Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es:
»Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die
Wange herab.
Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der
großen Zeit -- --
Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter
Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend -- standen
die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich
gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr.
Und das andere, -- der Feind, der Deutschland knebelte und in den
Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele
mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen,
manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe
weisen, -- ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward?
Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus.
Aufmerksam hörte er ihr zu.
»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, -- erwiderte er, als sie
geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser
Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften,
für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der
Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet,
noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies
Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen
vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, -- nur ein
völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.«
Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und
religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir
im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der
Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht,
sondern daß er -- wenn auch erst seit einigen Monaten -- besteht. Wie
viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach
einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen
wollten! Hab' ich nicht recht?«
»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick
auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt
haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie
wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte,
denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das
darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben,
-- die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich
ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?«
In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über
der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich
glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch
einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹«