Und Verbrugge konnte gehen. [6]

Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit

besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war,

schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.

--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit

Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.

Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und

rief schluchzend:

--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken

zusammen!

Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht

zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?

Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift

gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter

denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu

haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus

hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog,

den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch

nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu

betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte

Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner

Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen,

doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die

Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu

lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht

sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.

In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften,

die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube

ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu

dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie

diese Änderung bereitwillig hinnehmen.

»No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.

Geheim. Eile.

An den Residenten von Bantam.

Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich

mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die

Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen

gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des

'Pundutan' und dergleichen erfüllen.

Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität

und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess,

die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits

weit überschritt.

Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren,

und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch

Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um

mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen:

dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte

Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt

würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die,

wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in

Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete

von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor,

zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit

grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der

Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status

seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche

Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge

zu treffen.

Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon

geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit

gegenüber weiteren Fällen.

Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder

Ungesetzlichkeit.

Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den

Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand

Kenntnis verschafft.

Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler

Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich

kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:

dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta

Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch

ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten,

und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung

von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich

festgestellte, unausreichende Bezahlung;

dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen

Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den

genannten Thatsachen.

Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die

Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:

1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile

nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder

vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch

Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen,

die ich werde einholen müssen;

2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu

nehmen;

3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren

Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss

auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung

ausüben könnten;

4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von

dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.

Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben,

den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.

Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die

Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die

Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt

der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste

im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls

sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert,

dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist

(also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei

und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut.

Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit

dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus

der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das

eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit

dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht,

ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle.

Der Assistent-Resident von Lebak,

Max Havelaar · 第 42 / 109 题