Als sie gehen wollten, kam dem Bibliothekar ein neuer Gedanke, und er
zeigte ihnen ein zweites Porträt des Herzogs von Angoulême.
Auf diesem war er als Kürassier-Oberst von der Seite dargestellt mit
noch kleinerem Auge, offenem Munde und straffem, flatterndem Haar.
Wie diese beiden Porträts miteinander vereinigen? Hatte er glattes oder
krauses Haar, vorausgesetzt, daß er die Eitelkeit nicht so weit trieb,
es sich brennen zu lassen?
Eine Frage von Wichtigkeit, wie Pécuchet meinte, denn das Haar gibt das
Temperament, das Temperament das Individuum.
Bouvard dachte, daß man nichts über einen Mann weiß, solange man seine
Leidenschaften nicht kennt, und um diese beiden Punkte aufzuhellen,
gingen sie zum Schloß von Faverges. Der Graf war nicht anwesend, das
verzögerte die Fertigstellung ihres Werkes. Sie kehrten ärgerlich nach
Hause zurück.
Die Tür des Hauses stand weit offen; in der Küche niemand. Sie stiegen
die Treppe empor; und was erblickten sie in Bouvards Zimmer? Frau
Bordin, die nach rechts und links schaute:
„Verzeihen Sie,“ sagte sie, sich zu einem Lachen zwingend. „Seit einer
Stunde suche ich Ihre Köchin, ich muß sie wegen meiner Konfitüren
sprechen.“
Sie fanden sie tief eingeschlummert auf einem Stuhle im Holzstall. Man
schüttelte sie wach. Sie schlug die Augen auf.
„Was gibt es wieder? Immer plagen Sie mich mit Ihren Fragen!“
Es war klar, daß Frau Bordin in Abwesenheit der Herren die Köchin
ausfragte.
Germaine erwachte aus der Betäubung und erklärte, von einem Unwohlsein
befallen zu sein.
„Ich bleibe da, Sie zu pflegen,“ sagte die Witwe.
Dann bemerkten sie im Hofe eine große Haube, deren Flügel im Winde
wehten. Es war Frau Castillon, die Pächterin. Sie rief: „Gorju! Gorju!“
Und vom Boden antwortete hell die Stimme ihrer kleinen Dienstmagd:
„Er ist nicht da!“
Sie kam nach Verlauf von fünf Minuten mit roten Backen und in Erregung
herunter. Bouvard und Pécuchet warfen ihr ihre Langsamkeit vor. Sie
knöpfte ihnen ohne Murren ihre Gamaschen ab.
Dann gingen sie und besichtigten die Truhe.
Ihre Stücke lagen zerstreut auf dem Boden des Backhauses umher; die
Schnitzereien waren beschädigt, die Türflügel zerbrochen.
Bei diesem Anblick, vor dieser neuen Enttäuschung schluckte Bouvard
seine Tränen herunter, und Pécuchet wurde von einem Zittern befallen.
Gorju, der fast im selben Augenblick dazu kam, erklärte den Fall: er
hatte gerade die Truhe herausgestellt, um sie zu lackieren, als eine
verirrte Kuh sie umgeworfen hatte.
„Wessen Kuh?“ fragte Pécuchet.
„Ich weiß es nicht.“
„Nun! Sie hatten die Tür offen gelassen wie jetzt eben! Das ist Ihre
Schuld!“
Übrigens verzichteten sie nun darauf. Schon zu lange halte er sie zum
Narren, und sie dankten für seine Person wie für seine Arbeit.
Die Herren seien im Irrtum. Der Schaden sei nicht so groß. In weniger
als drei Wochen würde alles fertiggestellt sein, und Gorju begleitete
sie in die Küche, wo Germaine schleppenden Schrittes anlangte, um das
Mahl zu bereiten.
Sie bemerkten auf dem Tische eine Flasche Calvados, die zu drei
Vierteln geleert war.
„Gewiß von Ihnen!“ sagte Pécuchet zu Gorju.
„Ich! trinke nie einen Tropfen.“
Bouvard wandte ein:
„Sie waren der einzige Mann im Hause.“
„Na, und die Frauen?“ entgegnete der Arbeiter mit einem Seitenblick.
Germaine fing ihn auf:
„Sagen Sie lieber, ich sei es gewesen!“
„Gewiß, Sie sind es!“
„Und vielleicht habe ich auch den Schrank zerbrochen!“
Gorju machte eine Drehung.
