Frau Bordin unterbrach ihn: „Das ist bekannt, was ein Tartufe ist!“

Bouvard hatte wegen einer bestimmten Stelle ein Kostüm gewünscht.

„Ich sehe nur das Mönchsgewand,“ sagte Pécuchet.

„Einerlei! nimm es!“

Er kam damit zurück, einen Molière in der Hand.

Der Anfang war mittelmäßig. Doch als Tartufe wagt, Elmirens Knie zu

streicheln, sagte Pécuchet im Ton eines Gendarmen:

„_Was will da Ihre Hand?_“

Bouvard erwiderte sehr schnell mit süßer Stimme:

„_Ich befühle Ihr Gewand, sein Stoff ist seidenweich._“

Seine Augen flammten, er bot den Mund dar, schnob, sah äußerst sinnlich

aus, wandte sich schließlich Frau Bordin zu.

Die Blicke dieses Mannes setzten sie in Verlegenheit, -- und als er

einhielt, unterwürfig und zitternd, suchte sie fast nach einer Antwort.

Pécuchet nahm seine Zuflucht zum Buch: „Die Erklärung ist höchst

galant.“

„Ah, ja!“ rief sie, „das ist ein hübscher Verführer.“

„Nicht wahr?“ erwiderte stolz Bouvard. „Doch hier ist etwas anderes

von modernerem Zuschnitt. Und nachdem er seinen Rock abgelegt

hatte, kauerte er auf einem Bruchsteine nieder und rezitierte mit

zurückgelehntem Kopf:

_Laß deiner Augen Flammen versengen meine Wimpern,

Sing mir ein Lied, wie zuweilen am Abend

Du mir es sangst, mit Tränen im dunklen Aug’._

„Das ähnelt mir,“ dachte sie.

_Laß uns glücklich sein und trinken, denn der Becher ist gefüllt.

Denn die Stunde ist unser und der Rest ist Torheit!_

„Wie komisch Sie sind!“

Und sie lachte mit kurzem Lachen, das ihren Busen hob und ihre Zähne

entblößte.

_Ist’s nicht süß,

Zu lieben und zu wissen, daß kniend man Euch liebt?_

Er kniete nieder.

„Bringen Sie es doch zu Ende!“

_O, laß mich schlafen und träumen an Deiner Brust,

Dona Sol, meine Schönheit, meine Liebe._

„Hier hört man die Glocken, ein Mann aus dem Gebirge stört sie.“

„Glücklicherweise! denn sonst....!“ Und Frau Bordin lächelte, anstatt

ihren Satz zu beenden. Die Dämmerung fiel. Frau Bordin erhob sich.

Es hatte eben geregnet, und der Weg durch den Buchengang war nicht

bequem; es war besser, über die Felder nach Hause zu gehen. Bouvard

begleitete sie in den Garten, um ihr die Tür zu öffnen.

Zuerst gingen sie an den Pyramiden-Bäumchen entlang, ohne zu reden.

Er war noch von seiner Rezitation erregt, -- und sie empfand auf dem

Grunde der Seele etwas wie eine Überraschung, einen Zauber, der von der

Literatur herrührte. Die Kunst erschüttert bei gewissen Anlässen die

mittelmäßigen Geister, -- und durch die plumpsten Interpreten können

Welten geoffenbart werden.

Die Sonne war wieder hervorgekommen, ließ die Blätter erglänzen, warf

hier und dort leuchtende Flecke durch das Dickicht. Drei Sperlinge

hüpften zirpend auf dem Stumpf einer gefällten alten Linde. Ein

blühender Dorn breitete seine rote Garbe aus, schwerer Flieder neigte

sich herab.

„Ach! das tut gut!“ sagte Bouvard, indem er die Luft in vollen Zügen

einsog.

„Sie strengen sich aber auch dabei an!“

„Ich will nicht sagen, daß ich Talent habe, aber was das Feuer

betrifft, das besitze ich.“

„Man sieht...,“ fuhr sie fort, indem sie zwischen den Worten einhielt,

„daß Sie... geliebt haben... früher!“

„Früher nur, glauben Sie!“

Sie blieb stehen.

„Das kann ich nicht wissen!“

Was wollte sie damit sagen? Und Bouvard fühlte sein Herz klopfen.

