Max Havelaar.«

Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein,

der Herr Slymering, privatim!

Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art

und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt

wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der

Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis

gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu

»schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden

Geschäften störe«!

Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige

Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und

traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des

Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den

Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander

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Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser,

dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die

Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen

der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen

bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken,

dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er

so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre,

drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die

wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach

der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn,

schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst

recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler

in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn

man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich

das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe

es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch

einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der

Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann

zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau

zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib

weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag

Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst

nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen

und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne

stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge

habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte

also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von

selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah

ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes

Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche

Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr

schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf

dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche

Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und

... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen

Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und

es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf

losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass

Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von

derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem

schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die

Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und

darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen

will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein

Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken

besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin

und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau,

wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus,

als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe

ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich

gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn

auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir

eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen

Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig

gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann

führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah

ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über

diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer

unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht

auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen

im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass

die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens

war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name

angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt

von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein,

der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau

des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden,

der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne,

der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass

der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl

sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte,

indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum

HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie

die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch

vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre

Schande für die Familie bedeute«.

Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da

in diesem Briefe stand.

Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare

Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder

das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss

also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen

Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse,

und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren,

weil unser Geschäft so flott geht.

Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es

gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett

gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind

wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen,

mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der

Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die

sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau

und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und

meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte,

brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich

sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung

ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan

zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in

der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich

ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf

den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den

Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich

alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir

gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich

würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in

enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran,

dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten,

die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das

nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte,

als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen

Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich,

weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe,

dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz

offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem

Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.

Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei

einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun

auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich,

ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte

sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine

rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu

besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst

blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das

Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal,

eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu

sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und

ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt

wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte

wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein

noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und

auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an,

gerade wie der Kutscher.

Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des

Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran

ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im

Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an

all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich

brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer

sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran

that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person,

die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über

sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft

Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte

seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus

dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all

diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu

sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr

zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem

Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich.

Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie

erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch

wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen

nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den

Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an

die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis

dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und

rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug

von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte,

als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein

Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen

ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang

geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch

ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er

Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck &

Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte,

denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge

ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen.

Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr,

der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die

Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm

für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen

anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen

Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er

konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er

sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee,

den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei,

dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der

eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern

möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass

der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert

hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden

Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch

sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon

gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel

um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre,

und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube

im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem

er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu

kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle

Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich

nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet«

vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so

wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor

Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele

wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor

allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren

und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.

Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der

Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen

und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig,

mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen

nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn

als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof,

einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste,

die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns

mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und

ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden,

wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns

da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen,

denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu

kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat

war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation

schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk

Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und

ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich.

Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer

so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und,

als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in

gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel

seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen

zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine

Frau fand es auch.

Max Havelaar · 第 43 / 109 题