„Sehen Sie denn nicht, daß sie betrunken ist!“
Da begannen sie ein heftiges Gezänk, er bleich, höhnend, sie dunkelrot,
die Büschel ihres grauen Haares unter ihrer Nachtmütze raufend. Frau
Bordin verteidigte Germaine, Mélie Gorju.
Die Alte hielt nicht mehr an sich.
„Ob das keine Schande ist, daß sie die Tage zusammen im Gebüsch
verbringen, von den Nächten gar nicht zu reden! Verdammter Pariser,
Mädchenverführer! Kommt da zu unsern Herren, um ihnen Possen
vorzuspielen!“
Bouvard riß die Augen auf.
„Was für Possen!“
„Ich sage, daß man Ihnen auf der Nase herumtanzt!“
„Man tanzt mir nicht auf der Nase herum!“ rief Pécuchet, und
entrüstet über ihre Unverschämtheit, wütend über den Verdruß, gab
er ihr den Laufpaß: sie möge sich trollen. Bouvard stellte sich
dieser Entscheidung nicht entgegen, und sie gingen davon, Germaine
zurücklassend, die über ihr Unglück schluchzte, während Frau Bordin sie
zu trösten suchte.
Am Abend, als sie ruhig geworden waren, überdachten sie die
Geschehnisse und fragten sich, wer den Calvados getrunken habe, auf
welche Weise das Möbel zerbrochen sei, was Frau Castillon begehrte, als
sie Gorju rief, -- und ob er Mélie entehrt habe.
„Wir wissen nicht,“ sagte Bouvard, „was in unserem Hause vorgeht,
und wir maßen uns an, herauszufinden, welcher Art das Haar und die
Liebeleien des Herzogs von Angoulême waren.“
Pécuchet fügte hinzu:
„Wieviel wichtiger und schwieriger diese Fragen doch sind!“
Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten.
Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die
Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. -- „Lassen wir uns ein
paar historische Romane kommen!“
V
Sie lasen zunächst Walter Scott.
Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf.
Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen
gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister,
Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die
berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen
und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der
Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache
der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte
Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der
Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande
galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher,
der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne
erglänzt auf Panzerhemden, der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die
Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die
Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin.
Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale
zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand
einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte,
gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und
setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht
zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm
seiner Mütze tief in die Stirn.
Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den
Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit
gegen die materiellen Dinge nachgegeben.
Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne.
Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie
Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den
Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie
geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es
gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht
durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit
zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus
ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln.
Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren,
konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius,
Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen.
Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem
Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis
dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt,
die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im
fünfzehnten Jahrhundert.
Pécuchet benutzte die allgemeine Biographie zum Nachschlagen und
unternahm es, Dumas auf die wissenschaftliche Richtigkeit zu prüfen.
In den „Beiden Dianen“ irrt sich der Verfasser bezüglich der Daten.
Die Hochzeit des Dauphins François fand am 15. Oktober 1548 statt und
nicht am 20. März 1549. Wie kann er wissen (vergl. den „Pagen des
Herzogs von Savoyen“), daß Katharina von Medici nach dem Tode ihres
Gatten den Krieg wieder beginnen wollte? Es ist wenig wahrscheinlich,
daß man den Herzog von Anjou des Nachts in einer Kirche gekrönt hat,
eine Episode, welche die „Dame von Montsoreau“ ziert. Die „Königin
Margot“ im besonderen wimmelt von Irrtümern. Der Herzog von Nervers war
nicht abwesend. Er stimmte vor Saint-Barthélemy im Rat ab, und Heinrich
von Navarra folgte nicht der Prozession vier Tage später. Heinrich III.
kam so schnell nicht aus Polen zurück. Zudem, wieviel Gewäsch. Das
Wunder des Weißdorns, der Balkon Karls IX., die vergifteten Handschuhe
der Jeanne d’Albert: Pécuchet hatte kein Vertrauen mehr zu Dumas.
Er verlor sogar alle Achtung vor Walter Scott wegen der Schnitzer
in „Quentin Durward“. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich ist
um vierzehn Tage früher gelegt. Die Frau Roberts von Lamarck war
Johanna von Arschel und nicht Hameline von Croy. Weit entfernt, von
einem Soldaten getötet zu werden, wurde er vielmehr von Maximilian
umgebracht, und das Antlitz des Kühnen drückte, als man seinen Leichnam
fand, keineswegs eine Drohung aus, da die Wölfe es halb zernagt hatten.
Trotzdem setzte Bouvard die Lektüre Walter Scotts fort, langweilte
sich jedoch schließlich bei der Wiederholung derselben Effekte.