Eine Wasserlache inmitten des Sandes, die sie zu einem Umwege zwang,

nötigte sie, unter den Laubengang zu gehen.

Dann plauderten sie von der Vorstellung.

„Wie heißt Ihr letztes Stück?“

„Es ist aus ‚Hernani‘, einem Drama.“

„Ach!“ dann langsam und wie zu sich selbst: „Es muß recht angenehm

sein, wenn ein Herr einem derartige Sachen sagt, -- im Ernst.“

„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,“ antwortete Bouvard.

„Sie?“

„Ja! Ich!“

„Welch ein Scherz!“

„Nicht im allergeringsten!“

Und nachdem er einen Blick umhergeworfen hatte, faßte er sie um die

Taille und küßte sie kräftig auf den Nacken.

Sie wurde sehr bleich, als wenn sie ohnmächtig werden wollte, -- und

sie suchte mit einer Hand einen Halt an einem Baum; dann schlug sie die

Augen auf und schüttelte den Kopf.

„Das ist vorbei!“

Er sah sie verdutzt an.

Als das Tor geöffnet war, trat sie auf die Schwelle der kleinen Pforte.

Ein Wassergraben strömte auf der anderen Seite. Sie raffte ihren

faltigen Rock in die Höhe und stand unentschlossen am Rande.

„Soll ich Ihnen helfen?“

„Nicht nötig.“

„Warum?“

„Ach! Sie sind zu gefährlich!“

Und bei dem Sprunge, den sie machte, zeigte sich ihr weißer Strumpf.

Bouvard machte sich Vorwürfe, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben.

Bah, sie würde sich wiederfinden, -- und dann sind die Frauen nicht

alle gleich. Diesen muß man schnell zusetzen, mit jenen verdirbt man

es, wenn man sich kühn zeigt. Im ganzen war er mit sich zufrieden --

und wenn er seine Hoffnung Pécuchet nicht anvertraute, so geschah es

aus Furcht vor Bemerkungen, und keineswegs aus Zartgefühl.

Von jenem Tage an rezitierten sie vor Mélie und Gorju, während sie

zugleich bedauerten, kein Salontheater zu haben.

Die kleine Magd belustigte sich dabei, ohne etwas zu verstehen,

verdutzt über die Sprache, gefesselt durch das Summen der Verse. Gorju

äußerte seinen Beifall bei den philosophischen Stellen der Tragödie

und bei allem, was es für das Volk in den Melodramen gab! -- derart,

daß sie, über seinen Geschmack entzückt, daran dachten, ihm Stunden

zu geben, um ihn später Schauspieler werden zu lassen. Diese Aussicht

blendete den Handwerker.

Das Gerede von ihrer Betätigung hatte sich verbreitet. Vaucorbeil

erzählte es ihnen in spöttelnder Weise. Allgemein verachtete man sie.

Sie stiegen dadurch in ihrer Selbstachtung. Sie weihten sich der

Kunst. Pécuchet trug einen Schnurrbart, und Bouvard wußte nichts

Besseres bei seiner runden Physiognomie und seiner Kahlheit, als „einen

Bérangerkopf“ abzugeben.

Schließlich faßten sie den Plan, ein Stück zu schreiben.

Das schwierige war, einen Stoff zu finden.

Sie suchten während des Frühstücks darnach, und sie tranken Kaffee, die

für das Hirn unentbehrliche Flüssigkeit, dann zwei bis drei Gläschen

Schnaps. Sie legten sich auf ihrem Bette schlafen; darauf stiegen sie

in den Obstgarten, schritten auf und ab, gingen schließlich aus, um

draußen die Inspiration zu suchen, wanderten Seite an Seite und kehrten

erschöpft heim.

Oder sie schlossen sich ein. Bouvard säuberte den Tisch, legte Papier

vor sich hin, tauchte die Feder ein, und seine Augen blieben an der

Decke kleben, während Pécuchet sinnend, mit ausgestreckten Beinen und

gesenktem Haupte, im Sessel saß.

Zuweilen spürten sie ein Erschauern und etwas wie das Wehen eines

Gedankens; im Augenblick, wo sie ihn fassen wollten, war er

verschwunden.

