Max Havelaar.«

Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.

Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes

bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen

trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort,

ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz

zur Ruhe begeben ins Mutterland!

Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...

Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist

nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich

ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte

dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich

liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist

genug, Stern, du kannst gehen.

Der Shawlmann und seine Frau ...

Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher

Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum

Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen

Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!

Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder

auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese

Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.

Dieses Ziel ist zweiteilig:

Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als

heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem

Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.

Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.

Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden!

Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern,

die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von

Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen,

von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an

den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich

für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande

... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen

... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich

den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das

Göttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und

Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem

sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am

lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs

... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen,

was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von

Niederland gehört ...

Ja, ich werde gelesen werden!

Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir

nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben,

dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt' den

Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das

Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art

und Weise beurteilen wird, wie ich mein »Halt' den Dieb!« hinausschrie.

»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt

... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein

Talent ... keine Methode ...

Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt!

Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!

Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird

sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht, dass ich gehört

werde. Und das will ich!

Doch ihr, die ich euch störe in euren 'Arbeitsüberhäufungen' oder

in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet

nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie

könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer

Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke

geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im

Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die

Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten

vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu

bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...

... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten

gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum

Aufstande zwang.

... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man

durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die öffentliche

Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft.

Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette,

und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!

Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir

fort und fort nicht glaubte ...

Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich

kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa

zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.

Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:

Es liegt ein Raubstaat an der See,

Zwischen Ostfriesland und der Schelde!

Und wenn auch das nichts fruchtete?

Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische,

Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...

Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter

der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!

Rettung und Hülfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf

dem rechtmässigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss.

Und das würde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der

Niederländischen Handelsgesellschaft!

Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer

wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines

Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.

Dieses Buch ist eine Einleitung ...

Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es

nötig sein wird ...

Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!

Nein, es wird nicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch,

Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz,

Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE,

das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...

Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher

Wille ist:

Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und

Droogstoppels?

Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen

misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen?

Max Havelaar · 第 49 / 109 题