Gewöhnlich lebt die Heldin mit ihrem Vater auf dem Lande, und der
Liebhaber, ein gestohlenes Kind, wird wieder in seine Rechte eingesetzt
und triumphiert über seinen Nebenbuhler. Stets finden sich ein
philosophischer Bettler, ein mürrischer Schloßherr, unschuldige junge
Mädchen, spaßige Diener und endlose Dialoge, eine dumme Prüderie, ein
vollständiger Mangel an Tiefe.
Aus Haß gegen den Plunder griff Bouvard zu George Sand.
Er begeisterte sich für die schönen Ehebrecherinnen und die edlen
Liebhaber, hätte Jacques, Simon, Bénédict, Lélio sein und in Venedig
wohnen mögen. Er seufzte, wußte nicht, was er hatte, fand sich selbst
verändert.
Pécuchet, der die historische Literatur bearbeitete, studierte die
Theaterstücke.
Er verschlang zwei Pharamonds, drei Chlodwige, vier Karl der Große,
mehrere Philippe-Auguste, eine Menge Jungfrauen von Orleans und sehr
viele Marquisen von Pompadour und Verschwörungen von Cellamare.
Fast alle erschienen ihm noch dümmer als die Romane. Denn für das
Theater gibt es eine konventionelle Geschichte, die nichts zu zerstören
vermag. Ludwig XI. wird nicht verfehlen, vor den Figurinen seines
Hutes niederzuknien; Heinrich IV. wird beständig jovial sein; Maria
Stuart weinerlich, Richelieu grausam, kurz, alle Charaktere erscheinen
aus einem Stück, aus Liebe zu einfachen Ideen und aus Achtung vor der
Unwissenheit, so daß der Dramatiker, anstatt zu erheben, hinabzieht,
anstatt zu belehren, verdummt.
Da Bouvard ihm George Sand gerühmt hatte, machte sich Pécuchet an
die Lektüre von „Consuelo“, „Horace“, „Mauprat“, wurde durch die
Verteidigung der Unterdrückten, die soziale und republikanische Seite,
die Tendenz mitgerissen.
Nach Bouvards Ansicht verdarb sie die Fiktion, und er verlangte in der
Leihbibliothek Liebesromane.
Mit lauter Stimme lasen sie abwechselnd „La Nouvelle Héloise“,
„Delphine“, „Adolphe“, „Ourika“. Doch das Gähnen dessen, der zuhörte,
steckte seinen Genossen an, der das Buch bald zur Erde fallen ließ.
Allen diesen Büchern machten sie den Vorwurf, daß sie nichts mehr über
das Milieu, die Epoche, das Kostüm der Personen sagten; das Herz allein
wurde behandelt; immer Gefühle! Als wenn die Welt aus nichts anderem
bestände.
Dann versuchten sie es mit humoristischen Romanen, wie die „Reise durch
mein Zimmer“ von Xavier de Maistre, „Unter den Linden“ von Alphonse
Karr. Bei dieser Art von Büchern wird die Erzählung unterbrochen,
damit der Autor von seinem Hunde, von seinen Pantoffeln oder von
seiner Geliebten sprechen kann. Zuerst entzückte sie ein solches
Sichgehenlassen, dann schien es ihnen dumm, denn der Verfasser schädigt
sein Werk, indem er sich mit seiner Person darin breit macht.
Aus Hang zum Dramatischen vertieften sie sich in die Abenteuerromane;
die Intrigue interessierte sie um so mehr, je verwickelter,
außerordentlicher und unmöglicher sie war. Sie bemühten sich, die
Lösung vorauszusehen, wurden darin sehr stark und verloren den
Geschmack am spielerisch Leichten, der ernsthafter Geister unwürdig sei.
Balzacs Werk setzte sie in Staunen, denn es war ein Babylon und
nahm sich zugleich wie Staubkörner unter dem Mikroskop aus. Von den
alltäglichsten Dingen entstand ein neues Bild. Sie hatten nicht
vermutet, daß das moderne Leben so tief sei.
„Welch ein Beobachter!“ rief Bouvard aus.
„Ich finde, er ist ein Phantast,“ sagte schließlich Pécuchet.
„Er glaubt an die okkulten Wissenschaften, an die Anarchie, den Adel,
ist von den Schurken geblendet, rührt in Millionen herum, als wenn es
Centimes wären, und seine Bürger sind keine Bürger, sondern Kolosse.
Warum aufblasen, was platt ist, und soviel Dummheiten beschreiben!