Doch gibt es Methoden, um Stoffe zu entdecken. Man wählt aufs

Geratewohl einen Titel, und ein Ereignis ergibt sich daraus; man

entwickelt ein Sprichwort; man verschmilzt mehrere Abenteuer zu einem

einzigen. Keines dieser Mittel führte zum Ziele. Sie durchblätterten

vergeblich die Anekdotensammlungen, mehrere Bände berühmter

Kriminalfälle, eine Menge Geschichten.

Und sie träumten davon, im Odeon aufgeführt zu werden, dachten ans

Schauspiel, sehnten sich nach Paris.

„Ich war zum Schauspieler geboren und nicht dazu, mich auf dem Lande zu

vergraben!“ sagte Bouvard.

„Ich desgleichen,“ antwortete Pécuchet.

Es kam ihnen eine Erleuchtung; wenn es ihnen so schwer wurde, so lag

das daran, daß sie die Regeln nicht kannten.

Und sie studierten sie in der „Praxis des Theaters“ und einigen anderen

weniger aus der Mode gekommenen Werken.

Wichtige Fragen werden darin behandelt: ob die Komödie in Versen

abgefaßt werden kann; -- ob die Tragödie nicht die Grenzen

überschreitet, wenn sie ihren Stoff der modernen Geschichte entlehnt;

-- ob die Helden tugendhaft sein sollen; -- welche Art von Schurken

sie verträgt; -- bis zu welchem Grade das Schreckliche darin erlaubt

ist; -- daß die Einzelheiten einen einzigen gemeinsamen Endzweck haben,

daß das Interesse sich steigere, daß der Schluß dem Anfang entspreche,

natürlich!

_Erfindet Motive, die mich zu fesseln vermögen_,

sagt Boileau.

Wie Motive erfinden?

_Bei allem, was ihr sagt, muß Leidenschaft sich regen, zu Herzen

gehn, es rühren und erwärmen._

Wie das Herz erwärmen?

Also genügen die Regeln nicht; es ist außerdem Genie nötig.

Und auch das Genie genügt nicht. Corneille verstand der französischen

Akademie zufolge nichts vom Theater. Geoffroy verunglimpfte Voltaire.

Racine wurde von Subligny verhöhnt. La Harpe brüllte beim Namen

Shakespeares.

Da die alte Kritik sie anwiderte, wollten sie die moderne kennen

lernen, und sie ließen sich die Theaterberichte der Zeitungen kommen.

Welche Sicherheit! Welches Voreingenommensein! Welche Unredlichkeit!

Meisterwerke werden verunglimpft, Plattheiten in den Himmel gehoben --

und die Eseleien jener, die für bedeutend gelten, und die Dummheiten

dieser, die man als geistreich hinstellt!

Doch vielleicht muß man sich auf das Publikum verlassen.

Aber manchmal mißfielen ihnen Werke, die beklatscht worden waren, und

an den ausgepfiffenen behagte ihnen manches.

So ist die Meinung der Leute von Geschmack unzuverlässig und das Urteil

der Menge unverständlich.

Bouvard stellte Barberou vor das Dilemma. Pécuchet wiederum schrieb an

Dumouchel.

Der ehemalige Handlungsreisende war erstaunt über die Verstumpfung, die

die Provinz bewirkt hätte, sein alter Bouvard zähle zum alten Eisen,

kurz, „sei nicht wiederzuerkennen“.

Das Theater sei eine Absatzware wie eine andere. Das gehöre zum Artikel

Paris. -- Man geht ins Schauspiel, um sich zu zerstreuen. Dasjenige ist

gut, welches belustigt.

„Einfaltspinsel,“ rief Pécuchet, „was dich belustigt, ist nicht das,

was mich belustigt, und die andern und du selber, ihr werdet seiner

später müde werden. Wenn die Stücke durchaus geschrieben sind, um

aufgeführt zu werden, wie kommt es, daß die besten immer nur gelesen

werden?“ Und er wartete auf Dumouchels Antwort.

Dem Professor zufolge bewies die erste Aufnahme eines Stückes nichts.

Der „Misanthrop“ und „Athalie“ wären durchgefallen. „Zaïre“ werde

nicht mehr verstanden. Wer spricht heute von Ducange und von Picard?

