Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre
jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden
mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! --
Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem
Vater, -- er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.«
Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der
Erblandmarschall erzählte.
Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie
ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die
Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet,
nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von
Krankheit und Greisenalter.
›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen
ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹
»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre
auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die
Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl
Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht
verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, -- na,
da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!«
Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan,
Exzellenz!«
Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise.
Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag.
An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem
Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied
bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede
unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, -- heute stand
Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte.
Er erriet ihre Gedanken.
»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's
verstehen! Man muß dabei gewesen sein! Siebzig war ein Kinderspiel
gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen
Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser
ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste
Burg‹ gesungen, -- kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber
auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich
freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, --
ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, -- aber niemals hat
Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken,
daß wir solchen Kaiser haben!«
Sie nickte.
Still war's zwischen den beiden Alten.
»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie
dann.
»Nein? das freut mich! -- Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte
ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu
wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der
gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, -- dafür
sorgt schon die Heimatliebe, -- aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas
anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät,
die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, -- Millionen
Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu
erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe
Not, -- sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, -- das gehört
auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt!
Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte
sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten -- --
Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was
Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt, hatte der Mann
in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann
blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das
weiße Haupt geneigt, -- und mehr noch -- Job Wilhelm von Bühler hatte
Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie
dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt,
eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit
sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen
wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf
die gepanzerte Lichtgestalt richtete!
So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde
in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der
Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte,
da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am
hellsten leuchteten.