Er hat einen Roman über die Chemie geschrieben, einen anderen über
das Bankwesen, einen dritten über Druckmaschinen. Gerade wie ein
gewisser Ricard ‚Der Droschkenkutscher‘, ‚Der Wasserträger‘, ‚Der
Kokosnußhändler‘ geschrieben hatte. Wir würden Romane über alle Berufe
und alle Provinzen bekommen, dann über alle Städte und die Etagen eines
jeden Hauses und jedes Individuum, was keine Literatur mehr wäre,
sondern Statistik oder Ethnographie.“
Bouvard zufolge hatte das Verfahren nur geringe Bedeutung. Er wollte
sich unterrichten, in der Kenntnis der Sitten weiterkommen. Er las
Paul de Kock wieder, durchblätterte alte Nummern der Zeitschrift: „Der
Eremit der Chaussée d’Antin.“
„Wie kann man seine Zeit mit solchen Torheiten vergeuden,“ sagte
Pécuchet.
„Aber in der Folgezeit wird das als Dokument sehr interessant sein.“
„Geh zum Teufel mit deinen Dokumenten! Ich verlange etwas, das mich
begeistert, das mich dem Elend dieser Welt entrückt!“
Und Pécuchet, dessen Gedanken auf das Ideale gerichtet waren, lenkte
Bouvards Aufmerksamkeit, ohne daß dieser es merkte, auf die Tragödie.
Die Ferne, in der sie vor sich geht, die Interessen, die man darin
behandelt, und der Rang der Personen gaben ihnen gleichsam ein Gefühl
von Größe.
Eines Tages nahm Bouvard „Atalie“ zur Hand und trug den Traum so
ausgezeichnet vor, daß Pécuchet ihn seinerseits versuchen wollte.
Gleich von den ersten Worten an verlor sich seine Stimme in einer Art
Gemurmel. Sie war eintönig und trotz ihrer Stärke undeutlich.
Bouvard, der voller Erfahrung darin war, riet ihm, um sie geschmeidig
zu machen, sie vom tiefsten bis zum höchsten Tone und umgekehrt
zu entfalten -- indem er zwei Tonleitern, eine steigende und eine
fallende, übte -- und er selbst gab sich dieser Übung morgens in seinem
Bette hin, nach der Vorschrift der Griechen auf dem Rücken liegend.
Pécuchet übte während jener Zeit auf dieselbe Weise: ihre Tür war
geschlossen, und sie blökten jeder für sich.
Was ihnen an der Tragödie gefiel, war der Schwung, die Reden über
Politik, die verderbten Grundsätze.
Sie lernten die berühmtesten Dialoge aus Racine und Voltaire auswendig,
und sie sagten sie im Hausflur her. Gerade wie im Théâtre Français ging
Bouvard, die Hand auf Pécuchets Schulter gelegt, indem er von Zeit
zu Zeit stehen blieb, und er breitete, die Augen rollend, die Arme
aus, klagte das Schicksal an. Er hatte im „Philoktet“ von La Harpe
wundervolle Schmerzensschreie, in „Gabrielle von Vergy“ ein reizendes
Schluchzen, und wenn er Dionys, den Tyrannen von Syrakus, darstellte,
hatte er eine Art, seinen Sohn anzusehen, wenn er ihn: „Ungeheuer,
meiner würdig!“ anredete, die wirklich schrecklich war. Pécuchet geriet
darüber aus seiner Rolle. Die Mittel fehlten ihm, nicht der gute Wille.
Einmal kam ihm in der „Kleopatra“ von Marmontel der Gedanke, das
Zischen der Natter wiederzugeben, so wie es der zu dem Zwecke von
Vaucanson erfundene Automat hatte hervorbringen müssen. Es mißlang,
und der verunglückte Versuch gab ihnen bis zum Abend zu lachen. Die
Tragödie sank in ihrer Achtung.
Bouvard war ihrer zuerst müde, und indem er mit Freimut darüber sprach,
zeigte er, wie künstlich und hinkend sie sei, wie dumm ihre Mittel und
wie lächerlich die Vertrauten.
Sie machten sich an die Komödie, die Schule der feinen Nuancen. Man
muß die Sätze zergliedern, die einzelnen Worte hervorheben, die Silben
wägen. Pécuchet konnte nicht damit fertig werden und scheiterte
vollständig in „Célimène“.
Zudem fand er die Liebenden sehr kühl, die Klugschwätzer langweilig,
die Diener unausstehlich, Clitander und Sganarelle ebenso falsch wie
Ägisth und Agamemnon.