Und er erinnerte sie an alle großen Erfolge der Zeit von „Fanchon la

Vielleuse“ bis zu „Gaspardo le Pêcheur“, beklagte den Verfall unserer

Bühne. Der Grund desselben ist die Mißachtung der Literatur oder

vielmehr des Stils.

Da fragten sie sich, worin eigentlich der Stil bestehe, und sie

erfuhren das Geheimnis aller seiner Arten dank den von Dumouchel

angegebenen Autoren.

Wie man den majestätischen, den temperierten, den naiven erhält, die

Wendungen, die edel, und die Worte, die gemein sind. „Hunde“ wird durch

„gefräßig“ gehoben. „Speien“ gebraucht man nur in figürlichem Sinne.

„Fieber“ wird für Leidenschaften verwandt. „Tapferkeit“ nimmt sich

schön im Verse aus.

„Wenn wir Verse machten?“ sagte Pécuchet.

„Später! Halten wir uns zunächst an die Prosa.“

Es wird ausdrücklich empfohlen, einen Klassiker zum Muster zu nehmen,

aber alle haben ihre Gefahren, und nicht nur ihr Stil ist fehlerhaft,

sondern auch ihre Sprache.

Eine solche Behauptung brachte Bouvard und Pécuchet aus der Fassung,

und sie machten sich an das Studium der Grammatik.

Haben wir in unserer Sprache den bestimmten und den unbestimmten

Artikel wie im Latein? Die einen sagen ja, die anderen nein. Sie wagten

nicht, sich zu entscheiden.

Das Subjekt stimmt stets mit dem Verb überein, ausgenommen in den

Fällen, wo das Subjekt nicht mit ihm übereinstimmt.

Früher unterschied man nicht zwischen dem Verbaladjektiv und dem

Partizip des Präsens; doch die Akademie stellt eine Unterscheidung auf,

die wenig bequem zu erfassen ist.

Sie waren glücklich, zu erfahren, daß „leur“ als Pronomen von Personen,

aber auch von Sachen gebraucht wird, während „où“ und „en“ von Sachen

und zuweilen von Personen gebraucht werden.

Soll man sagen „Cette femme a l’air bon“ oder „l’air bonne“? -- „une

bûche de bois sec“ oder „de bois sèche“, -- „ne pas laisser de“ oder

„que de“, -- „une troupe de voleurs survint“ oder „survinrent“?

Weitere Schwierigkeiten: „Autour“ und „à l’entour“, zwischen denen

Racine und Boileau keinen Unterschied machten; -- „imposer“ oder

„en imposer“, Synonyme bei Massillon und Voltaire; „croasser“ und

„coasser“, die von Lafontaine verwechselt werden, der doch einen Raben

von einem Frosch unterscheiden konnte.

Die Grammatiker sind sich allerdings nicht einig. Diese sehen eine

Schönheit, wo jene einen Fehler entdecken. Sie stellen Prinzipien auf,

deren Folgen sie nicht gelten lassen wollen, und sie erkennen Folgen

an, deren Prinzipien sie ablehnen, stützen sich auf die Überlieferung,

verwerfen die Meister und haben sonderbare Feinheiten. Ménage gibt

„nentilles“ und „castonade“ den Vorzug vor „lentilles“ und „cassonade“.

Bouhours verlangt „jérarchie“ und nicht „hiérarchie“ und Herr Chapsal

„les œils de la soupe“.

Pécuchet besonders war über Jénin erstaunt. Wie? „des z’annetons“

sollte besser sein als „des hannetons“, „des z’aricots“ als „des

haricots“, -- und unter Ludwig XIV. sprach man „Roume“ und Herr von

„Lioune“ aus, anstatt „Rome“ und Herr von „Lionne“!

Littré gab ihnen den Gnadenstoß durch die Versicherung, daß es niemals

eine wirkliche Rechtschreibung gegeben habe, und daß es niemals eine

geben werde.

Sie schlossen daraus, daß die Syntax Phantasie und die Grammatik

Täuschung sei.

Übrigens verkündete zu jener Zeit eine neue Rhetorik, man solle

schreiben wie man spricht, und alles werde sich gut ausnehmen, wofern

man nur empfunden, beobachtet habe.

Da sie empfunden und ihrer Ansicht nach auch beobachtet hatten, hielten

sie sich der Schriftstellerei für fähig; ein Theaterstück wird durch

die Enge des Rahmens schwierig, doch der Roman hat größere Freiheit.

