäbe des Zaunes waren zerbrochen. Augenscheinlich war jemand

hinübergestiegen.

Der Feldhüter mußte benachrichtigt werden.

Da er nicht auf dem Bürgermeisteramt war, begab sich Pécuchet zum

Krämer.

Wen sah er in der Hinterstube des Ladens an der Seite Placquevents

mitten unter den Trinkern? Gorju! -- Gorju, in feiner Kleidung und die

andern freihaltend.

Sie legten der Begegnung keine weitere Bedeutung bei.

Bald kamen sie zur Frage des Fortschritts.

Bouvard bezweifelte ihn nicht auf wissenschaftlichem Gebiet. Doch in

der Literatur zeigt er sich weniger klar; und wenn auch der Wohlstand

zunimmt, so ist doch der Glanz des Lebens verschwunden.

Um ihn von seiner Ansicht zu überzeugen, nahm Pécuchet ein Stück

Papier: „Ich zeichne eine schräg verlaufende Wellenlinie. Wer ihren Weg

nimmt, wird jedesmal bei der Senkung den Horizont nicht mehr sehen.

Und doch hebt sie sich, und trotz ihrer Krümmungen wird er den Gipfel

erreichen. Das ist das Bild des Fortschritts.“

Frau Bordin trat ein.

Es war der 3. Dezember 1851. Sie brachte die Zeitung mit.

Sie lasen schnell, in dasselbe Blatt sehend, den Aufruf an das Volk,

die Auflösung der Kammer, die Gefangensetzung der Abgeordneten.

Pécuchet wurde blaß. Bouvard sah die Witwe an.

„Wie! Sie sagen nichts!“

„Kann ich’s ändern?“ Sie vergaßen, ihr einen Stuhl anzubieten. „Ich

war gekommen in dem Glauben, Ihnen ein Vergnügen zu machen! O! Sie

sind heute wenig liebenswürdig!“ Und sie ging, von ihrer Unhöflichkeit

beleidigt.

Die Überraschung hatte sie stumm gemacht. Dann gingen sie ins Dorf,

ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben.

Marescot, der sie, mit seinen Verträgen beschäftigt, empfing, dachte

anders. Das Geschwätz der Kammer höre auf, dem Himmel sei Dank. Man

würde hinfort eine Politik der Tatsachen haben.

Beljambe wußte nichts von den Ereignissen, sie waren ihm zudem

gleichgültig.

An der Markthalle hielten sie Vaucorbeil an.

Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass · 第 19 / 32 题