Blieb die ernste Komödie oder bürgerliche Tragödie, in der man
trostlose Familienväter, Diener, die ihre Herren retten, Reiche, die
ihr Vermögen verschenken, unschuldige Näherinnen und elende Verführer
sieht, ein Genre, das sich von Diderot bis zu Pixérécourt fortsetzt.
Alle diese Tugend predigenden Stücke stießen sie durch ihre Trivialität
ab.
Das Drama von 1830 entzückte sie durch seine Bewegung, seine Farbe,
seine Jugendfrische.
Sie machten durchaus keinen Unterschied zwischen Victor Hugo, Dumas
oder Bouchardy, und die Sprache durfte nicht mehr pomphaft oder fein,
sondern mußte lyrisch, regellos sein.
Als Bouvard eines Tages versuchte, Pécuchet das Spiel Frédéric
Lemaîtres beizubringen, erschien plötzlich Frau Bordin in ihrem grünen
Schal, einen Band Pigault-Lebrun in der Hand, den sie zurückbrachte,
denn die Herren hatten die Gefälligkeit, ihr zuweilen Romane zu leihen.
„Aber fahren Sie fort!“ denn sie stand dort seit einer Minute und hörte
ihnen mit Vergnügen zu.
Sie machten Ausflüchte. Sie wurde dringend.
„Lieber Gott!“ sagte Bouvard, „nichts hindert uns!“
Pécuchet schützte aus falscher Scham vor, sie könnten nicht ohne
Vorbereitung und ohne Kostüm spielen.
„In der Tat! wir müßten uns verkleiden!“
Und Bouvard suchte nach irgendeinem Gegenstand, fand nur die
Zipfelmütze und setzte sie auf.
Da der Flur nicht breit genug war, gingen sie in den Salon hinab.
Spinnen liefen an den Wänden entlang, und die den Boden versperrenden
geologischen Proben hatten weißen Staub über den Samt der Sessel
gelegt. Über den am wenigsten schmutzigen breitete man ein Wischtuch,
damit Frau Bordin sich setzen konnte.
Man mußte ihr etwas Ordentliches bieten. Bouvard war ein Verehrer des
„Turms von Nesle“. Aber Pécuchet fürchtete sich vor den Rollen, die zu
viel Spiel erfordern.
„Sie wird Klassisches vorziehen! Wie war’s mit Phädra?“
„Ausgezeichnet!“
Bouvard erzählte die Fabel. -- „Es ist eine Königin, deren Gatte von
einer anderen Frau einen Sohn hat. Sie ist toll verliebt in den jungen
Mann, -- bist du bereit? Dann also los!“
„_Ja, Prinz, ich schmachte, ich bin entbrannt für Theseus. Ich
liebe ihn._“
Und während er zu Pécuchet von der Seite sprach, bewunderte er dessen
Haltung, Gesicht, „dies Haupt, das mich berückt,“ jammerte, ihn nicht
auf den griechischen Schiffen gesehen zu haben, hätte sich mit ihm ins
Labyrinth verlieren mögen.
Die Quaste der roten Mütze neigte sich verliebt, -- und seine zitternde
Stimme und sein gutes Gesicht beschworen den Grausamen, mit seiner
Liebesraserei Mitleid zu haben. Pécuchet ächzte, um Erregung zu zeigen,
während er sich umwandte.
Frau Bordin, die regungslos zuhörte, riß die Augen auf wie vor
Taschenspielern; Mélie horchte hinter der Tür. Gorju sah ihnen in
Hemdsärmeln durch das Fenster zu.
Bouvard begann die zweite Tirade. Sein Spiel drückte die Raserei
der Sinne aus, Gewissensbisse, Verzweiflung; und er stürzte sich
mit solcher Gewalt auf das hinzugedachte Schwert Pécuchets, daß er,
zwischen den Steinen stolpernd, beinahe hinfiel.
„Lassen Sie sich dadurch nicht stören! Dann kommt Theseus, und sie
vergiftet sich!“
„Arme Frau!“ sagte Frau Bordin.
Schließlich baten sie sie, ihr ein Stück anzugeben.
Die Wahl machte ihr Verlegenheit. Sie hatte nur drei Stücke gesehen:
„Robert der Teufel“ in der Hauptstadt, „Der junge Gatte“ in Rouen, und
ein drittes in Falaise, das sehr lustig war, und das man „Die Karre des
Essigkrämers“ nannte.
Endlich schlug ihr Bouvard die große Szene aus dem dritten Akt des
„Tartufe“ vor.
Pécuchet hielt eine Erklärung für nötig:
„Man muß wissen, daß Tartufe...“