Sie suchten, um einen zu schreiben, nach Stoff in ihren Erinnerungen.

Pécuchet erinnerte sich eines seiner Bureauchefs, eines ganz

niederträchtigen Menschen, und der Ehrgeiz packte ihn, sich an ihm

durch ein Buch zu rächen.

Bouvard hatte in der Kneipe einen alten Schreiblehrer gekannt, einen

Trunkenbold und heruntergekommenen Menschen. Nichts wäre spaßiger als

diese Persönlichkeit.

Nach Verlauf einer Woche gedachten sie, diese Vorwürfe in einen

zu verschmelzen, -- und dabei blieben sie stehen, gingen zu den

folgenden über: eine Frau, die das Unglück einer Familie verursacht,

-- eine Frau, ihr Gatte und ihr Liebhaber, -- eine Frau, die infolge

fehlerhafter Bildung tugendhaft ist, ein Ehrgeiziger, ein schlechter

Priester.

Sie versuchten mit diesen unbestimmten Konzeptionen Dinge zu verbinden,

die ihr Gedächtnis ihnen lieferte, kürzten, fügten hinzu.

Pécuchet war für Empfindung und Gedanken, Bouvard für das Bild und die

Farbe, -- und sie fingen an, einander nicht mehr zu verstehen; jeder

war erstaunt, den andern so beschränkt zu finden.

Die Wissenschaft, welche man Ästhetik nennt, würde vielleicht ihre

Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Ein Freund Dumouchels, Professor

der Philosophie, schickte ihnen ein Verzeichnis von Werken über die

Materie. Sie arbeiteten jeder für sich und teilten einander ihre

Betrachtungen mit.

Zunächst, was ist das Schöne?

Für Schelling ist es das Unendliche, das sich im Endlichen ausdrückt;

für Reid eine okkulte Eigenschaft; für Jouffroy ein unteilbares Etwas;

für De Maistre das, was der Tugend gefällt; für den Pater André das,

was der Vernunft entspricht.

Und es gibt mehrere Arten des Schönen: ein Schönes in den

Wissenschaften, die Geometrie ist schön; ein Schönes in den Sitten,

man kann nicht bestreiten, daß der Tod des Sokrates schön sei. Ein

Schönes im Tierreich. Die Schönheit des Hundes besteht in seinem

Geruch. Ein Schwein kann nicht schön sein in Anbetracht seiner unreinen

Gewohnheiten; eine Schlange ebenfalls nicht, denn sie erweckt in uns

Gedanken von Niedertracht.

Blumen, Schmetterlinge, Vögel können schön sein. Schließlich ist die

erste Bedingung des Schönen die Einheit in der Mannigfaltigkeit; das

ist das Prinzip.

„Indessen,“ sagt Bouvard, „sind zwei schielende Augen

abwechslungsreicher als zwei gerade blickende und machen doch einen

weniger guten Eindruck -- gewöhnlich wenigstens.“

Sie machten sich an die Frage des Erhabenen.

Gewisse Dinge sind an und für sich erhaben, das Getöse eines Stromes,

tiefe Finsternis, ein durch einen Sturm umgerissener Baum. Ein

Charakter ist schön, wenn er triumphiert, und erhaben, wenn er kämpft.

„Ich verstehe,“ sagte Bouvard, „das Schöne ist das Schöne und das

Erhabene das Sehrschöne.“ -- Wie die beiden unterscheiden?

„Vermittels des Takts,“ sagte Pécuchet.

„Und der Takt, woher kommt der?“

„Vom Geschmack!“

„Worin besteht denn der Geschmack?“

Man definiert ihn als eine besondere Unterscheidungsfähigkeit, ein

schnelles Urteilsvermögen, die Überlegenheit, gewisse Beziehungen zu

durchschauen.

„Schließlich ist der Geschmack der Geschmack, -- und alles das sagt

nicht, wie man dazu kommt.“

Man soll das Wohlanständige beobachten, -- aber das Wohlanständige

zeigt Unterschiede, -- und wie vollkommen auch ein Werk sei, es wird

niemals einwandfrei sein. Es gibt indessen ein unvergängliches Schönes,

über dessen Gesetze wir in Unkenntnis sind, denn seine Entstehung ist

von Geheimnissen umhüllt.

