Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies
alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim
Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten
Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung
fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.
In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit
der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.
Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll,
wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrüssen,
und Max empfing manchen beredten Händedruck ...
Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...
Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm
verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.
Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein
anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.
Seine Excellenz »sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem
Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«,
und könne also auch Havelaar nicht empfangen.
Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung
hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf
die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn
er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche
'Überhäufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun
natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit:
er wartete!
Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man
gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne,
weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden
Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.
Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe
Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte
zwischen zwei 'Überhäufungen'.
Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen
werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft
an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann
und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um
die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde
schien man ihm nicht geben zu wollen.
Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den
er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen
Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht
mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass
einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies,
um nicht aus dem Mangel buchstäblicher Übereinstimmung bei diesem
Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen
offiziellen Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine
fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht
hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen
genauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen
können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich
korrekt war der Inhalt also:
»Batavia, 23. Mai 1856.
Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen
gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu
werden, ist ohne Erfolg geblieben.
Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten
Ersuchen um Audienz Folge zu geben.
Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig
bei dem Gouvernement aufgenommen sind«--das sind Eurer Excellenz
eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen
Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern
gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und
für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer
Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hört man
zum mindesten.
Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife
ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen
haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.
Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht
verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine
Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht,
mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.
Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz
Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind durchweg
erdichtet und lügenhaft.
Ich kann dieses beweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer
Excellenz mir eine halbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn
Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit hätten finden können,
um recht zu thun!
Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch
an den Bettelstab gebracht ...
Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.
Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von
Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane
gebeugt geht ... und darüber klage ich.
Das schreit zum Himmel!
Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen
indischen Soldes, Excellenz!
Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese
Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht
für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache
der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache
wohlerfasster Politik ist.
So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können,
von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird
beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet
zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen,
die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde,
in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in
der Bevölkerung umgeht.