Da eine Idee nicht durch alle Formen ausgedrückt werden kann, so

müssen wir Grenzen zwischen den Künsten anerkennen, und in jeder Kunst

wieder mehrere Unterarten; doch entstehen Mischarten dort, wo man den

Stil der einen in die andere übergehen läßt aus Furcht, vom Endzweck

abzugeraten, nicht wahr zu sein.

Die zu getreue Anwendung des Wahren schadet der Schönheit; und die

Bevorzugung der Schönheit ist dem Wahren hinderlich; indessen, ohne

Ideal keine Wahrheit; -- deshalb ist der Typus von dauerhafterer

Realität als ein Porträt. Zudem geht die Kunst nur auf wahrscheinliche

Ähnlichkeit aus, diese jedoch hängt vom Beobachter ab, ist etwas

Relatives, Vergängliches.

So verloren sie sich in Spitzfindigkeiten. Bouvard glaubte immer

weniger an die Ästhetik.

„Wenn sie kein Schwindel ist, so muß ihre Gesetzmäßigkeit sich an

Beispielen erweisen lassen. Nun höre!“

Und er las eine Notiz, die er nach langem Suchen gefunden hatte.

„Bouhours wirft Tacitus vor, er lasse die Schlichtheit vermissen,

welche die Geschichte verlangt.“

„Herr Droz, ein Professor, tadelt Shakespeare, weil er Ernstes

und Komisches durcheinander mischt. Nisard, ebenfalls Professor,

findet, daß André Chénier als Poet unter dem Niveau des siebzehnten

Jahrhunderts stehe. Blair, ein Engländer, beklagt bei Virgil das

Bild der Harpyen. Marmontel seufzt über die Freiheiten, die Homer

sich erlaubt. Lamotte läßt die Unsterblichkeit seiner Helden nicht

gelten. Vida entrüstet sich über seine Vergleiche. Kurz, alle diese

Verfertiger von Rhetoriken, Poetiken und Ästhetiken scheinen mir

Einfaltspinsel zu sein!“

„Du übertreibst!“ sagte Pécuchet.

Zweifel quälten ihn, -- denn wenn die mittelmäßigen Geister (wie Longin

bemerkt), unfähig sind, Fehler zu machen, so sind die Fehler Sache der

Meister, und man sollte sie bewundern? Das ist zu stark! Die Meister

sind doch die Meister! Er hätte die Doktrinen mit den Werken, die

Kritiker mit den Dichtern in Einklang setzen wollen, die Wesenheit des

Schönen erfassen, -- und diese Fragen setzten ihm so zu, daß seine

Galle davon in Fluß kam. Er bekam eine Gelbsucht.

Sie war in ihrem höchsten Stadium angelangt, als Marianne, die Köchin

der Frau Bordin, kam, um Bouvard um eine Unterredung zu bitten.

Seit der dramatischen Sitzung hatte die Witwe sich nicht wieder blicken

lassen. -- Sollte das ein Annäherungsversuch sein? Doch wozu Mariannens

Vermittlung? Und die ganze Nacht hindurch kam seine Phantasie nicht zur

Ruhe.

Am folgenden Morgen ging er gegen zehn im Hausflur auf und ab und

schaute von Zeit zu Zeit durchs Fenster; die Schelle ertönte. Es war

der Notar.

Er durchschritt den Hof, stieg die Treppe empor, setzte sich in den

Sessel, und nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, sagte er,

daß er vorangegangen sei, müde, Frau Bordin zu erwarten. Sie wünsche

Bouvard die Ecalles abzukaufen.

Bouvard überlief es kalt, und er ging in Pécuchets Zimmer hinüber.

Pécuchet wußte nicht, was er antworten sollte. Er war in Aufregung, --

da Herr Vaucorbeil jeden Augenblick kommen mußte.

Endlich kam sie. Ihre Verspätung erklärte sich aus der Sorgfalt ihrer

Toilette: ein Kaschmir, ein Hut, Glacéhandschuhe, der Anzug, der zu

feierlichen Gelegenheiten gehört.

Nach vielen Umschweifen fragte sie, ob tausend Taler nicht genug sein

würden.

„Ein Acker für tausend Taler? Unmöglich!“

Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass · 第 16 / 32 题